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SchuleBrücken bauen

Herkunftssprachliche Pädagog*innen können eine besondere Rolle spielen, um Eltern und Schüler*innen besser einzubinden und Integration zu fördern.

05.10.2017 - von Abdulkadir Ulumaskan

Durch Globalisierung, Migration und Fluchtbewegungen spielen Multikulturalität und Mehrsprachigkeit eine zunehmend große Rolle. In einer Mehrheitsgesellschaft wie in Deutschland, in der verschiedene Gruppen nebeneinander leben, benötigt zwischenmenschliche Kommunikation nicht nur eine Sprache oder Kultur, sondern eine Vielzahl an Sprachen und Kulturen. Das anzuerkennen ist wichtig, um Integration gelingen zu lassen.

Aus dem Nebeneinander der Kulturen soll ein Miteinander werden. Erst dann wird Integration zu der Verbindung verschiedener Menschen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit, ohne dass bestimmte Gruppen ihre Identität aufgeben müssen. Zugewanderte sollten mit Alteingesessenen das Recht teilen können, ihre Kultur und Lebensart frei auszuleben und zu pflegen.

Beide Seiten verstehen

Pädagog*innen können hier eine wichtige Rolle spielen, wenn sie Integration als Bestandteil von Erziehung verstehen. Gehen wir davon aus, dass es zwei Seiten gibt, die Menschen auf der einen Seite, die integriert werden sollen und die auf der anderen Seite, die sie integrieren wollen. Um sich begegnen zu können, benötigen sie eine Brücke zwischen den beiden Seiten. Damit diese Brücke entsteht, müssen sich alle beteiligen und aufeinander zu bewegen. Um den Bau der Brücke zu unterstützen, braucht es Fachpersonal. Dieses muss wissen, wie es auf beiden Seiten der Brücke aussieht, damit die Brücke sich auch wirklich in der Mitte trifft und nicht wieder einstürzt.

Das bedeutet, wir brauchen in den Schulen Pädagog*innen, die sich nicht nur mit der deutschen Kultur auskennen. Sie müssen auch über die andere Seite Bescheid wissen, um grundlegend vermitteln und Integrationsprozesse vorantreiben zu können. Sie sollten die Teilhabe von Eltern  unterstützen können.

Es ist von Vorteil, wenn Kinder und Jugendliche auch von Personen gleicher Kultur und Sprache betreut, behandelt und angesprochen werden. Fehlen solche Personen, werden Kinder und Elternhäuser teilweise nur schlecht erreicht.

So klagte beispielsweise eine bemühte Schule: »Wir haben uns große Mühe gegeben, um das Interesse der Familien mit Migrationshintergrund für die Schule zu wecken. Wir haben sogar Versammlungen mit Tee und Kaffee organisiert, aber die Eltern der Schüler *innen kamen nicht. Was sollen wir noch machen?«. Das erweckt den Anschein, dass Familien mit Migrationshintergrund sich für Schulanliegen nicht interessieren. Aber das heißt noch lange nicht, dass das tatsächlich so ist. Vielleicht war einfach der Weg nicht der richtige.

Eltern da abholen, wo sie sind

Mit geeigneten Methoden kann man das Interesse der Familien beziehungsweise Eltern mit Migrationshintergrund wecken und schaffen. Wenn Eltern nicht zu Veranstaltungen in der Schule kommen, dann gehen wir eben zu ihnen nach Hause. In den orientalischen Kulturen wird Gästen bei einem Besuch eine große Rolle zugesprochen. Lehrer*innen werden hier mit größerem Respekt und Wertschätzung empfangen als in der Schule. Es wird besser auf die gegenseitigen Wünsche und Anliegen eingegangen.

Muttersprachliches Fachpersonal, wie Lehrkräfte für den Herkunftssprachlichen Unterricht, oder auch Schulsozialarbeiter*innen, wissen zu gut, dass solche Besuche eine wichtige Rolle spielen. Wertschätzung und Interesse füreinander verbindet. Die Beziehungen, die dabei mit den Familien entstehen sind herzlicher und können zu positiven Ergebnissen führen.

Eine gemeinsame Sprache sprechen

Außerdem können die Familien mit Hilfe des muttersprachlichen Fachpersonals das Schulsystem besser verstehen und die Lebensart in Deutschland besser nachvollziehen.

Dieser Ansatz ist besonders wichtig für die Schüler*innen, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Die Familien und die Kinder, die sich in der neuen Umgebung fremd fühlen, freut es, in einer vertrauten Sprache angesprochen zu werden. Eine fremde Umgebung birgt Ängste und Distanz, durch gemeinsame Sprache kann beides verringert werden und Probleme können besser verstanden werden.

An einem Schultag brachte ein Deutschlehrer einen Schüler zu mir, dessen Muttersprache Kurdisch war. Der Schüler hätte Leseschwierigkeiten. Der Lehrer vermutete aufgrund der Unterschiede der kurdischen Phonetik zum deutschen Alphabet. Nachdem ich eine halbe Stunde mit dem Schüler gearbeitet hatte, kam ich zu der Erkenntnis, dass das Problem ein anderes war. Das Kind konnte schlicht einige Laute nicht aussprechen und betonen. Bei einem Facharzt und einem Logopäden wurde festgestellt, dass er logopädische Probleme hatte. Dem Schüler konnte geholfen werden. Bis dahin hatte er allerdings sechs Monate verloren.

Es gibt viele solcher Schwierigkeiten, die nicht erkannt und behandelt werden. Hätte der Deutschlehrer sich nicht eine Zweitmeinung eingeholt, hätte man diesen Schüler vielleicht in eine Sonderschule geschickt.

Der Appell an alle Menschen, die im pädagogischen Bereich tätig sind, ist es folglich, besser und mehr zusammenzuarbeiten. Nach dem Motto »Hand in Hand gehen!« sollten sie in multiprofessionellen Arbeitsgruppen aktiv gemeinsam wirken können. Die Arbeitsgemeinschaften organisieren sich mit den Familien und mit Hilfe des spezifischen Fachpersonals. Sie besuchen sich gegenseitig, erziehen und arbeiten gemeinsam. Solche Projekte können in allen Schulen mit muttersprachlichem Personal stattfinden. Gerade für die neu zugewanderten Familien ist das eine große Hilfe und wird gerne angenommen.

Aller Anfang ist schwer, aber der erste Schritt ist der gute Wille und das ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Integration muss als Prozess verstanden werden, der nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg berücksichtigt. Natürlich müssen hier Ressourcen geschaffen werden. Integration kostet Zeit und die muss zur Verfügung gestellt werden. An Schulen wo muttersprachliches Personal fehlt, sollte es eingestellt werden. Die Ausbildung von Pädagog*innen die mehrsprachig sind, sollte gefördert werden. Pädagog*innen sollten schon in der Ausbildung mit verschiedenen Kulturen und deren Besonderheiten vertraut gemacht werden.

Die engere Zusammenarbeit zwischen Integrationsbehörden, den Schulen, Fachpersonal und Elternhaus auf gleicher Augenhöhe führt zu mehr Erfolg bei der Bildung und Integration. In diesem Sinne sollte jede*r von uns im Rahmen seiner*ihrer Möglichkeiten bereit sein, einen Beitrag zu leisten und sich gegenseitig zu unterstützen – solidarisch, wertschätzend, respektvoll und tolerant.