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Kinder-, Jugendhilfe & SozialarbeitBunt tut unseren Kindern gut

Wie man Kitaleitungen bei der Akquise und Ausbildung der richtigen Quereinsteiger*innen unterstützt.

05.09.2018 - von Susanne Sander

Berlin braucht nicht nur eine bessere Bezahlung und mehr Anerkennung für Erzieher*innen. Zeitnah muss auch zusätzliches Personal qualifiziert werden, weil dieses auf dem Markt nicht verfügbar ist. Vertreter*innen der mehr als 80 Mitgliedsgruppen der Berliner Bürgerplattformen (siehe Kasten) haben viele Gespräche geführt: mit Kitaleiter*innen und Erzieher*innen, Eltern und potenziellen Berufseinsteiger*innen. Die Liebe zu Kindern und der gute Umgang mit Eltern stehen an oberster Stelle der Fähigkeiten, die ausgebildete Erzieher*innen mitbringen sollen. Die Ausbildung alleine macht noch keine gute Erzieher*in aus. Menschen mit diesen Fähigkeiten wird jedoch oft der Einstieg in den Beruf verwehrt. Der Grund: fehlende oder »falsche« Zeugnisse.

Quereinstieg wird schnell mit Qualitätsabbau gleichgesetzt. Solange aber die Personalkrise anhält, geht es darum, weiteren Menschen die berufsbegleitende Aus- und Fortbildung zu ermöglichen. Deshalb zielen wir mit unseren Vorschlägen auf den Erhalt der personellen Qualität, der sich in einem erfolgreichen Ausbildungsabschluss zeigt. Nur dadurch ist auch gewährleistet, dass perspektivisch nur staatlich anerkannte Erzieher*innen in den Kitas tätig sind, die von ihrem Gehalt leben und eine Familie ernähren können.

Mehr geeignete Quereinsteiger*innen finden

Zur Verbesserung der Personalakquise in den Kitas haben wir deshalb mit den Teilnehmer*innen aller Berliner Bürgerplattformen Maßnahmen entwickelt. Dazu gehören die Eignungsfeststellung durch ein Praktikum, die Einführung von Ausbildungskitas, der Einzelfallentscheid und die Vereinfachung der Zeugnisanerkennung. Die Vorschläge haben wir Jugendsenatorin Sandra Scheeres vorgelegt.

Wir wollen es Kitaleitungen ermöglichen, Praktikant*innen, deren Zeugnisse nicht für einen direkten Einstieg in die Erzieher*innenausbildung ausreichen, aufzunehmen und sechs Monate zu erproben. Wenn dieses auf zwei Einrichtungen zu je drei Monaten aufgeteilt wird, bekommt die Eignungsfeststellung am Ende des Praktikums zusätzliches Gewicht. Beurteilt werden soll entsprechend eines einheitlichen Kriterienkatalogs, der zuvor in Zusammenarbeit mit einer Ausbildungsschule entwickelt wurde. Bei Feststellung der Eignung erlaubt die Senatsverwaltung den Praktikant*innen die Zulassung in die dreijährige berufsbegleitende Ausbildung.

Ausbildungskitas einführen

Wenn Kitas eine deutlich größere Ausbildungsverantwortung als bisher übernehmen, sollen sie durch bessere Rahmenbedingungen unterstützt werden. Dafür sollen analog zu Sprachkitas Ausbildungskitas eingerichtet werden. Zum Beispiel könnten sie für vier bis sechs berufsbegleitende Auszubildende eine Vollzeitstelle für deren Anleitung erhalten. Die berufsbegleitenden Auszubildenden sollten nicht voll, sondern zum Beispiel nur zu 50 Prozent auf den Personalschlüssel angerechnet werden. Praktikant*innen werden gar nicht angerechnet. Ihre Bezahlung erfolgt durch das Jobcenter oder ähnliches. Ausbildungskitas kooperieren untereinander und mit mindestens einer Erzieher*innenfachschule, um sich bezüglich der Schultage, der Projektwochen und der besseren Verzahnung zwischen Theorie und Praxis abzusprechen. Ausbildungskitas werden wissenschaftlich begleitet. Unter anderem werden die Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen, die Veränderungen des Krankenstands, die Teamentwicklung, die Entwicklung der Kinder analysiert.

In Brandenburg gibt es die Möglichkeit der Einzelfallentscheidung laut Kita Personalverordnung. Danach kann jede Kita einen Antrag beim Landesjugendamt stellen, dass sie eine bestimmte Person beschäftigen will, weil diese zum Schwerpunkt der Kita passt. Innerhalb von einem Monat wird darüber entschieden. Das könnte man auch in Berlin einführen. Viele Kitas haben Personen, die infrage kommen, aber keine Möglichkeit diese einzustellen und zu bezahlen. Modulare Nachqualifizierung oder berufsbegleitende Ausbildung in Rücksprache mit der Praxisstelle folgen.

Zeugnisanerkennung vereinfachen

Menschen mit einer pädagogischen Ausbildung oder einem Studium aus einem anderen Bundesland oder aus dem Ausland müssen derzeit oft sehr lange warten, bis über ihre Qualifikationen entschieden wird. Meistens werden diese nicht anerkannt. Es werden aufwändige Nachqualifizierungen, gar eine erneute Berufsausbildung verlangt. Auch hier könnte ein Praktikum mit einer Eignungsfeststellung helfen, den Nachqualifizierungsbedarf zügig und unbürokratisch festzustellen.

Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung – wie auch die Geschichte des Community Organizings – ist verbunden mit der Reaktion auf Arbeitsbedingungen. In vielen Bereichen ist es den Gewerkschaften gelungen, Einfluss auf die Zulassung zur und die Ausbildung selbst zu nehmen und damit auf die Bezahlung der Beschäftigten. Wenn es, wie derzeit, einen Mangel an Arbeitskräften gibt, ist es auch im Interesse der Gewerkschaften weitere Arbeitskräfte auszubilden, ohne den Standard zu lockern. Das verfolgen die hier vorgelegten Maßnahmen. Zugleich würdigen und stärken sie Kitaleitungen und Erzieher*innen, indem sie diesen eine aktive Rolle bei der Auswahl und Akquise neuer Auszubildender ermöglichen. Wir würden uns freuen, wenn die GEW diese Vorschläge stützt und neue Arbeitskräfte ihren Zugang in den Beruf mit dem Engagement der Gewerkschaft verbinden und sich dort organisieren.

Übrigens: Bis zum Jahr 2025 werden circa 50.000 Menschen im Öffentlichen Dienst in Rente gehen. Ohne die Öffnung der Zugänge in die Aus-und Fortbildung für Interessent*innen, die über keine oder nicht ausreichende Zeugnisse verfügen, wird diese Situation nicht zu lösen sein.

BÜRGERPLATTFORMEN
Das Deutsche Institut für Community Organizing (DICO), Institut der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, unterstützt den Aufbau und die Begleitung von Bürgerplattformen in Deutschland. In vier Berliner Bürgerplattformen haben sich 80 Mitgliedsgruppen nach dem Ansatz des Community Organizings zusammengeschlossen, um realistische Lösungsvorschläge für gemeinsame Probleme mit Politik und Wirtschaft zu verhandeln. Community Organizing (CO) ist Gemeinwesenarbeit und setzt sich unter anderem für die Stärkung und Durchsetzungskraft von benachteiligten Gruppen ein.

KITA-GIPFEL BLEIBT HINTER ERWARTUNGEN ZURÜCK
Bildungssenatorin Sandra Scheeres möchte die Möglichkeiten für einen Quereinstieg als Erzieher*in ausbauen. Um dem Mangel an Fachkräften entgegenzuwirken soll der Mittlere Schulabschluss (MSA) künftig für die Aufnahme einer Erzieher*innenausbildung reichen. Das gab Scheeres auf dem Kita-Gipfel Ende Juni bekannt. Die GEW BERLIN sieht die Absenkung der Zugangsvoraussetzung kritisch. Denn diese dürfte in der Folge auch zu einer Absenkung der Gehälter führen. Das darf nicht passieren! Insbesondere die berufsbegleitende Form der Erzieher*innenausbildung ist aus Sicht der GEW BERLIN nicht für junge Absolvent*innen der mittleren Schulreife geeignet. Wie sollen 16-jährige Verantwortung für ganze Kindergruppen übernehmen? Auch die weitere Öffnung für Quereinsteiger*innen führt aus Sicht der GEW zu zusätzlichen Belastungen. Eine Aufwertung sozialpädagogischer Berufe kann nicht mit der Aufweichung des Fachkräftegebots gelingen. Die Ideen der GEW gegen den Erzieher*innenmangel sehen anders aus: eine Verbesserung der Gehälter, mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung, für Anleitung von Quereinsteiger*innen und Leitungstätigkeiten und eine Erhöhung der Fachkraft-Kind-Relation – diese Maßnahmen locken Fachkräfte in die Einrichtungen.