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Start ins Schuljahr 2020/21GEW BERLIN fordert Corona-Bildungspakt

Die GEW BERLIN und der Landeselternausschuss (LEA) laden zu Gesprächen über einen Corona-Bildungspakt ein. Eine Rückkehr zum Regelbetrieb kann nicht funktionieren

11.08.2020

Update vom 11. August 2020: Die GEW BERLIN und der Landeselternausschuss (LEA) laden zu Gesprächen über einen Corona-Bildungspakt ein. „Nachdem die Bildungssenatorin unsere Gesprächsanfragen über Monate ausgeschlagen hat, nehmen wir das Heft des Handelns nun selbst in die Hand“, erklärten die Vorsitzende der GEW BERLIN, Doreen Siebernik, und der Vorsitzende des LEA, Norman Heise.

Das erste Treffen für einen Corona-Bildungspakt ist bereits für diesen Donnerstagvormittag geplant. „Wir müssen dringend und umfassend handeln und darüber sprechen, wie gute Bildung und Gesundheitsschutz in unseren Schulen miteinander vereinbart werden können. Wir müssen besprechen, was jetzt jede Schule tun kann und wo es einen verlässlicheren Rahmen von oben braucht. Und wir müssen über nötige Unterstützungsmaßnahmen sprechen. Sonst sind Schulschließungen nur eine Frage der Zeit. Senatorin Scheeres hat in den Sommerferien wertvolle Zeit versäumt, um auf die konkreten Vorschläge einzugehen, die wir ihr unterbreitet haben“, kritisierten Siebernik und Heise.

Eingeladen sind neben Vertreter*innen von Beschäftigten und Eltern auch die Landesschüler*innenvertretung, Schulleitungen der verschiedenen Schulformen, das Ganztagsbündnis und die Senatsbildungsverwaltung. „Natürlich hoffen wir, dass sich Senatorin Scheeres unserer Einladung zu einem Gespräch nicht entzieht. Die Rückkehr zum normalen Schulbetrieb kann ohne unterstützende Maßnahmen nicht funktionieren“, so Siebernik und Heise.

 

Update vom 7. August 2020:  Der Unmut und die Unsicherheit in Berlins Schulen sind kurz vor dem Schulstart riesengroß. Die GEW BERLIN fordert Schulsenatorin Sandra Scheeres eindringlich auf, ihren Plan zum Schulstart zu überden­ken. Frau Scheeres kann nicht so tun, als mache das Corona-Virus vor den Schulen halt. Das zeigen auch die jüngsten Schulschließungen im infektionsärmsten Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Eine Rückkehr zum Regelbetrieb kann nicht funktionieren!

In den Vorbereitungstagen hat sich bereits gezeigt, dass Berlins Schulen trotz dicker Hygienepläne zum Normalbetrieb zurückkehren sollen. Stundenpläne wurden wie üblich erstellt, den Pädagog*innen wurden viele verschiedene Lerngruppen zugeordnet, es ergeben sich zu viele ungeschützte Kontakte und Möglichkeiten zur Verbreitung des Virus. Unterricht in voller Klassenstärke; teilweise 48 Kinder in der Ganztagsbetreuung, das alles ohne Abstand, ohne Maske, in oft engen und schlecht zu lüften­den Räumen. Niemand möchte in der Haut der Kolleg*innen stecken.

Die GEW BERLIN fordert die Senatorin auf, sich Gesprächen über ein alternatives Vorgehen mit den Beschäftigten, den Schüler*innen und den Eltern nicht weiter zu entziehen. „In den letzten Monaten wurde versäumt, für gute Rahmenbedingungen zu sorgen. Dies würde den Umgang mit der Krise heute erleichtern. Trotzdem: Es gibt weiterhin Wege, das Infektionsrisiko zu reduzieren und die Bil­dungsqualität zu gewährleisten.“

Die GEW BERLIN schlägt für den Schulstart folgende Fahrplanänderung vor:

  1. Spätestens mit Start der zweiten Schulwoche müssen wieder Abstandsregeln in den Schulen gelten, auch im Unterricht. Wie das gelingen kann? Der Präsenzunterricht findet in halbierten Lerngruppen statt. Diese haben im Wechsel eine Woche Präsenzunterricht und eine Woche Distanzlernen. Die Erfahrungen vor den Schulferien haben gezeigt, dass Unterricht so gelingen kann. Kleinere Lerngruppen vergrößern Lernerfolge. Die Lehrkräfte und sozialpädagogischen Fachkräfte sollten in so wenig Gruppen wie möglich arbeiten. Nicht zu vermeiden sein wird allerdings, dass übergangsweise erneut eine Notbetreuung in den Grundschulen eingerichtet werden muss. Dies hätte durch vorausschauendes Planen vermieden werden können.
  2. Spätestens nach den Herbstferien sind für die Schulen Modelle des fächerübergreifenden Un­terrichts in Grund- und Mittelstufe einzuführen. Es braucht ein Umdenken bei der Lernorgani­sation: Jede Lehrkraft und sozialpädagogische Fachkraft (im Grundschulbereich) wird einer fes­ten Lerngruppe zugeordnet. In dieser wird fächerübergreifender Unterricht von zwei bis drei Lehrkräften erteilt, und zwar über einen längeren Zeitraum. Nach Abschluss der Projektphase findet ein Fachwechsel statt. Überschneidungen mit anderen Lerngruppen müssen ausge­schlossen werden.

Die GEW BERLIN hat Vorschläge, wie gute Bildung und gute Arbeit in Zeiten von Corona gelingen kann, bereits im Juni ausführlich vorgestellt:

Kernforderungen der GEW sind die Verkleinerung der Lerngruppen, die Einstellung zusätzlicher Fachkräfte, die Schaffung einer digitalen Infrastruktur und die Sicherung der Hygienemaßnahmen in den Schulen und Kitas der Stadt. Das Lernen in kleinen Gruppen ist der Schlüssel zum Bildungserfolg und die Grundvoraussetzung für den Gesundheitsschutz von Kindern, Jugendlichen und Pädagog*innen. Die Verkleinerung der Gruppen muss daher oberstes Ziel der Senatsbildungsverwaltung sein. Bis zu 20 Prozent der Beschäftigten in Berlins Schulen und Kitas gehören zur Corona-Risikogruppe. Sie dürfen auch im weiteren Verlauf der Pandemie nicht im Präsenzbetrieb eingesetzt werden. „Die Senatsverwaltung ist dringend gefordert, für die Kolleg*innen eine qualifizierte Vertretung sicherzustellen“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Doreen Siebernik auf der digitalen Pressekonferenz am 18. Juni

„Während im ganzen Land vor der weiter bestehenden Gefahr durch das Corona-Virus gewarnt und die Bevölkerung zum Abstandhalten aufgerufen wird, werden in unseren Schulen und Kitas jegliche Hygienestandards über Bord geworfen“, betonte Siebernik. Unter den gegenwärtigen Bedingungen hält es die GEW BERLIN für verantwortungslos, die Gruppen- und Klassengrößen wieder auf das Vor-Corona-Niveau anzuheben und auf Abstandsregeln zu verzichten. Die Gesundheit kann in den Schulen und Kitas gegenwärtig nicht gewährleistet werden, weder des pädagogischen Personals noch der Kinder und Jugendlichen wie ihrer Angehörigen. Das bestätigen hunderte Rückmeldungen aus den Bildungseinrichtungen der Stadt, die die GEW BERLIN unter anderem im Rahmen einer Mitgliederbefragung eingeholt hat.

Die Corona-Krise zeigt die Probleme im Bildungswesen wie durch ein Brennglas. „Um die Hygienemaßnahmen einhalten zu können, müssten Bildungseinrichtungen mehrfach täglich gereinigt und ausreichend gelüftet werden. Neben der technischen Ausstattung für digitales Lernen bedarf es pädagogisch fundierter, datenschutzkonformer Lernplattformen und Kommunikationswege sowie entsprechender Fort- und Weiterbildungen für die Pädagog*innen, und zwar unter Beteiligung der Beschäftigtenvertretungen“, erläuterte der Co-Vorsitzende Tom Erdmann.

In dem Forderungspapier, das die GEW-Vorsitzenden der Bildungssenatorin zukommen lassen haben, unterbreitet die Bildungsgewerkschaft Ideen für mehr Bildungsqualität. „Die besondere Situation der Corona-Pandemie bietet die Chance zur Erprobung neuer Lehr- und Lernformen“, forderte der Co-Vorsitzende Tom Erdmann. Als Beispiel erläuterte er die Schaffung von Lernbüros: „Das Lernen in fächerübergreifende Projekten ermöglicht es, dass zwei bis drei Lehrkräfte über mehrere Wochen hinweg nur einer Lerngruppe fest zugeordnet werden. Themen können so aus verschiedenen fachlichen Perspektiven und mit größerer Komplexität bearbeitet werden. So würde die Anzahl der Sozialkontakte von Lehrkräften und Schüler*innen und damit ihr Infektionsrisiko um ein Vielfaches sinken.“

„Corona stellt uns alle vor große Herausforderungen. Den einen richtigen Weg wird es nicht geben“, bilanzierte Erdmann. „Die Kolleg*innen sorgen sich um die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen, sie sorgen sich aber auch um ihre Gesundheit. Sie erwarten von der Bildungsverwaltung mehr Wertschätzung und Unterstützung für ihre Arbeit und eine beherzte Reaktion. Wo bleiben Scheeres´ Maßnahmen mit „Wumms“, so wie sie die Wirtschafts- und Finanzminister*innen angekündigt haben? Auch Bildung ist systemrelevant!“.