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Kinder-, Jugendhilfe und SozialarbeitCorona stellt die Jugendämter vor neue Herausforderungen

Die GEW BERLIN fordert für die Kolleg*innen der Jugendämter einen massiven Personalzuwachs, um in Zukunft besser agieren zu können.

16.09.2021 - von Fabian Schmidt

Die Kolleg*innen der Jugendämter haben in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Überlastung durch Aufgabenzuwachs, Fachkräftemangel und schlechte Rahmenbedingungen hingewiesen. Nur wenig ist passiert. Mit der Pandemie mussten die Kolleg*innen unter schwierigsten Bedingungen den Kinderschutz sicherstellen.

Was passiert, wenn eine Kindeswohlgefährdung in einer Familie und eine Inobhutnahme im Raum stehen und auf einmal zwei verkleidete Menschen, vielleicht sogar in voller Corona-Schutzmontur, vor der Tür stehen? Wie reagiert ein Kind, welches sich gerade in einer Notsituation befindet und in dem Moment besonders verletzlich ist und das nicht mal das Gesicht der Person sehen kann, von der es gerade mitgenommen wird? Was durchleben Familien, die in der Krise sind, wenn sie Hilfe brauchen, psychisch und finanziell am Ende sind, aber alles, was sie bekommen können, sind Telefonate, weil persönliche Kontakte massiv eingeschränkt sind?

Solchen Fragen und Situationen mussten sich die Kolleg*innen vom Jugendamt in den letzten anderthalb Jahren stellen. Sie wurden selbst ins Homeoffice geschickt, weil ihre Räume nicht dafür ausgestattet waren, den Mitarbeiter*innen genug Platz zu geben. Treffen mit den Familien waren und sind in den Räumen der Jugendämter nur sehr beschränkt unter Hygienerichtlinien möglich. Die Kolleg*innen hatten für ihre Aufgaben im Homeoffice nicht einmal durchgängig die Ausstattung, um mit den Familien und den Kolleg*innen aus den freien Trägern zu telefonieren. Einige Bezirke bekamen erst Anfang 2021 eigene Diensthandys, obwohl sich die Jugendämter schon seit fast einem Jahr im Homeoffice befanden. Das führt nicht nur zu Frust unter den Beschäftigten der Jugendämter, sondern auch zu viel Unmut unter Klient*innen und den freien Trägern, die das Jugendamt schwerer erreichen konnten.

Neue Aufgaben, mehr Aufwand

Obwohl die Jugendämter in den letzten Jahren mehr Mittel für Personalaufwüchse im Rahmen des Programms »Wachsende Stadt« bekamen, wird es bei weitem nicht für die Arbeit in der Pandemie und danach ausreichen. Die Jugendämter müssen neue Aufgaben erfüllen, die mehr Personalaufwand bedürfen. Die Einführung des Fachverfahrens der elektronischen Akte (SoPart) hat in den Jugendämtern viel Zeit in Anspruch genommen und ist noch immer nicht abgeschlossen. Die Digitalisierung der Klient*innenakten ist für die Zukunft vielleicht ein Segen, bedarf aber bei der Aufnahme der Daten am Anfang mehr Zeit. In diesem Jahr kam als Teil der Hilfeplanung eine statistische Abfrage zur Wirksamkeit von Hilfen dazu. Ein wichtiger Qualitätsbaustein. Dieser benötigt allerdings über eine halbe Stunde pro Fall mehr Zeit für die Eingabe in das System. Das klingt auf den ersten Blick nicht viel, aber wenn 100 Fälle oder mehr zu bearbeiten sind, kann sich das schnell zu einer massiven Mehrbelastung summieren.

Worauf man in Zukunft ebenfalls achten muss, ist die IT-Sicherheit der Ämter, damit sie nicht den Angriffen von Hacker-*innen zum Opfer fallen und die Daten von tausenden Menschen in der Hand von Kriminellen landen. Beim Kinderschutzverfahren wurde als Qualitätssicherung eine zweite Stufe, eine weitere Risiko- und Gefährdungseinschätzung, eingeführt, welche standardmäßig ausgefüllt werden muss. Im Rahmen des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) sind ebenfalls zusätzliche Aufgaben hinzugekommen, die einer enge Abstimmung mit der Eingliederungshilfe bedürfen. Weiterhin sind neue Tätigkeiten zur Elternaktivierung im Rahmen der Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) geplant. All diese Änderungen sind wichtig, aber schon jetzt ist der Personalzuwachs in den Jugendämtern bei weitem nicht ausreichend, um aus dem Teufelskreis von Überlastung, Krankheit, zu vielen Fällen und Verschleiß bei den neuen Kolleg*innen rauszukommen. Dafür braucht es eine Einstellungsinitiative, die in die Zukunft blickt und die Bedarfe sieht, die bei den Familien, Kindern und Jugendlichen durch Corona entstanden sind.

Jugendämter besser ausstatten

Wir kennen noch nicht die vollständige Auswirkung der Pandemie auf die Jugendlichen und Familien, aber wir wissen mittlerweile, wie belastend die Isolation für viele war. Die psychische Belastung für Kinder und Jugendliche hat sich massiv erhöht und damit auch die psychischen Erkrankungen unter ihnen. Während der Lockdowns bekamen sie viel zu wenig Angebote, weil alles geschlossen hatte und sie oft durchs Raster fielen, da die Kontroll-Instanzen wie Kitas, Schulen und Jugendclubs fehlten. Lücken in der schulischen Ausbildung kommen hinzu. Das alles wird für die pädagogischen Berufe, für die Eltern und für die gesamte Gesellschaft eine massive Herausforderung werden.

Damit sollen nicht die Maßnahmen zum Schutz vor Corona kritisiert werden, die oft bitter notwendig waren und teils zu spät oder zu zögerlich eingeführt wurden. Das wir immer noch über genügend Luftfilter in Schulen, Kitas und sozialen Einrichtungen diskutieren müssen, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Kinder und Jugendliche mussten im letzten Jahr so viel zurückstecken und auf uns Ältere achtgeben. Sie verdienen es, dass wir sie nicht vergessen und uns für die zukünftigen Aufgaben wappnen. Die Jugendämter sind oft die Schnittstelle zwischen den Familien und den freien Trägern, die die Hilfen konkret durchführen. Wenn da das Personal fehlt, fallen zu viele Familien und Kinder durch das Sicherungsnetz. Wir schulden es den Kindern, sie mit ihren zukünftigen Problemen nicht allein zu lassen und deshalb fordert die GEW BERLIN gut ausgestattete Jugendämter.        

Die GEW BERLIN fordert für die Berliner Jugendämter:

  • Zeit und Raum, um Kinder umfassend am Hilfeprozess zu beteiligen
  • Einführung eines Personalbedarfsbemessungsmodells gemessen an dem tatsächlichen zeitlichen Aufwand und somit eine längst überfällige Fallzahlenbegrenzung
  • Supervision, Fall-, Team- und Einzelsupervision
  • Eine (bessere) rechtliche Absicherung für die Kolleg*innen bei Strafanzeigen
  • Eine bessere personelle und technische Ausstattung (Digitalisierung)
  • Eine Einarbeitungszeit für Berufseinsteiger*innen von mindestens 12 Monaten, Mentor*innen für 1 Jahr
  • Die Einrichtung einer unabhängigen Ombudsstelle für Fachkräfte
  • Mehr finanzielle Ressourcen zur Bewältigung der Aufgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes
  • Hauptstadtzulage für freie Träger der Jugendhilfe