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blz 09 / 2015Cybermobbing – Nur keine Angst

Vor Mobbing im Internet können sich Opfer nur schwer verstecken. Umso wichtiger ist es, entschieden und überlegt dagegen vorzugehen.

01.09.2015 - Stefan Müller und Thomas Wilke

Über 90 Prozent der Jugendlichen nutzen mehrmals in der Woche das lnternet. Etwas weniger verfügen über ein Smartphone, also ein Telefon, das mit Touchscreen und lnternetzugang ausgerüstet ist.

Neben allen Chancen, die eine rasant entwickelnde Technik bietet, lauern hier aber auch Gefahren. Soziale Netzwerke und Messenger--Dienste können für Mobbing, genauer Cybermobbing, missbraucht werden.

Cybermobbing ist ein wichtiges Thema für Jugendliche: Rund ein Sechstel von ihnen hat bereits die Erfahrung gemacht, dass über sie falsche oder ihnen unangenehme lnhalte im Internet verbreitet wurden.

Mehr als ein Drittel hat schon von Fällen aus dem Bekanntenkreis gehört, in denen jemand über lnternet oder Handy fertiggemacht wurde. Zeit also, sich mit dem Phänomen »Cybermobbing« näher auseinanderzusetzen.

Was macht Cybermobbing aus?

Zunächst einmal wird unter Cybermobbing jedes Verhalten, das von Individuen oder Gruppen mittels elektronischer oder digitaler Medien ausgeführt wird und wiederholt feindselige oder aggressive Botschaften vermittelt, die die Absicht verfolgen, anderen Schaden oder Unbehagen zu bereiten verstanden. Der Unterschied zum »gewöhnlichen« Mobbing liegt im Medium und den daraus folgenden Konsequenzen. Diese sind:

  • Ein hohes Maß an Anonymität der Täterln-nen und der daraus folgenden Furcht des Opfers, diese nicht identifizieren und zur Verantwortung ziehen zu können.
  • Für Betroffene ist, insbesondere in sozialen Netzwerken wie Facebook, der Öffentlichkeitsgrad nicht zu überschauen, also wie viele UserInnen die häufig beschämenden Veröffentlichungen und Kommentare gesehen und weiterverbreitet haben.
  • Aufgrund der unübersichtlichen Weiterverbreitungsmöglichkeiten und der Geschwindigkeit, in der lnhalte weitergegeben werden können, ist eine vollständige Löschung der diskreditierenden lnhalte nicht möglich. Niemand kann überblicken, wer welches Foto oder Video herunter geladen hat oder auf welchem Server in welchem Erdteil die lnhalte noch gespeichert sind.
  • Die ständige Verfügbarkeit moderner Medien und die zunehmende Abhängigkeit von sozialen Netzwerken führen dazu, dass Opfer keinen Schutzraum haben. Sie sind auch oder gerade erst nach der Schule online und somit sogar zu Hause für Täterlnnen erreichbar und das potenziell rund um die Uhr.

Diese besonderen Umstände führen dazu, dass Opfer von Cybermobbing häufig mit ganz besonderen psychischen Belastungen konfrontiert sind. Hier sind zunächst Ängste zu nennen: Angst vor dem Öffnen des Facebook--Accounts, Angst vor Nachrichten auf dem Handy, Angst davor, in die Schule zu gehen und den Täterlnnen direkt zu begegnen, Angst davor, dass alles noch schlimmer wird, wenn man sich einer erwachsenen Person anvertraut. Betroffene können auch andere Symptome zeigen, wie beispielsweise Schlaf- und Essstörungen. Auch können ihre schulischen Leistungen – so sie denn überhaupt noch zur Schule gehen – leiden. Häufig ziehen sich die Opfer aus dem Freundeskreis und von außerschulischen Aktivitäten, aber auch innerhalb der Familie zurück. Nicht selten suchen sie die Schuld bei sich und schweigen, in der Hoffnung, das alles möglichst schnell vorübergeht. Dabei sind sie es, die diesen Teufelskreis durch-brechen müssen – die Täterlnnen werden es mit großer Sicherheit nicht tun.

Druck entlädt sich in Mobbing

Denn Täterlnnen haben ihre eigenen Gründe für ihr Handeln. Diese sind zwar sehr vielfältig, aber nicht zuletzt gehören dazu Langeweile und die technische Machbarkeit. Schnell ist ein Foto hochgeladen oder ein diskreditierender Text gepostet. Durch die räumliche Distanz zum Opfer ist für Täterlnnen die direkte Reaktion nicht Teil ihres Erlebens, was eine erhebliche Hürde für Empathie mit dem Opfer darstellt.

Ursachen können darüber hinaus in schwach ausgebildeten sozialen Kompetenzen, instabilen Familienverhältnissen und einem schlechten Klassenklima liegen. Auch wenn Freundschaften zerbrechen oder sich verändern, Eifersucht oder Neid auf schulische Leistungen oder die bessere Spielkonsole ins Spiel kommen, besteht die Gefahr, dass sich dieser Druck in Form von Cybermobbing entlädt.

Auch auf Seiten von Täterlnnen und Mitläuferlnnen kann Angst ein wichtiger Faktor sein; die Angst, nicht dazuzugehören oder gar selbst zum Opfer zu werden. Selbst erfahrene Machtlosigkeit, Ausgeliefertsein und Unsicherheit führen nicht selten dazu, selbst Macht gegenüber anderen auszuüben und die eigene Unsicherheit durch die so erfahrene Selbstwirksamkeit zu kompensieren. So erzeugen Täterlnnen, Mittäterlnnen und Mitläuferlnnen ein Wir-Gefühl, haben ein Ventil für eigene Aggressionen und zeigen klar, wer das Sagen hat.

Mit dem Opfer gemeinsam reagieren

Falls es in einer Klasse tatsächlich zu einem Fall von Cybermobbing kommt, dann ist entschiedenes, aber überlegtes Handeln angesagt. Zunächst sollte nur gemeinsam mit dem Opfer über mögliche Schritte entschieden werden, insbesondere wenn es darum geht, welche weiteren Personen einbezogen werden.

Das Opfer sollte darin bestärkt werden, dass es selbst keine Schuld am Cybermobbing trägt. Zudem müssen dringend Beweise gesichert werden, beispielsweise durch Screenshots. Soziale Netzwerke müssen aufgefordert werden, als unangenehm empfundene Bilder und Texte oder gar ganze Profile zu löschen.

Auf Nachrichten sollte prinzipiell nicht geantwortet werden. Stattdessen sollten Betroffene die Profile von Täterlnnen blocken. Auch Optionen wie die Streitschlichtung, mit Hilfe von Vertrauenslehrkräften, Sozialarbeiterlnnen, Eltern oder KonfliktlotsInnen müssen in Erwägung gezogen werden. Zudem kann es sinnvoll sein, Hilfe von außen, zum Beispiel durch eine Opferhilfe wie den Weißen Ring, hinzuzuziehen.

Nicht in jedem Fall ist das Einschalten der Polizei erforderlich. Diese Möglichkeit sollte aber als Ultima Ratio im Hinterkopf behalten werden.

Damit es erst gar nicht soweit kommt, müssen Jugendliche Kompetenzen für den Umgang mit Neuen Medien erwerben. Dazu gehören neben dem Wissen um Datenschutz und die Rechte rund ums lnternet auch ein geschultes Empathievermögen und die Fähigkeit, Konflikte ohne Anwendung physischer oder psychischer Gewalt zu lösen. Dafür ist die Institution Schule mit Sicherheit nicht allein verantwortlich.

Sie kann aber ein Klima schaffen, in dem Schülerlnnen und Lehrkräfte wertschätzend miteinander umgehen, in dem Kritik konstruktiv und in beide Richtungen möglich ist und in dem Schülerlnnen durch positives Feedback in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Dabei helfen auch die Thematisierung von Cybermobbing im Unterricht und klare, bekannte Strukturen in der Schule. Denn was hilft die Vertrauenslehrerin oder der Schulsozialarbeiter, wenn Schülerlnnen sie nicht kennen und sich deshalb im Notfall nicht an sie wenden?

Schule kann bei der Prävention von Cybermobbing sehr viel tun. Es wäre mit Sicherheit zu viel verlangt, von Lehrkräften zu erwarten, jedes soziale Netzwerk und jede App zu kennen. Darum geht es auch nicht.

Es geht darum, soziale Kompetenzen zu fördern, Wissen zu vermitteln und aufzuzeigen, dass die Neuen Medien neben allen Gefahren und Unwägbarkeiten auch große Chancen bieten, wenn sie denn verantwortungsvoll genutzt werden. Nur keine Angst!