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Kinder-, Jugendhilfe und SozialarbeitDas bisschen Kinder hüten

Ein Team von Erzieher*innen entscheidet sich aus guten Gründen gegen die Einstellung von »sonstigen geeigneten Personen im Quereinstieg«. Sie halten eine dreijährige berufsbegleitende Ausbildung für die bessere Alternative.

05.06.2020 - von Anne Bohnet und Team

Stell dir vor, dein Auto macht seit einigen Wochen komische Geräusche und dir bleibt nichts anderes übrig, als es in die Werkstatt zu bringen. Dort übernimmt ein*e Quereinsteiger*in die Reparatur, der*die früher ehrenamtlich Fahrräder repariert hat und sich ein bisschen auskennt. Um möglichst gut auf die Tätigkeit als KFZ-Mechatroniker*in vorbereitet zu sein, bekommt er*sie innerhalb von zwei Jahren insgesamt 80 Stunden Schulung. Wie geht es dir damit, dass dein heiß geliebter fahrbarer Untersatz jetzt von ihm*ihr repariert werden soll?

Stell dir weiterhin vor, die Bezugserzieherin deiner zweijährigen Tochter ist im Beschäftigungsverbot und eine Quereinsteigerin übernimmt die Gruppe. Sie hat früher als Hebamme gearbeitet und kennt sich ein bisschen aus. Um auf ihre Tätigkeit möglichst gut vorbereitet zu sein, bekommt sie in den kommenden zwei Jahren je 40 Stunden Schulung. Wie geht es dir damit, dass dieser Mensch jetzt die Verantwortung für dein Kind übernimmt?

Wir wissen nicht, ob du mit den beschriebenen Situationen ein Problem hättest oder nicht. Die zweite beschriebene Situation ist in Berlin Realität. Wir haben damit ein Problem, und wir möchten an dieser Stelle erklären, warum.

Der Beruf der Erzieher*in ist ein anerkannter Ausbildungsberuf. Die Ausbildung dauert drei Jahre und kann in Vollzeit oder berufsbegleitend absolviert werden. In dieser Ausbildung werden unter anderem fundierte pädagogische Kenntnisse, Wissen über die rechtlichen Rahmenbedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe, Sicherheit in qualifizierter Beobachtung und Dokumentation sowie methodische Fachkenntnisse vermittelt. Die Auszubildenden lernen nicht nur, mit den Kindern zu arbeiten, sondern auch, Elterngespräche zu führen, mit Ämtern und Behörden zu kommunizieren, Konzeptionen zu verfassen und vieles mehr.

Wie in jedem anderen Ausbildungsberuf, sind es nicht nur die Lehrjahre, die einen wichtigen Grundstein legen für eine qualitativ hochwertige Ausübung eines Berufes. Es kommt auch die Berufserfahrung dazu, die die Menschen in ihrem Fach besser und reifer werden lässt.

Wir sind dagegen, dass Menschen, die weder über die dreijährige Ausbildung noch über Erfahrung im spezifischen Berufsfeld von Erzieher*innen mit all seinen Facetten verfügen, in die Lage versetzt werden sollen, diesen Beruf auszuüben und diese Verantwortung für ihnen anvertraute Menschen zu übernehmen.

Fakt ist, dass Politik und Verwaltung momentan genau das tun. Sie öffnen den Beruf der Erzieher*innen für Quereinsteiger*innen, die aus verwandten Berufen in die Erzieher*innentätigkeit wechseln können. In vielen Einrichtungen bedeutet das, dass sie die gleichen Tätigkeiten ausüben wie ihre ausgebildeten Kolleg*innen, nur mit weniger Gehalt am Ende des Monats.

Nach unserer Überzeugung wertet es den Beruf der Erzieher*innen in nicht hinnehmbarer Weise ab und wird nichts und niemandem gerecht: nicht dem Bedarf in den Einrichtungen nach qualifizierten Fachkräften, nicht der pädagogischen Qualität in Berliner Kitas und Schulen, und auch nicht den Quereinsteiger*innen, denen suggeriert wird, sie hätten all das nötige Rüstzeug für eine hochwertige und erfüllende Arbeit mit Kindern.

Am allerwenigsten werden wir damit denen gerecht, die es am nötigsten brauchen, dass sie gut ausgebildete, aufmerksame und sichere Begleiter*innen durch die Kita- und Schulzeit an ihrer Seite haben: Unseren Kindern!

Wir setzen uns dafür ein, dass Politik, Träger und Praktiker*innen gemeinsam an einen Tisch kommen, um ein klares Tätigkeitsprofil für »sonstige geeignete Personen im Quereinstieg« zu erarbeiten. Das gibt nicht nur den Teams in den Einrichtungen mehr Sicherheit im pädagogischen Alltag, das gibt auch den Quereinsteiger*innen eine klare Vorstellung davon, was sie in ihrer Tätigkeit erwartet.

Unsere Handelsmaxime sollte nicht sein, dass politische Versprechen eingehalten werden und der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz mit allen Mitteln erfüllt wird. Unsere Handelsmaxime muss sein, dass die Beschäftigten in Berliner Kitas und Schulen eine qualitativ hochwertige Arbeit leisten können und unsere Kinder optimal gefördert und auf die Zukunft vorbereitet werden. Das kommt uns auf lange Sicht allen zu Gute.