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RuhestandDas war eine sehr, sehr spannende Zeit

Erdmute Safranski über ihre Zeit als Pressesprecherin und ihre Aktivitäten als Pensionärin

01.09.2018 - Interview: Dieter Haase und Klaus Will

Erdmute, du bist 1990 Pressesprecherin der GEW BERLIN geworden, als es durch den Mauerfall auch in der GEW große Umbrüche gab. Wie war das für dich?
Das war wirklich eine sehr ereignisreiche Zeit, in Berlin wie auch in der GEW. Hier trafen zwei Welten aufeinander. Die Euphorie war groß, die Aufgaben waren es aber auch.

Erzähl doch mal, was du in dieser Zeit als Pressesprecherin gemacht hast!
Die neun Jahre als Pressesprecherin waren auf jeden Fall die spannendste Zeit in meiner Gewerkschaftstätigkeit. Diese Arbeit ist ganz anders als zu unterrichten oder als Personalrätin Kolleg*innen zu beraten. Einige Dinge musste ich erst lernen, zum Beispiel auf den Punkt zu kommen oder ein Gefühl für das richtige Timing zu entwickeln. Als Deutschlehrerin konnte ich ja Unterrichtsstoff lang und breit erläutern. Die Presseleute dagegen wollen es kurz, knapp, das Wichtigste zuerst. Wenn du da lange Ausführungen machst, zitieren die irgendwas, aber nicht unbedingt das, was gewerkschaftspolitisch wichtig ist und auch gesagt worden war. Ganz massiv wird die Verknappung von Rundfunk- und Fernsehjournalist*innen verlangt. Hier bekommt man das Mikrofon hingehalten mit dem Hinweis: 1:30. Das heißt, ich habe anderthalb Minuten, um zu antworten, und die Frage lautet zum Beispiel: »Was sagt die GEW zur Gewalt an Berliner Schulen?« Da muss man sich schon vorher was überlegt haben, denn solch komplexe Fragen vernünftig und kurz zu beantworten, ist sonst kaum möglich. Man muss sich also immer auf die aktuellen Themen vorbereiten.

Welche Medien spielten bei dir eine besondere Rolle?
In Berlin waren die Zeitungen sehr wichtig und die Abendschau. Wenn man im Tagesspiegel und in der Berliner Zeitung die GEW-Position untergebracht hatte, war man schon sehr glücklich. Und wenn dann Erhard Laube oder ich noch in der Abendschau auftreten konnten, waren wir stolz wie Bolle. Heute ist das wohl etwas anders, die Printmedien und die Abendschau haben nicht mehr die Bedeutung wie damals.

Und wie waren die Journalist*innen? Wie hast du sie erlebt?
Na, man musste schon unterscheiden zwischen den Journalist*innen einerseits und der Zeitung, für die sie arbeiteten. Die Journalist*innen waren in der Regel fair und ich habe mit der Zeit immer größeren Respekt vor deren Arbeit bekommen. Die mussten ganz schön ran und wollten schon von daher kurze und treffende Auskünfte – und vor allem die richtigen Fakten. Wenn sie wissen, dass man bei der GEW immer mit Leuten sprechen kann, die Bescheid wissen und korrekte Auskünfte geben, dann wird man auch oft gefragt und kann auch selbst Themen ins Gespräch bringen. Aber die Redaktionen unterscheiden sich natürlich auch.

Das wollen wir genauer wissen, erzähl mal.
Ich erinnere mich an eine junge Journalistin bei der BZ, die sehr kompetent war und gut Bescheid wusste und auch nicht so Anti-Lehrer*inmäßig drauf war. Aber die BZ hat eben ihren eigenen Stil und bei bestimmten Themen reagiert sie wie der Pawlowsche Hund: Gewalt an Schulen, Faulheit der Lehrer*innen, das viele Geld, das die Lehrer*innen für ihren »Halbtagsjob« bekommen sind solche Themen. Da gibt es bei denen kein Halten mehr. Da kann die einzelne Journalistin so differenziert denken, wie sie will, wenn die Zeitung auf Krawall steht, dann macht sie den auch. Eine weitere Erfahrung war, dass man als Pressesprecherin manchmal zwischen den Fronten steht: Gewaltvorkommnisse will eine Schule nicht gern öffentlich machen, weil sie um ihren Ruf fürchtet. Das kann man verstehen. Verstehen kann man aber auch, dass die Journalist*innen es als ihre Pflicht ansehen, solche Sachen öffentlich zu machen.

Wie war denn das Verhältnis der Journalist*innen speziell zur GEW?
Die Fachjournalist*innen hatten zwar bildungspolitisch eine bestimmte Überzeugung, die man auch merkte, aber sie hatten nie per se eine GEW-freundliche oder GEW-feindliche Position, sondern sie haben sich immer unsere Positionen angehört und fair darüber berichtet. Mich hat schon beeindruckt, wie sorgfältig sie arbeiten. Und das alles unter enormem Zeitdruck! Alle Achtung! Das habe ich auch immer versucht, innerhalb der GEW zu vermitteln, wenn einige meinten, wir sollten den Presseleuten mal richtig verklickern, was die schreiben sollen: Die Lehrkräfte arbeiten unter bestimmten Arbeitsbedingungen, haben eine bestimmte Ethik und die Journalist*innen eben auch. Da muss man auch gegenseitig etwas Verständnis füreinander haben. Schlecht ist ein Artikel nur, wenn er schlecht recherchiert ist, nicht, wenn er kritisch über Lehrkräfte oder die GEW berichtet.

Du warst ja als Pressesprecherin auch neun Jahre im Geschäftsführenden Landesvorstand und dort an den innergewerkschaftlichen Debatten nach dem Mauerfall beteiligt.
Ganz am Anfang hat die GEW BERLIN versucht, in Ostberlin Mitglieder zu gewinnen, die einzeln eintreten sollten. Die Vorbehalte gegen das Schul- und Hochschulwesen in der DDR waren ja sehr groß. Hinzu kam die Stasi-Problematik. Ich kann mich noch gut erinnern an diese Stasi-Diskussionen. Wissen oder prüfen wir sinnvoll, wer da Mitglied werden will. Können wir das überhaupt? Wir haben ja in den ersten Monaten nur die aufgenommen, von denen wir annahmen, dass sie nicht stasibelastet sind. Aber damit kamen wir weder in einen richtigen Dialog, noch wurde damit das Problem gelöst. Erst mit den dann beginnenden Verhandlungen zwischen GUE und GEW ging es voran (siehe unten). Wir hatten dann die Idee, im Vorstand der GEW BERLIN mit Doppelspitzen zu arbeiten, damit Ost und West gleichermaßen vertreten sind. Das fand ich gut. Auch bei den Personalräten gab es große Bemühungen zur Zusammenarbeit. Die vom Senat angestoßenen Schul- und Bezirkspartner*innenschaften förderten ebenfalls das gegenseitige Kennenlernen. Bei allen Projekten, bei denen es um konkrete Sachen, um Unterstützung und Zusammenarbeit vor Ort ging, klappte das Zusammenwachsen von Ost und West am besten.

Die Lehrkräfte aus dem Ostteil Berlins hatten es vergleichsweise gut gegenüber der Situation der Lehrkräfte in den meisten neuen Ländern, oder?
Ja, das denke ich. In Berlin ist die Situation schon dadurch entschärft worden, dass im Prinzip alle aus dem Ostberliner Schulwesen übernommen wurden. Anders als beispielsweise in Sachsen, wo erst einmal allen gekündigt und auch nur ein Teil übernommen wurde. Zwar gab es auch in Berlin Ungerechtigkeiten, aber das ist bei einem solchen Umbruch wohl schwer zu vermeiden. Die Bezahlung und die Eingruppierung waren Dauerthemen. Ich möchte aber noch etwas ansprechen, das in der innergewerkschaftlichen Diskussion der neunziger Jahre eine große Rolle gespielt hat: die Veränderungen in der strategischen Ausrichtung der GEW BERLIN. Es gelang zunehmend, die GEW BERLIN in eine Verhandlungsposition gegenüber dem Senat zu bringen. Es war vor allem Erhard Laube, der damals Vorsitzender war, der mutig Neuland betrat und beharrlich Ideen für Vereinbarungen entwickelte. Das war in der GEW anfangs nicht besonders populär, denn beim Protestieren und Fordern bewahrt man seine Unschuld und beim Verhandeln geht es nicht ohne Kompromisse. Aber dafür kann man auch mit gestalten.

Du bist jetzt seit über zehn Jahren im Ruhestand. Hattest du Schwierigkeiten oder war alles eigentlich ganz easy?
Die Umstellung fiel mir nicht sehr schwer. Ich hatte mich innerlich einigermaßen vorbereitet und zudem 2007 noch eine Ausbildung zum Coach gemacht. Bei der Ausbildung hat sich dann eine kleine Gruppe von vier Frauen zusammengefunden, die jetzt noch zusammenarbeitet. Es sind also auch neue soziale Bezüge entstanden, die mir geholfen haben. Ich mache seitdem sowohl Einzelcoaching, vor allem für Referendar*innen, als auch mit einer Kollegin zusammen die GEW-Seminare »Selbst- und Zeitmanagement für Lehrkräfte«.

Du hast durch die Arbeit als Coach immer noch einen guten Einblick in die Schulrealität. Was hat sich geändert?
Ich fange mal mit der Beobachtung an, die ich beim Referendar*innen-Coaching gemacht habe. Ich finde, dass die neuen Lehrkräfte – es sind ja nicht alles junge Kolleg*innen, sondern auch ältere Quereinsteiger*innen – oft sehr stark individualisiert arbeiten. Ich staune immer, wie viele junge Kolleg*innen oft trotz der Mehrfachbelastung durch Kinder und Haushalt oder auch als Seiteneinsteiger*innen ohne größere Erfahrung alles alleine schaffen wollen. Die brauchen doch Unterstützung! Auf die Idee, alles alleine bewältigen zu wollen, wären wir damals Anfang der siebziger Jahre nicht gekommen. Wir haben viel kollektiver gearbeitet, uns gegenseitig unterstützt. Ich finde, dass das heute oft fehlt. Soweit ich mitbekomme, gibt es ja auch kaum noch GEW-Schulgruppen, die sich regelmäßig treffen.

Meinst du nicht, dass das eher ein Problem in den Studienseminaren für die Sekundarstufen ist und weniger ein Problem in den Seminaren für die Grundschule oder auch für die Berufsbildenden Schulen?
Ja, das kann gut sein. Es wäre auch leicht erklärbar, denn Grundschullehrkräfte haben viel mehr gemeinsam, die erfahren im Schulalltag, dass sie alle am selben Strang ziehen. Die Mathe- oder Deutschlehrkraft in der Sek I oder der Sek II dagegen kann ihren Fachunterricht durchziehen und muss sich nicht unbedingt darum kümmern, was die anderen machen. Das kann eine Grundschullehrkraft nicht.

Gutes Stichwort! Welche Sachen konntest du während deines Berufslebens nicht machen, aber jetzt als Pensionärin?
Im September verreisen! Also außerhalb der Ferien. Und ich genieße die Gemächlichkeit. Mit welcher Geschwindigkeit und Energie hat man früher drei Sachen gleichzeitig gemacht! Ich habe ja unterrichtet, war außerdem im Personalrat und bin dann noch Pressesprecherin geworden. Das war manchmal eine ziemliche Hetze. Heute kann ich dagegen alles ruhig und besonnen angehen. Eine neue Qualität. Na, und dann habe ich ja noch meine Tätigkeit als Coach. Und außerdem gehöre ich zu einer Gruppe, mit der wir privat organisierte Kulturreisen machen. Das genieße ich sehr. Im Mai haben wir zum Beispiel eine Woche lang in Verona mit einem italienischen Dozenten den dritten Band von Dantes Göttlicher Komödie besprochen. Zu diesem Luxus kommt man auch erst als Pensionärin!

Andererseits bist du aber auch viel mit dem Fahrrad unterwegs. Hast du noch einen heißen Tipp für eine tolle Radtour?
Ich habe gerade eine Radtour an der Donau entlang gemacht: Von Budapest bis hinter Belgrad zum sogenannten Eisernen Tor, wo es ganz eng wird. Sehr spannend fand ich auch die Radtouren durch die drei baltischen Staaten. Kann ich nur empfehlen. Demnächst mache ich aber erst einmal eine kurze Tour entlang der jungen Elbe bis nach Prag.

Viel Spaß wünschen wir dir und Danke für das interessante Gespräch!

 

Nach der Maueröffnung im November 1989 begannen an der Basis, aber sehr schnell auch auf der Vorstandsebene, die Kontakte zwischen Ost und West. In Ostberlin gründete sich eine GEW BERLIN (Ost). Andere versuchten den Weg der gewerkschaftlichen Erneuerung im Rahmen der GUE  (Gewerkschaft Unterricht und Erziehung) und gründeten einen von der GUE-Zentrale unabhängigen Sprecherrat. Im Sommer 1990 vereinigte sich die GEW BERLIN (Ost) mit der GEW BERLIN. Die GUE und die GW (Gewerkschaft Wissenschaft) sowie die anderen FDGB-Gewerkschaften lösten sich auf. Tausende von Kolleginnen traten individuell in die GEW BERLIN ein, deren Mitgliederzahl sich mehr als verdoppelte.