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bbz 06 / 2016Dem Sexismus auf der Spur

Die Vorführung eines handelsüblichen Hollywood-Blockbusters bietet Lehrkräften ungeahnte Möglichkeiten, die Darstellung von Geschlechterrollen im Unterricht zu thematisieren. Wenn die richtigen Fragen gestellt werden.

01.06.2016 - Ryan Plocher, Sprecher der Jungen GEW BERLIN

Viele Lehrkräfte werden es kennen: Vertretungsstunde. Mal wieder. Zur Vorbereitung der Stunde bleibt wenig Zeit, die Klasse und ihr Lernstand sind unbekannt und es stellt sich die Frage, wie die Stunde anregend und pädagogisch sinnvoll gestaltet werden kann. Der vorherige Kinobesuch der Klasse im Film »Fast & Furious 6« erscheint auf den ersten Blick wenig geeignet für den Unterricht. Auf den zweiten Blick bietet der unter SchülerInnen sehr beliebte Film allerdings ungeahnte Möglichkeiten zur Erziehung gegen Diskriminierung.

Es gibt eine Reihe an einfachen, jedoch tiefgehenden Fragen, die den SchülerInnen als Beobachtungsaufträge an die Hand gegeben werden können. »Gibt es zwei Frauen in dem Film? Haben sie beide Namen? Reden sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?« So lauten die zentralen Fragen des Bechdel-Tests, mit dessen Hilfe sich schnell eine produktive Diskussion über die Darstellung verschiedener Geschlechter, Ethnien, Klassenzugehörigkeiten, sexueller Orientierungen in den Medien entwickelt. Die Fragen des Bechdel-Tests sind so einfach, dass man sie sich gut merken und ohne lange Vorbereitung in den Unterricht einbringen kann.

Harry Potter fällt durch

Der Test wurde von der Comic-Zeichnerin Alison Bech-del in ihrem Comic »Dykes to Watch out for« (zu deutsch: »Bemerkenswerte Lesben«) entwickelt. Durch die Anwendung des Tests wird deutlich, dass häufig wenige Frauen in Filmen vorkommen, dass diese Frauen wenig sprechen, und wenn sie sprechen, reden sie nur vom männlichen Helden. Das trifft leider auch heute noch auf ziemlich viele Filme zu. »Harry Potter«, die ersten sechs »Star Wars«-Filme und alle »Herr der Ringe«-Filme fallen beim Bechdel-Test durch.

Der Bechdel-Test ist kein wissenschaftlicher Test und misst auch nicht, ob ein Film feministisch oder antisexistisch ist. Filme, in denen mehr als zwei Frauen mitspielen und über etwas anderes als einen Mann sprechen, können auch sexistische Rollenbilder darstellen. »Fast & Furious 6« beispielsweise besteht den Test, allerdings nur durch einen »Zickenkrieg« unter den dargestellten Frauen. Die SchülerInnen in meiner Vertretungsstunde haben das Manko des Bechdel-Tests erkannt und somit auch tatsächlich in einer Filmanalyse eine Komponente der Analyse beurteilt und bewertet. Den Anforderungsbereich III erreicht man wohl nicht in jeder Vertretungsstunde!

Nie hat jemand eine Gehhilfe

Der »Bechdel-Test« ist um viele andere Differenzkriterien erweitert worden. Reden People of Color miteinander über ein anderes Thema als weiße Personen? Reden queere Menschen miteinander über etwas anderes als über Heterosexuelle? Treten überhaupt Menschen mit Behinderung auf, geschweige denn in der Mehrzahl? Natürlich treffen nicht alle Differenzkategorien auf alle Filmgenres zu. Jedoch kann man sich fragen: Wieso sind dann alle ElbInnen weiß oder alle Aliens hetero und wieso hat keiner in diesem Mittelalterfilm eine Gehhilfe?

Durch die Kritik an dem Bechdel-Test ist ein anderer Test entstanden, der etwas anspruchsvoller ist: Der »Mako-Mori-Test.« Mako Mori ist eine Protagonistin in »Pacific Rim«, einem Film aus dem Jahr 2013, in dem die Menschheit riesige Roboter einsetzt, um Aliens in Godzilla-Größe zu bekämpfen. Mako Mori ist Roboterpilotin geworden, um sich an den Aliens zu rächen, die ihre Familie bei der Zerstörung Tokyos getötet haben. Es gibt keine Liebesgeschichte zwischen ihr und einem männlichen Helden und sie hat ihre eigene Heldinnengeschichte. Insofern fragt der Mako-Mori-Test: Gibt es eine Frau mit Namen? Hat sie ihren eigenen Handlungsstrang, der nicht den Handlungsstrang eines Mannes unterstützt? Hier geht es darum, dass es doch recht oft starke Frauenfiguren gibt, aber diese unterstützen fast immer den Handlungsstrang des klassischen männlichen Helden. Hermine Granger, die Elbin Galadriel und Prinzessin Leia (in den »Star Wars«-Episoden 7-9) fallen somit durch den Mako-Mori-Test durch, jedoch nicht Katniss Everdeen aus »The Hunger Games« oder Prinzessin Leia (in der »Star Wars« Episode 5). In »Fast & Furious 6« ist eine Frau das Objekt der Handlung, nicht das Subjekt, und fällt somit auch durch.

Unter den SchülerInnen in meiner Vertretungsstunde entstand eine interessante Diskussion darüber, ob Letty (Protagonistin im Film »Fast & Furious 6«) selber ihr Narrativ gestaltet oder ob sie eher eine Figur im Narrativ der konkurrierenden Männer des Filmes ist. Eine solche Narrativanalyse entspricht dem Anforderungsniveau II, das ansonsten eher anhand nicht so schülerInnennahen Materials geübt wird.

Genau wie der Bechdel-Test lässt sich der Mako-Mori-Test auf andere Differenzkategorien wie Ethnie, Herkunft, Religion oder sexuelle Orientierung umgestalten. In beiden Tests geht es darum, zu besprechen, wer wie auf der großen Kinoleinwand gezeigt wird. Natürlich lassen sich alle Test-Ergebnisse leicht damit begründen, dass das Publikum mehr Tickets kauft, wenn wie immer weiße Männer die Hauptrolle spielen. Die weitergehende Frage, die die Klasse (und die Lehrkraft) vielleicht länger als 90 Minuten beschäftigt, ist: Wieso?


Dieser Artikel ist Teil des bbz-Themenschwerpunkts „Rollenspiele“