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SenioRitaDemokratie statt Demenz

Emanuel Richters Buch über das Altern in unserer Gesellschaft.

04.09.2020 - von Klaus Will

Der abgedruckte Auszug gibt einen kleinen Einblick in das Thema und das Buch, denn der »Krieg der Generationen« ist ja nur ein Aspekt dabei. Bis in die 1980er Jahre wurde das Altern vor allem als Problem angesehen, später dann war es auch mal Befreiung und gegenwärtig, so Richter, wird das Alter zur Ressource erklärt, um die Älteren länger im Arbeitsprozess zu halten. Geschickt wird dazu der »Zwang zum Ruhestand« als scheinbares Problem an den Pranger gestellt. Der Abbau von Fürsorgeleistungen für Rentner*innen sorgt für den nötigen Druck.

Dabei ist das verlängerte Arbeitsleben für viele nicht die große Freiheit, sondern bittere Notwendigkeit. Denn auch das macht Richter sehr deutlich: Durch die Altengesellschaft selbst geht ein großer Riss: Es gibt die »Luxussenioren« (well-off older people = Woopies im Amerikanischen) und die »Armutsrentner«. Letztere müssen oft aus purer Not weiterarbeiten. Aber nicht nur hier droht der Spaltpilz. Richter hebt hervor, dass eine mögliche positive Auswirkung des Alters das Mehr an freier Zeit für politisches und bürgerschaftliches Engagement sein kann und sein sollte: »Wenn die Senioren als freiwillige Sachwalter für die vielfältigen Belange aller Altersgruppen in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten, dann sind sie die Idealbesetzung für eine bürgerschaftliches Engagement. Sie können dann die mangelnden Möglichkeiten der Erwerbstätigen zu umfangreicher politischer Laientätigkeit kompensieren und eine massive Bürgerpartizipation auslösen.« (Seite 210) Doch oft können die prekären Rentner*innen dort nicht mitmachen, weil sie tagtäglich um eine auskömmliche Existenz kämpfen müssen und weniger um die Klärung der Frage »Kanaren oder Ehrenamt«. Richter fordert deswegen eine »ergänzende finanzielle Grundsicherung« für prekäre Senior*innen und insgesamt eine Verbesserung der Rahmenbedingung für Ältere, um deren Engagement zu fördern. Unter dem Slogan »Demokratie statt Demenz« zeigt er auf, dass »bürgerschaftliches Engagement und eifrige politische Mitsprache« außerdem eine gute therapeutische Maßnahme gegen soziale Ausgrenzung und Hinfälligkeit ist.

In weiteren Kapiteln geht Richter auf die verschiedenen Altersbilder in Vergangenheit und Gegenwart ein: »Das Alter ist nichts für Feiglinge«, sagt angeblich ein amerikanisches Sprichwort. Der Schriftsteller Elias Canetti sehnt sich aber trotzdem nach der Unsterblichkeit (Seite 85). Und die Autorin Sylvia Bovenschen findet, dass die »Jugenderinnerung für die jetzt Jugendlichen klingt wie eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg« (Seite 89). Und dass es einen 2002 verabschiedeten »Weltaltenplan von Madrid« der UN gibt, erfährt die Leser*in bei Richter auch noch so nebenbei.

Emanuel Richter ist Jahrgang 1953, gehört also der Ruhestands-Generation an, über die er schreibt. Er lehrt Politologie an der RWTH Aachen und hat mit diesem Buch eine lesenswerte und lohnende Analyse über mögliche Auswirkungen des wachsenden Anteils älterer Menschen in fast allen westlichen und nichtwestlichen Gesellschaften vorgelegt. Seine hohen Erwartungen an das politische Engagement der Senior*innen betrachte ich allerdings etwas skeptisch.

Emanuel Richter: Seniorendemokratie. Die Überalterung der Gesellschaft und ihre Folgen für die Politik. Berlin 2020, 261 Seiten (stw 2301)