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SenioRitaDer Krieg der Generationen und die Gerontokratie

Bringt die wachsende Zahl der SeniorInnen Schaden oder Chancen?

04.09.2020 - von Emanuel Richter

Die Zahl der Senioren nimmt zu, einhergehend mit einer sozialen Spaltung zwischen wohlhabenden und armen Menschen in dieser Altersgruppe. Weil aber auch der Kreis der wohlhabenden Senioren wächst, steigt der Anteil derjenigen älteren Menschen, die über alle Voraussetzungen verfügen, um sich politisch betätigen zu können: hinreichende Rentenversorgung, ausreichende Bildung, stabile Gesundheit – und als Resultat dieser Faktoren möglicherweise ein strotzendes Selbstbewusstsein, das leicht in ein aufmüpfiges Wutbürgerverhalten umschlägt. Die Figur des umtriebigen Ruheständlers, der sich notorisch und beharrlich in die Politik einschaltet, wird einerseits zum Schreckensszenario im Sinne einer von widerständigen, altersstarren Senioren beherrschten Laienpolitik, bei der die politischen Amtsträger und die jüngeren Generationen das Nachsehen haben. Andererseits heftet sich an ebendiese vermehrte Bereitschaft von Senioren zur politischen Aktion die Verheißung einer partizipativen Demokratie, in der sie als die einzig verbleibende Gruppe in Erscheinung treten, die mit einem hinreichenden Zeitbudget und mit der nötigen Entschlossenheit zum freiwilligen politischen Engagement ausgestattet ist. Was ist nun insgesamt von den Senioren zu erwarten, die in gehäufter Zahl an der Politikgestaltung teilhaben können? (…)

Zunächst einmal sind aber die aus dem demografischen Wandel resultierenden Probleme ins Blickfeld zu nehmen. Die Überalterung der Gesellschaften verändert die politischen Rahmenbedingungen, Handlungsspielräume, Probleme und Erwartungen gewaltig. Die verstärkte Präsenz von Senioren im gesellschaftlichen Leben rückt die Konfliktlinien zwischen den Generationen verstärkt ins öffentliche Bewusstsein, sie schürt das gegenseitige Misstrauen zwischen den Generationen, und sie verschärft die skeptische Sicht der Jungen auf die Altersgruppe der Senioren. Gesellschaftliche Generationenklischees breiten sich aus: Auf der einen Seite stehen die beruflich stark geforderten Jungen, die kaum Zeit für ihre eigene politische Interessenvertretung aufbringen können. Auf der anderen Seite stehen die mutmaßlich mit viel Freizeit ausgestatteten, zur Bevormundung neigenden Senioren, die ihren neuen Lebensinhalt darin erkennen, sich vehement für die eigenen Belange einzusetzen. Eine »in group«-Solidarität führt dann zu generationenspezifischen Lagerkämpfen mit entsprechender Neigung zur Verunglimpfung der jeweils anderen Altersgruppe. Die Gesellschaft droht sich in unversöhnlich gegeneinander agierende Altersgruppen aufzuspalten. Aus dem Bereich der Arbeitswelt mit ihren Kämpfen unter den unterschiedlichen Statusgruppen um angemessene Entlohnung und günstige Arbeitsbedingungen ist ein solcher gruppenspezifischer Zusammenhalt bekannt: Es herrscht »exklusive Solidarität« (Oliver Nachtwey). Weil die Senioren nun in die Überzahl gelangen, können sie ihre Anliegen gegen die Belange anderer Altersgruppen effektiv und machtvoll durchsetzen. Es droht substanziell wie zahlenmäßig eine Gerontokratie: Die Anliegen der Senioren scheinen ins Zentrum aller politischen Regulierung zu rücken, und die vielen Senioren drohen den Bereich der Laienpolitik zu dominieren – aber auch den professionellen politischen Betrieb, indem sie politische Ämter besetzen und diese nicht an Jüngere abgeben. »Die Jungen sehen, dass eine zahlenmäßig stärkere Fraktion von Alten in der Hierarchie weiter oben sitzt und dort nicht wegrotiert und überdies wie zum Hohn so tut, als sei sie selbst jung.« (Gero von Randow) Die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gültigen Grundannahmen des Generationenvertrags, denen gemäß sich die Älteren zumindest in den fortgeschrittenen Industrienationen erfolgreich darum bemühen, den Jüngeren »die Welt in einem besseren Zustand zu übergeben«, werden massiv in Zweifel gezogen.

Es gibt aber auch die Ansicht, dass die Senioren gegenüber der jungen Generation die besseren, weil »friedlicheren« Akteure in der politischen Sphäre seien: Angesichts der weltweit wachsenden Bereitschaft junger Menschen, sich der Politikverdrossenheit oder umgekehrt der ungeduldigen öffentlichen Artikulation von politischer Unzufriedenheit und Kritik hinzugeben oder sich gar gewalttätigen Protesten anzuschließen, folgert der Demografieforscher Gunnar Heinsohn, dass dies ein generationsspezifisches Phänomen sei und von älteren Menschen kaum geteilt würde. Mithin sei der öffentliche Präsenz der Senioren in gewisser Weise »ungefährlicher« und konstruktiver als die der Jungen. Heinsohn drückt es ganz drastisch aus: Die europäischen Gesellschaften seien auch deshalb friedlicher als andere, weil sie »vergreisen«. Es bleibt allerdings vor dem Hintergrund der bereits diskutierten Altersbilder fraglich, ob den alternden Menschen aus strukturellen Gründen gegenüber jüngeren Generationen ein solches Profil an Reife, Erfahrung und Gelassenheit zugeschrieben werden kann, dass daraus zwingend ein sozialverträglicheres Verhalten abzuleiten ist. Es bleibt spekulativ, ob das gruppenspezifische »soziale Kapital« der Senioren darin besteht, dass sie als die umsichtigeren und reflektierteren politischen Akteure in Erscheinung treten. Aber solche Einschätzungen zeigen in jedem Fall: Der Konflikt zwischen den Generationen schwelt. Entsprechende Spannungen und gewandelte Diskurse über den gesellschaftlichen Zusammenhalt lassen sich seit längerem beobachten. In den USA hat schon in den neunziger Jahren ein aufschlussreicher Wandel stattgefunden, der wachsende Generationskonflikte anzeigte. Waren die Senioren bis dato fraglos als berechtigte Adressatengruppe wohlfahrtsstaatlicher Unterstützung betrachtet worden, galten sie nun verstärkt als anmaßende Nutznießer von Leistungen, deren Berechtigung und Ausmaß vermehrt in Zweifel gezogen wurden. Insbesondere die unerwartet aufgekommene öffentliche Auseinandersetzung um die globale Klimapolitik (…) zeigt die aktuelle Brisanz des Generationenverhältnisses in Hinblick auf einen Generationenvertrag, der ausbalanciert sein und konfliktmindernd auf die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen einwirken sollte. 

Emanuel Richter, Seiten 187-191, leicht gekürzt und ohne Fußnoten. Wir bedanken uns beim Suhrkamp Verlag für die Genehmigung zum Nachdruck.

Emanuel Richter: Seniorendemokratie. Die Überalterung der Gesellschaft und ihre Folgen für die Politik. Berlin 2020, 261 Seiten (stw 2301)