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bbz 03 / 2017Der Ton wird rauer

Eine bessere Unterstützung für Pädagog*innen beim Umgang mit Gewalt ist dringend notwendig, meint der Schulpsychologe Matthias Siebert im Interview

01.03.2017 - Interview geführt von Klaudia Kachelrieß

Mit Gewalt von Schüler*innen sind Pädagog*innen in ihrer Arbeit stets konfrontiert. Das Thema ist leider nicht neu. Eine aktuelle Forsa-Studie zeigt die allgemeine Tendenz auf, dass die Verrohung von Sprache und die Eskalation von Konflikten immer stärker in die Schulen dringt. Der Ton werde immer rauer, Konflikte werden mit härteren Mitteln ausgetragen, Autoritäten werden nicht mehr anerkannt.

Du arbeitest als Schulpsychologe für Gewaltprävention und Krisenintervention. Bei dir landen viele Gewaltfälle, die in Schulen passieren.

In welchen Fallkonstellationen wird dein Rat häufig benötigt?
Mathias Siebert: Gewalt in der Schule hat viele Gesichter. Es gibt Konflikte zwischen Schüler*innen oder eben auch Angriffe auf das pädagogische Personal. Grundsätzlich werden Gewaltvorfälle an Schulen ernst genommen und dann an die Schulpsychologie gemeldet, so wie es die Berliner Notfallpläne vorsehen. Bei »leichten Gewalttaten« zwischen Schüler*innen suchen die Pädagog*innen direkt Rat bei uns Schulpsycholog*innen. Wenn Lehrkräfte oder Erzieher*innen betroffen sind, ist die Schulleitung in der Verantwortung, die Unterstützung der Schulpsychologie anzufordern. In Extremfällen wird die Polizei hinzugezogen.

Inwiefern sind Lehrkräfte von Gewalt betroffen und wie häufig ist dies der Fall?
Siebert: Von den in der Forsa-Studie befragten Lehrkräften berichten 23 Prozent, psychische, und 6 Prozent, körperliche Übergriffe in der Schule selbst erfahren zu haben. Lehrkräfte und Erzieher*innen sind für die Schüler*innen verlässliche Bezugspersonen. Damit sind sie auch mit unterschiedlichen Gefühlsausdrücken konfrontiert. Sie müssen in der Schule Regeln und Grenzen durchsetzen, die es teilweise in den Familien so nicht gibt. Das ist oft schwierig, erfordert Autorität und Gelassenheit, aber auch die Unterstützung durch die Schulleitung, Sozialarbeiter*innen und uns Schulpsycholog*innen.

Wie gehen Schulen mit Situationen um, in denen Pädagog*innen Gewalt durch Schüler*innen erfahren haben? Welche Erfahrungen hast du diesbezüglich gemacht?
Siebert: Betroffene Pädagog*innen müssen von der Schulleitung und den Kolleg*innen schnelle, fürsorgliche und Halt gebende Unterstützung erfahren. Gewalt gegen das Schulpersonal darf nicht geduldet werden. Es muss ein abgestimmtes und transparentes Vorgehen geben. Wichtig ist es, dass dabei das Augenmerk nicht nur auf die Täter*innen gerichtet ist. Der Fokus auf Strafen und Konsequenzen überschattet den Blick auf die Bedürfnisse der betroffenen Kolleg*innen. An einigen Schulen läuft das bereits sehr gut.

Wie können die Gewalt- und Kriseninterventionsteams der Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungszentren (SIBUZ) helfen?
Siebert: Wir Schulpsycholog*innen bieten in akuten Situationen Gespräche zur Konfliktlösung und zur Verarbeitung von belastenden Ereignissen an. Wir unterstützen die Schulen, um mit den Vorfällen angemessen umzugehen. Nach gewalttätigen Übergriffen oder Anfeindungen sind die Betroffenen oft emotional stark belastet. Sie müssen wieder persönlich ins Gleichgewicht kommen. Dabei kann die externe Unterstützung durch das Gewalt- und Kriseninterventionsteam für die Beteiligten sehr hilfreich sein.

Darüber hinaus werden von uns präventive Fortbildungen zum Umgang mit Aggressionsausbrüchen angeboten.

Funktionieren die schulischen Unterstützungssysteme aus deiner Sicht gut und wie klappt es mit der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe?
Siebert: Dies ist von Schule zu Schule und von Region zu Region sehr unterschiedlich. Die Institutionen rund um die Schule, von der Jugendhilfe und dem Gesundheitsbereich, arbeiten im Idealfall eng zusammen. Ein wirksames Modell sind die Schulhilfekonferenzen, an denen die unterschiedlichen Unterstüt-zungssysteme teilnehmen.

Hast du den Eindruck, dass sich etwas verändert hat in den letzten Jahren? Gab es nicht schon immer Schüler*innen, die in ih-rem Verhalten große Schwierigkeiten hatten und häufig Grenzen überschritten haben?
Siebert: Die Schwierigkeiten sind nicht neu. Manche Eltern können ihren Kindern nicht genügend Halt in der Erziehung geben. Der Schule kommt hier die Aufgabe zu, gegenzusteuern. Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen bieten heutzutage im Ganztag ein deutlich besseres Unterstützungssystem als noch vor 20 oder 30 Jahren. Durch den Anspruch der inklusiven Schule müssen sich nun aber alle Schulen mit besonders herausforderndem Verhalten von Schüler*innen auseinandersetzen. Früher wurden sie dann einfach an sogenannte Schulen für Erziehungshilfe überwiesen.

Was kannst du den Kolleg*innen mit auf den Weg geben für ihre tägliche Arbeit, um sich ein stückweit gegen Gewalt zu wappnen?
Siebert: Lehrkräfte und Erzieher*innen sollten mehr positive pädagogische Autorität zeigen, klare, in der Schulgemeinschaft abgestimmte Regeln und Grenzen setzen und damit den Kindern und Jugendlichen mehr Halt geben. Dazu gehört ein schulisches Präventions- und Interventionskonzept, genauso wie das Hinterfragen: Was leben wir vor? Der Erziehungsauftrag der Schule und das soziale Miteinander sollten neben den Leistungsanforderungen insgesamt mehr Bedeutung bekommen.

Was bräuchte es noch an Rahmenbedingungen, damit mehr Unterstützung in den Schulen ankommt?
Siebert: Klassenleitungen benötigen an allen Schulen feste Zeiten im Stundenplan, um einen wöchentlichen Klassenrat, soziales Training und Vergleichbares durchführen zu können. Alle Schulen benötigen Schulsozialarbeiter*innen und eine SIBUZ-Sprechstunde. Außerdem brauchen die Pädagog*innen regelmäßige Fortbildungen, Coaching und Supervision, um den Umgang mit Konflikten zu trainieren. Dafür sollte die Versorgung mit Schulpsycholog*innen auf die OECD-Vorgabe von mindestens einer Stelle für 2.500 Schüler*innen ausgebaut werden. Derzeit ist ein*e Schulpsycholog*in in Berlin für rund 5.700 Schüler*innen verantwortlich.

WAS HILFT BEI GEWALT IN DER SCHULE?
• Notfallpläne für die Berliner Schule zur Einordnung des Geschehenen (Gefährdungsgrade),
Übersicht über Handlungsmöglichkeiten/-notwendigkeiten, Kontakte zu den relevanten
Ansprechpersonen https://www.berlin.de/sen/bildung/unterstuetzung/gewalt-und-notfaelle

• Beratung durch die Schulpsycholog*innen für Gewaltprävention und Krisenintervention

• Besprechung mit der Schulleitung, abgestimmtes Vorgehen innerhalb der Schule, Unterstützung durch das Kollegium

• Berlin-Brandenburger Anti-Gewalt-Fibel und Anti-Mobbing-Fibel:
http://www.berlin.de/sen/bildung/unterstuetzung/praevention-in-der-schule/gewaltpraevention

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