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KolumneDie Präsenz in Präsenzlehre

16.09.2021 - von Joshua Schultheis

Dem Kontrollverlust, den die Coronapandemie für uns alle bedeutet, begegnen unsere modernen, durchbürokratisierten Gesellschaften, mit der Quantifizierung und statistischen Einhegung aller Unwägbarkeiten. Im Falle der Bildung wird beziffert, wie viel Gehaltseinbußen die Schüler*innen infolge der Schulschließungen werden hinnehmen müssen, wie viele Tablets es bräuchte, um allen das Homeschooling zu ermöglichen, wie viele Luftfilter, Schul-Clouds und wie viel Geld nötig sind, um die Schulen pandemie- und zukunftsfest zu machen.

Der Bildungskatastrophe, die die Pandemie zweifelsohne bedeutet, muss man selbstverständlich auch mit technischen Lösungen begegnen. Gleichzeitig macht sie aber noch auf etwas anderes aufmerksam. Versteckt in der allgegenwärtigen Rede von der »Präsenzlehre«, zeigt sich, was Schule eigentlich ausmacht: Austausch,
Dialog und Anwesenheit. Dinge also, die sich nicht einfach kontrollieren lassen, die grundsätzlich ergebnisoffen sein müssen und für die es Menschen braucht, die sich auf diese Offenheit einlassen können.

Um diese Menschen sollte es in der Folge der Pandemie vor allem gehen. Es sollte alles getan werden, um Lernenden wie Lehrenden diejenigen Rahmenbedingungen zu geben, die nötig sind, um diesen unverfügbaren Prozess, der sich Bildung nennt, zu ermöglichen. Dafür braucht es neben der ausreichenden materiellen Ausstattung der Schulen und Universitäten vor allem Zeit – Zeit für die Ausbildung des Lehrkräftenachwuchses, Zeit für den Austausch mit Kolleg*innen, Zeit für die jede einzelne Schüler*in. Hier nachzubessern, läge in der Hand der Politik. Alles, was danach passiert, nicht mehr.