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SchuleDigital unterbelichtet

Die Debatte um die Digitalisierung der Schulen sollte nicht der Privatwirtschaft überlassen werden. Die Stimmen der Betroffenen müssen gehört werden.

14.07.2021 - von Ralf Schiweck

Kein Mensch wird bezweifeln, dass wir in der jetzigen Situation eine verlässliche und gut ausgestattete digitale Infrastruktur an den Schulen und Jugendeinrichtungen benötigen. Auch, dass hinter der technischen Ausstattung mitunter die pädagogischen und entwicklungspsychologischen Konzepte mehr als rudimentär erscheinen, wird uns kein Mensch vorhalten können. Was aber geschieht nach der Pandemie? Es werden Begriffe wie »Digitales Zeitalter«, »Digitales Lernen«, »Digitale Schule« oder »Digitale Transformation« ganz selbstverständlich in die Diskussion geworfen. Die Begriffe sind komplexer und wirkungsmächtiger, als es zunächst vermuten lässt. Wir sollten uns an deren Ausgestaltung beteiligen. Die Gefahr, dass außerschulische Beteiligte den Diskurs dominieren werden, ist nicht unbegründet.

Digitale Medien sind umstritten

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bemängelt schon lange, dass unseren Schulen und Schüler*innen digitale Geräte fehlen. Das ist nicht neu. Aber benötigen vielleicht auch schon Grundschüler*innen solche Geräte? Der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer hat in seinen Büchern »Digitale Demenz« und »Die Smartphone Epidemie« auf Studien hingewiesen, die deutliche Zusammenhänge zwischen der Nutzung digitaler Medien und zum Beispiel Intelligenzminderung, Fettleibigkeit, Depressionen und Kurzsichtigkeit nachweisen. Einige Länder im asiatischen Raum verzichten mittlerweile ganz auf den Einsatz digitaler Medien. Auch andere Wissenschaftler*innen bestärken mit ihren Untersuchungen seine Thesen.

Wo Technik sinnvoll ist

Seit Jahren bekommen wir von der Wirtschaftsvereinigung OECD zu hören, wie mangelhaft unser Bildungssystem sei und welche unzureichenden Chancen sich damit auf dem Arbeitsmarkt ergeben würden. Dass Deutschland damit allerdings die meisten Patente generieren kann und eine der stärksten Wirtschaftskräfte ist, macht mich doch ein wenig stutzig. Geht es vielleicht um Absatzmärkte und nicht wirklich um Bildung?

In den Bereichen, in denen der Einsatz von digitalen Medien und technischen Hilfsmitteln sinnvoll und erforderlich ist, stehen zumindest meines Wissens nach einige Schulen recht gut da. So waren die Förderzentren für Kinder mit körperlich-motorischen Einschränkungen die ersten, deren Klassen vollständig mit Smartboards ausgestattet waren. Computer für Schüler*innen wurden schon Mitte der achtziger Jahre an den Förderzentren eingesetzt und über eine Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin haben wir im Bedarfsfall Spezialtastaturen entwickelt, die in den nachfolgenden Jahrzehnten in Serie gingen.

Der Rückgriff auf digitale Medien ist in der Pandemiesituation natürlich ein großer Vorteil, fast unverzichtbar. Trotzdem ist für viele Kolleg*innen die Digitalisierung und die damit einhergehenden Herausforderungen ein Fluch. Doch auch das muss nicht so bleiben, wenn wir miteinander ins Gespräch kommen und voneinander lernen.

Jetzt ihr!

In der Folge der Corona-Pandemie erreichen uns vermehrt Texte zum Thema Digitalisierung. In loser Reihe möchten wir in den kommenden Ausgaben daher eine Artikelserie bringen, die einerseits fachwissenschaftliche Bezüge zum Thema herstellt, aber auch Mitglieder und ihre Erfahrungen mit Digitalisierung in Artikeln zu Wort kommen lässt. Daher freuen wir uns über Artikel und Interviews, die zum Beispiel den folgenden Fragen nachgehen:

• Wie bewältigt ihr die Herausforderung des Distanzunterrichts? In welchen Bereichen geht es gut, wo hapert es, was braucht ihr?

• Gibt es bei euch digitales Lernen oder nur digitale Medien/Hilfsmittel?

• Welche Gefahren seht ihr?

• Wie können soziale Medien in der Schule sinnvoll eingesetzt werden?

• Wie gut ist der Datenschutz?

• Wie funktioniert die Elternarbeit?

• Sind die Personalräte an digitalen Veränderungen beteiligt?

• Wie sehen Beispiele für eine gelungene Implementierung aus?

• Welche Zukunftsvisionen haben unsere Kolleg*innen? Kennt ihr tolle Projekte oder Best-Practice-Beispiele?