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Schule»Digitale Medien allein verbessern nichts«

Im zweiten Teil unseres Interviews gibt der Medienbildungsexperte Michael Retzlaff Empfehlungen für die Gestaltung des digitalen Wandels in der Schule.

05.07.2018 - Interview: Markus Hanisch

Das Basiscurriculum Medienbildung ist jetzt seit etwa einem halben Jahr in Kraft. Wie fällt deine Zwischenbilanz aus?

Retzlaff: Die erfolgreiche Implementierung des Basiscurriculums Medienbildung (BC MB) ins schulinterne Curriculum (SchiC) ist natürlich ein längerer Prozess. In vielen Kollegien gab es anfangs aufgrund der oft fehlenden Kompetenzen und Erfahrungen im Umgang mit digitalen Medien eine große Verunsicherung. Die oft veralteten und nicht betreuten IT-Infrastrukturen an den Schulen sowie zu wenig Fortbildungsangebote erschweren die konsequente Umsetzung des BC MB im Unterricht. Zum Glück hatten die Schulen eineinhalb Jahre Zeit, sich auf die Umsetzung des neuen Rahmenlehrplans vorzubereiten. In der Zwischenzeit gibt es viele Kollegien, die sich – auch durch gezielte Fortbildungen oder durch die Unterstützung von Schulentwicklungsberater*innen – erfolgreich auf den Weg gemacht haben. Das freut mich sehr!

Du sprichst die mangelhafte IT-Infrastruktur und das unzureichende Fortbildungsangebot an. Es gibt große Hürden bei der Umsetzung digitaler Bildung. Die Verunsicherung unter den Kolleg*innen ist da doch verständlich.

Retzlaff: Ich kann die Ängste der Kolleg*innen nachvollziehen, da sie nicht auf diese neue Herausforderung vorbereitet worden sind. Ich bin aber davon überzeugt, dass es mehrheitlich um eine Haltungs- und Ressourcenfrage in den Kollegien geht. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Lehrer*innenrolle mit dem Einsatz digitaler Medien in der Schule verändern wird. Das Wissensmonopol der Lehrer*innenschaft ist aufgrund des jederzeit und an jedem Ort verfügbaren Weltwissens so nicht mehr vorhanden. Zugleich bleibt die Kernaufgabe der Lehrkräfte, für Bildung und Erziehung Verantwortung zu übernehmen.

Bräuchten wir angesichts dessen nicht umfassendere Fortbildungen, um die Kolleg*innen fit zu machen für die Digitalisierung?

Retzlaff: Der umfangreiche Transformationsprozess erfordert eine flächendeckende Fortbildungswelle für alle Lehrkräfte und das pädagogische Fachpersonal. Regelmäßige und zum Teil verpflichtende Fortbildungen der Lehrkräfte sind notwendige Voraussetzungen für die erfolgreiche Umgestaltung einer Schule.

Wie sollten die Fortbildungen aussehen?

Retzlaff: Sie sollten den Prozess der Umgestaltung des Lehren und Lernens in der Schule kontinuierlich begleiten und aus dem jeweiligen Medienbildungskonzept sowie unter Berücksichtigung der vorhandenen Kompetenzen und Bedarfslagen des Kollegiums entwickelt werden. Bei der Umsetzung der im Kollegium identifizierten Fortbildungsbedarfe empfehle ich ein mehrstufiges und flexibles Verfahren, das verschiedene Formate berücksichtigt: zum Beispiel schulinterne Fortbildungen mit dem gesamten Kollegium, Fortbildungstage oder -abschnitte zu ausgewählten Aspekten wie Fragen des Urheberrechts und Datenschutzes und ein regelmäßiger kollegialer Fachaustausch zu erprobten Unterrichtsequenzen, beispielsweise in Fachkonferenzen. Für die Teilnahme an diesen flexiblen Fortbildungsformaten muss die Schule natürlich über ein ausreichendes eigenes Budget verfügen. Die Teilnahme einer Vertreterin oder eines Vertreters der Schule sollte mit der Verpflichtung verknüpft werden, regelmäßig Berichte über Ergebnisse und Praxisanregungen für das Kollegium vorzustellen.

Das klingt angesichts der knappen Personaldecke und der ohnehin schon viel zu hohen Arbeitsbelastung unrealistisch. Wo soll die Zeit herkommen für eine solche Fortbildungswelle?

Retzlaff: Wenn die personelle Grundausstattung der Schule nicht gesichert ist, kann eine umfassende Fortbildung natürlich nur schwer umgesetzt werden. Zugleich müssen die bisherigen Formate von Fortbildungen überdacht werden. Neben der Durchführung bedarfsgerechter Studientage können auch die Vorbereitungstage zu Beginn des Schuljahres gezielt für Fortbildungen genutzt werden. Darüber hinaus ist die Frage nach einer verpflichtenden Fortbildung im Umfang von ein bis zwei Fortbildungen für jede*n Kolleg*in pro Schuljahr von den politischen Entscheidungsträger*innen bisher nicht beantwortet worden.

Neben Fortbildung und personellen Ressourcen ist aber auch eine funktionsfähige IT-Ausstattung zwingend Voraussetzung für die Umsetzung der ambitionierten Pläne.

Retzlaff: Der Aufbau, die kompetente Wartung und die regelmäßige Nutzung einer lernfreundlichen technischen IT--Struktur sind eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung, um das pädagogische Potenzial des digitalen Wandels für neue Lernszenarien gewinnbringend zu nutzen. Entscheidend sind vielmehr das pädagogische Unterrichtskonzept der Schulen und die Persönlichkeiten und Haltungen der Lehrkräfte sowie deren Beziehung zu den Schüler*innen. Ich teile ausdrücklich die Position von Tina Seidel von der TU München, die zu dem Ergebnis kommt, dass digitale Medien allein die Qualität des Unterrichts nicht verbessern, ihr aber auch nicht schaden. Sie kommt zu dem Ergebnis, das nur im Zusammenspiel mit einem passenden didaktischen Konzept digitale Medien ihre innovativen Potentiale entfalten können und für pädagogische Herausforderungen wie die Verbesserung der Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler, Differenzierung, Individualisierung des Lernens und Inklusion nutzbar werden.

Wie kann denn ein didaktisches Konzept entwickelt werden? Was ist an den Schulen bisher passiert?

Retzlaff: Ich sehe die bisherige Entwicklung positiv. Diese umfangreiche Transformation erfordert einen mehrjährigen Prozess der Kommunikation und inhaltlichen Abstimmung im Kollegium. Als Erfolgsmodell hat sich die Bildung einer vom Kollegium gewählten Steuergruppe erwiesen, die in der Koordinierung zwischen den einzelnen Fachkonferenzen eine zentrale Aufgabe wahrnimmt und vom gesamten Kollegium und der Schulleitung konsequent unterstützt wird. Es hat sich als gewinnbringend erwiesen, von den vorhandenen Stärken und Vorerfahrungen der Schule im Bereich Medienbildung auszugehen. In einem zweiten Schritt müssen im Schulinternen Curriculum entsprechend den Standards des Basiscurriculums Medienbildung relevante Unterrichtsinhalte den einzelnen Fächern zugeordnet werden. Schulen sind gut beraten, sich über die eigenen pädagogischen Ziele in der digitalen Welt im Kollegium zu verständigen, diese Ziele in einem Medienbildungskonzept zu formulieren und daraus abgeleitet einen Medienentwicklungsplan (MEP) für die Schule zu erarbeiten.

Aber selbst der beste Medienentwicklungsplan lässt sich nicht mit der in den Berliner Schulen vorhandenen Infrastruktur umsetzen. Oder würdest du da widersprechen?

Retzlaff: Ganz klar: Um die Schüler*innen kompetent auf die Herausforderungen einer digitalen Welt vorbereiten zu können, benötigen Schulen umfangreiche finanzielle und personelle Unterstützung durch Bund, Länder und Kommunen. Im Bundeshaushalt stehen aktuell 2,4 Milliarden Euro für den Breitbandausbau und die Umsetzung der mit den Ländern vereinbarten Eckpunkte des Digitalpakts zur Verfügung. Die Ende 2017 im Auftrag der Bertelsmann Stiftung veröffentlichte Studie »IT-Ausstattung an Schulen« weist auf die riesige Finanzierungslücke bei den Schulträgern hin. Die berechnete Investitionssumme für den Auf- und Ausbau einer digitalen Infrastruktur für Grundschulen und weiterführende Schulen beträgt laut der Studie jährlich rund 2,8 Milliarden Euro.

Die Finanzierung der IT-Ausstattung stellt eine milliardenschwere Daueraufgabe dar. Dazu ist es zwingend notwendig, die Bildungsausgaben in Deutschland dauerhaft zu erhöhen und sich endlich an das OECD-Mittel für Bildungsausgaben anzupassen. Als ein erster Schritt sollte das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern im Bereich Schule aufgehoben werden, damit die Länder endlich die dringend notwendigen Finanzierungshilfen vom Bund erhalten können.

Die Umsetzung digitaler Innovationen scheitert oft an ganz profanen Dingen: selbst wenn die technische Ausstattung vorhanden ist, ist sie kaum nutzbar, da die Geräte schnell veralten oder nicht gewartet werden können. Müsste die Senatsverwaltung hier nicht deutlich mehr tun als auf die Bezirke zu verweisen?

Retzlaff: Ja, auf jeden Fall. Lehrkräfte verfügen über eine pädagogische und nicht über eine systemadministrative Ausbildung. Hochkomplexe IT-Systeme erfordern ein professionelles Konzept und Instrumente zur Wartung und Pflege, die nicht zum Nulltarif zu erhalten sind. Die engagierten Kolleg*innen vor Ort können eine kollegiale Unterstützung leisten, sie sind aber nicht für die Funktionsfähigkeit komplexer IT-Strukturen verantwortlich zu machen. Die Pflege und Verwaltung einer komplexen digitalen Infrastruktur gehört in die Hände ausgebildeter IT-Fachleute, die regelmäßig und bei Bedarf auch kurzfristig zur Verfügung stehen und die zudem sensibel sein müssen für pädagogische Erfordernisse in der Schule. Die vom Senat im April 2018 gestartete zentrale technische IT-Betreuung und Wartung für 125 Schulen sind ein erster richtiger Schritt, um eine zuverlässige technische Funktionsfähigkeit an den beteiligten Schulen zu gewährleisten. Zugleich bleibt die Frage offen, wie die übrigen rund 600 Allgemeinbildenden Schulen digitale Medien künftig im Unterricht verlässlich einsetzen. Unter dem Aspekt der Chancengleichheit müssen alle Schüler*innen digitale Lernumgebungen nutzen können, um die notwendigen Kompetenzen für die Herausforderungen einer digitalisierten Welt zu erwerben.    

Schulinternes Curriculum
Im Rahmen der Implementierung des Rahmenlehrplans 1-10 haben Schulen bereits vielfältige Erfahrungen mit der Erarbeitung eines SchiC gemacht. Unter dem Motto „An Bewährtes anknüpfen“ ist es vielen Schulen gelungen, die mit dem Rahmenlehrplan verbundenen Änderungen und verbindlichen Vorgaben passgenau für ihre Schule zu strukturieren und in ein schlüssiges pädagogisches Handlungskonzept - das Schulinterne Curriculum (SchiC) - umzusetzen. Die Erarbeitung des SchiC ist ein Prozess, der Zeit benötigt. Für einen erfolgreichen Verlauf ist es nach den vorliegenden Erfahrungen von großer Bedeutung, eine vom Gesamtkollegium gewählte Steuergruppe unter Beteiligung der Schulleitung mit der Planung, Durchführung und Steuerung dieses Prozesses zu beauftragen. Die Fachkonferenzen haben die wichtige Aufgabe, die Schnittstellen zum Basiscurriculum Medienbildung im jeweiligen Fach festzulegen. Bei der Erarbeitung sind immer die schulspezifischen Rahmenbedingungen, insbesondere auch die Zusammensetzung der Schülerschaft mit ihren heterogenen Lernvoraussetzungen, aktuelle technische IT-Infrastruktur und die medialen Erfahrungen zu berücksichtigen.

Mehr zum Medienentwicklungsplan: 

Der Medienentwicklungsplan (MEP)
Der Medienentwicklungsplan (MEP) stellt ein wichtiges Instrument dar, mit dem Schulen in Abstimmung mit dem Schulträger den Einsatz von Medien in Schulen systematisch planen und die dafür erforderlichen konzeptionellen, personellen, organisatorischen und technischen Voraussetzungen schaffen können. Ein MEP ist die strukturierte Vorgehensweise hin zu einem für die jeweilige Schule und ihren spezifischen Rahmenbedingungen passgenauen Medienbildungskonzept, welches nach der Umsetzung im Unterricht stetig weiterentwickelt und evaluiert werden sollte. Der MEP stellt ein wichtiges Steuerinstrument dar, mit dem Schulen in Abstimmung mit dem Schulträger den Einsatz von Medien in Schulen systematisch planen und die dafür erforderlichen konzeptionellen, personellen, organisatorischen und technischen Voraussetzungen schaffen können. Ein Medienentwicklungsplan setzt sich konzeptionell aus drei Bestandteilen zusammen: einem schuleigenen Medienbildungskonzept, ein entsprechendes Fortbildungskonzept zur Umsetzung des Medienbildungskonzepts und ein Ausstattungskonzept mit einer lernfördernden IT-Infrastruktur, das an die pädagogischen Erfordernisse angepasst ist. Der MEP ist ein Instrument zur Steuerung eines langfristigen und nachhaltigen Medieneinsatzes in der Schule, das die örtlich zur Verfügung stehenden Ressourcen und die Infrastruktur, die individuellen Gegebenheiten der handelnden Akteure sowie der unterrichtlichen Anforderungen berücksichtigt. Die Medienentwicklungsplanung schafft eine Grundlage dafür, digitale Medien im schulischen Umfeld sachgerecht, kritisch und pädagogisch-didaktisch sinnvoll zu nutzen. Ziel ist der fächerintegrative Einsatz des Lernens mit und über Medien in allen Jahrgangsstufen und an möglichst vielen Lernorten, nicht nur in PC-Kabinetten, sondern gerade auch in Klassen- und Fachräumen, in der Schulbibliothek bzw. -mediathek und im Selbstlernzentrum. 

 

Wie erarbeite ich einen Medienentwicklungsplan? 
Der finanzielle Rahmen des Schulträgers ist von Beginn an zu berücksichtigen. Auf dieser Grundlage werden von Beginn an in Kooperation zwischen Schule und Schulträger ein technisches Konzept zur Umsetzung dieser pädagogischer Anforderungen (Vernetzungs-, Ausstattungs-, Wartungs- und Nutzungskonzept) sowie ein Finanzierungs- und Zeitplan erarbeitet, deren Ergebnisse schriftlich fixiert werden. Die Erarbeitung und Fortschreibung eines MEP ist Teil der inneren Schulentwicklung und steht in direkten Zusammenhang mit dem pädagogischen Gesamtkonzept der Schule. 

 

Von der Entwicklung des ersten Entwurfs an kehren bestimmte Arbeitsphasen regelmäßig wieder. In diesem Prozess gibt es jedoch keinen zeitlichen Endpunkt. Oberstes Ziel ist dabei die nachhaltige Implementierung des Lernens mit und über Medien als curriculare Geschäftsgrundlage in allen Fächern, Lernbereichen und Jahrgangsstufen. Für diesen Schulentwicklungsprozess benötigen Schulen in der Regel viel Zeit. In diesem Prozess müssen möglicherweise einige Widerstände und Ängste überwunden und das Wünschbare mit dem Machbaren abgeglichen werden. Schulen müssen dabei zwischen kurzfristiger Euphorie und dauerhaft nützlichen Entwicklungen unterscheiden, um bei sich ständig ändernden technischen Möglichkeiten das Schwergewicht eindeutig auf den sinnvollen pädagogischen Einsatz legen zu können. Dieser strategische schulinterne Entwicklungsprozess eines Change Management in Richtung einer verbindlichen Medienbildung in einer digitalen Welt bedarf der Unterstützung durch externe Impulse z.B. durch externe Moderation und/oder Coaching Angebote für die Steuergruppe und/oder Schulleitung. Hilfreich ist darüber hinaus die Vernetzung mit Schulen, die mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind. 
 

Ohne ein im Kollegium abgestimmtes pädagogisches Medienbildungskonzept sind das Fortbildungs- sowie das Ausstattungskonzept auf Dauer nicht tragfähig und erfolgreich. Oder anders ausgedrückt: Wenn eine Schule eine perfekte technische Ausstattung erhält, verändert sich morgen nichts am Lernen und Lehren in der Schule.
 

Interview-Reihe mit Michael Retzlaff Teil I: bbz 06/2018 Ausgangslage

Interview-Reihe mit Michael Retzlaff Teil III: bbz 09/2018 Vision