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SchuleDigitale Schule muss weitergedacht werden

Die Coronapandemie hat Lehrkräfte und Schüler*innen gezwungen, sich mehr mit digitalem Lernen auseinanderzusetzen. Um aus einer Notlösung eine Chance zu machen, braucht es eine strukturierte Reflexion der gemachten Erfahrungen.

01.05.2021 - von Joanna Szaflik-Homann

Schon im letzten Jahr war meine Schule aktiv dabei, sich den Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen und führte die Lernplattform IServ ein. Nun sind wir mitten im zweiten Lockdown und es lohnt sich, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Die Lehrer*innen und auch die Schüler*innen mussten sich seit März letzten Jahres plötzlich mit Fernunterricht zurechtfinden. Alle vertrauten Methoden, Unterrichtsabläufe, die bekannte Gruppendynamik sowie direkte Interaktionsmöglichkeiten waren nicht mehr gegeben. Es war für alle Beteiligten notwendig, neue Kommunikationswege zu finden, um eine motivierende Lernumgebung zu schaffen, sowie inhaltsreiche Unterrichtsangebote zu gestalten.

Als spontane Lösung folgte eine Mischung aus zahlreichen Arbeitsblättern, 
Lehrbuchseitenangaben, Lern-Apps und punktuell auch Videokonferenzen. Manche Schüler*innen waren überfordert, manche kamen mit dem Format klar, andere sind komplett ausgestiegen und warteten auf die Rückkehr zum Präsenz-unterricht. Was hat sich seitdem geändert?

Ein Jahr voller Erfahrungen

Chatrooms, Videokonferenzen und Aufgabenmodule – was vor einem Jahr noch wie eine ferne Zukunftsvision aussah, ist inzwischen Realität. Heute nutzt die Mehrheit der Lehrkräfte und der Lernenden diese Tools. Dementsprechend ist der Unterricht während des zweiten Lockdowns viel strukturierter, inhaltsvoller und abwechslungsreicher. Gleichzeitig haben die Schüler*innen ihre Medienkompetenz deutlich erweitert: Sie verfassen formale E-Mails, sie beteiligen sich konstruktiv an Videokonferenzen, sie sind in der Lage, Dokumente in verschiedenen Formaten zu erstellen und hochzuladen. All dies ist beachtlich, da ein bedeutender Teil der Schüler*innen lediglich über ein Handy als Endgerät verfügt und den schulischen Teil ihrer Ausbildung als ein notwendiges Übel empfindet.

Jetzt, wo mit der Lernplattform eine Grundlage für das digital unterstütze Lernen geschaffen wurde, folgt die Überlegung, was noch besser funktionieren kann und wie dies zu erreichen ist. Hier lohnt es sich, auf die Schüler*innenstimmen zu hören, vor allem, wenn es um die Organisation des digital unterstützten Lernens geht. So wie im analogen Unterricht eingespielte Abläufe, Lernrituale und das Klassenklima das Lernen prägen, so müssen jetzt die gleichen Prozesse im digitalen Unterrichtsraum neu gedacht und gemeinsam erarbeitet werden. Viele Schüler*innen bringen folgende Verbesserungsideen ein:

Zum Beispiel fordern sie Hilfe bei der Organisation eigener Arbeitsabläufe. Manche Schüler*innen brauchen eine sehr kleinschrittige Planung und häufige Angebote zur individuellen Beratung, sei es per Mail, Chat oder Video. Große Aufgabenpakete überfordern viele von ihnen und führen im Extremfall dazu, dass sie sich komplett zurückziehen und die Kommunikation abbrechen.

Zum Beispiel fordern sie klare und einheitliche Kommunikationswege. Da es mehrere Kommunikationswege gibt, fällt es vielen Schüler*innen schwer, zu folgen, in welchem Unterricht was wann zu tun ist. Auch wenn dies aus der Perspektive der einzelnen Lehrer*innen klar erscheint, und auch wenn der Unterricht nach Stundenplan verläuft, brauchen die Lernenden eine Art Übersicht über die anstehenden Verpflichtungen.

Zum Beispiel benötigen sie eine längerfristige Planung. Die Unterrichtsinhalte sollen möglichst früh mitgeteilt werden, so dass die Lernwoche für die Schüler*innen planbar ist. Manche müssen beim Ausdrucken der Materialien auf Hilfe zurückgreifen, andere haben Geschwister oder eigene Kinder, so müssen sie bei ihrer Nutzung von Lerngeräten und Lernzeiten auch die Planung anderer Familienmitglieder beachten.

Reflexion für den Blick nach vorn

Was bedeutet diese neue Dimension des Unterrichtens für die Lehrkräfte? Einerseits ist es eine spannende Erweiterung der eigenen Kompetenzen und methodischen Vielfalt. Gleichzeitig hat aber diese Turbo-Fortbildung im digital unterstützten Lehren viele an ihre Grenzen gebracht und einen enormen zeitlichen Arbeitsaufwand gefordert. Der Aufgabenumfang hat sich deutlich vergrößert: Moderation von Videokonferenzen und Chats, digitale Verwaltung von Aufgaben, Erstellung von online-kompatiblen Übungsmaterialien, fast permanente Bereitschaft, auf die Schüler*innenanfragen zu reagieren, um sie zu motivieren, fachbezogen zu fördern und ihnen die Möglichkeiten der sozialen Interaktion zu bieten.

Nach diesem schnellen Einstieg in das digital unterstützte Unterrichten ist es notwendig, den Lehrer*innen, die diese Prozesse angeleitet und im Alltag ausgebaut, entwickelt und erprobt haben, Zeit für Auswertung zu geben. Denn nur so können die Erkenntnisse dauerhaft in den Schulalltag integriert werden.

Konkret sollten folgende Aspekte und Fragestellungen im Lehrer*innenkollegium evaluiert und diskutiert werden: Die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von einzelnen Tools und Lern-Apps im schulischen Alltag; die Auswirkungen des digitalen Lernraums auf die Interaktion zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen; die Wirkung der Lernplattform als Kommunikationsmedium im Kollegium; zeitliche Grenzen des Lehrer*inneneinsatzes angesichts des unbegrenzten Zugangs zur schulischen Lernplattform; die Nutzung der privaten technischen Infrastruktur für berufliche Zwecke.

Für einen solchen Evaluationsprozess müssen zusätzliche zeitliche Freiräume geschaffen werden, um die wertvollen Erfahrungen langfristig in die Praxis zu integrieren.

Es würde mich freuen, wenn an dieser Stelle noch andere Kolleg*innen ihre positiven Erfahrungen beisteuern könnten und wir auf einem breiten Fundament noch sicherer handeln können.