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StandpunktDigitale Schulgemeinschaft

Die Schließungen in Folge der Corona-Krise zwingen unsere Schulen in ein unfreiwilliges Experiment.

07.05.2020 - von Lydia Puschnerus, Leiterin des Vorstandsbereiches Schule in der GEW BERLIN

Digitalisierung als Notlösung? Digitales Arbeiten als Selbstverständlichkeit! Das wäre auch schon vor März schön gewesen, bevor plötzlich bundesweit alle Schulen aufgrund der COVID-19-Pandemie schließen mussten. Plötzlich kein Unterricht mehr, keine Postfächer im Kollegiumszimmer, kein Mitteilungsbuch, keine Aushänge – Traum oder Albtraum? Schulgemeinschaften, die zuvor analog arbeiteten, fanden schnell Übergangslösungen, von Kommunikation per Mail-Verteiler und Schulhomepage, über Koordination der Lerngruppen in Schulclouds, bis zu Unterricht per Videokonferenz. Die Berliner Lehrkräfte haben alles daran gesetzt, ihre Schützlinge beim unfreiwilligen Selbststudium bestmöglich zu betreuen – freiwillig, denn eine arbeitsrechtliche Grundlage gibt es dafür nicht, von Dienstgeräten ganz zu schweigen.

In dieser Ausnahmesituation hat ein ganzes Land, das sich schon im Alltag 2.0 wähnte, bestehende Lücken in der Digitalisierung verstärkt zu spüren bekommen. Insbesondere staatliche Institutionen waren nicht auf das vorbereitet, was auch ohne Krise bereits Standard sein sollte – flächendeckend digital zu kommunizieren. Was die Schulgemeinschaften akut geleistet haben, darf nun nicht zur Lösung eines strukturellen Problems – frei nach dem Motto: »Geht doch!« – umetikettiert werden. Nach wie vor braucht es mehr digitale Infrastruktur und geregelte Kommunikationskultur. Digital ist eben mehr als nur das interaktive Whiteboard und ein bisschen Lernplattform.

Aber genau das ist der Horizont bisheriger Bemühungen der Bildungsverwaltung und des Bundes. Der Digitalpakt soll Schulen seit 2018 technisch auf den Weg bringen, mit Geldern für WLAN und Endgeräte – exklusive Wartung versteht sich, und nur gegen ein individuell ausgearbeitetes Medienkonzept. Was den Schulen als Autonomie verkauft wird, ist nichts anderes als abgewälzte Mehrarbeit seitens der Verantwortlichen. Auch bei der landeseigenen Lernplattform, Lernraum Berlin, besteht Nachbesserungsbedarf. Nutzer*innen klagen über umständliche Bedienung und sorgen sich um langfristige Updates. Unter dem massiven Zulauf im Zuge der Schulschließungen brach die Plattform zusammen. Zwar wurden die Kapazitäten schnell angepasst. Das allein reicht jedoch nicht aus. Nicht ohne Grund nutzen etliche Schulen lieber kommerzielle Angebote.

Nun gilt es, aus dem unvorhergesehen Stresstest zu lernen, Lücken zu schließen und den Begriff digitale Schule breiter zu denken – und entsprechende Standards zu schaffen. Die Leitfrage muss lauten: Worin liegt der Mehrwert der digitalen Erweiterung? Eine Ausstattung mit mehr Klassen-PCs, Projektoren, Lautsprechern und WLAN muss den Zugang zu Inhalten vereinfachen, nicht zu mehr Wartung führen. Schul-E-Mails müssen effizientere Kommunikation und Kollaboration der Schulgemeinschaft ermöglichen, nicht mehr Post generieren. Nur wenn die Antwort Entlastung und besserer Zugang zu Bildung lautet, hat sich der Einsatz digitaler Lösungen gelohnt.    
 

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