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bbz 07-08 / 2017Drei Wege für den Schuleinstieg

Für die nach den Freien neu eingeschulten Kinder gibt es drei unterschiedliche Wege in die Schule. Die flexible Schulanfangsphase (Saph), das Jahrgangsübergreifendes Lernen (JüL)und die jahrgangsbezogenen Lerngruppen. Ein Interview mit Heike Buick, Lara Tilsner und Philipp Lorenz über pädagogische Konzepte in der Grundschule

01.07.2017 - Interview von Arne Schaller

Nach den Ferien werden in Berlin über 28.400 Kinder eingeschult. Für sie gibt es drei unterschiedliche Wege in die Schule. Die flexible Schulanfangsphase (Saph) umfasst die Jahrgangsstufen 1 und 2 und wird als pädagogische Einheit gesehen. Im Jahrgangsübergreifendes Lernen (JüL) werden sogar die Jahrgangsstufen 1 bis 3 vereint. Immer mehr Schulen wenden sich allerdings von den Reformen der vergangenen Jahre ab und kehren zu jahrgangsbezogenen Lerngruppen zurück. Ein Interview mit Heike Buick, Lara Tilsner und Philipp Lorenz über pädagogische Konzepte in der Grundschule

Ihr kommt von drei verschiedenen Grundschulen und unterrichtet jeweils eine andere Art der Schulanfangsphase. Könnt ihr jeweils beschreiben, welche Vorteile »eure« Form des Schuleinstiegs bringt?
Heike Buick: Ich bin Lehrerin an der Grundschule am Barbarossaplatz. Wir unterrichten die Jahrgangsstufen 1 bis 3 gemeinsam. Vorteilhaft finde ich daran, dass in jedem Schuljahr nur ein Drittel der Kinder wechselt und die Kinder des 3. Jahrgangs bei Gruppenarbeiten meistens schon souveräner agieren können. Außerdem können die Schüler*innen flexibel – mit oder ohne Lehrkraft – nach Leistungs- und Entwicklungsstand, nach Interessen oder sozialen Kontakten in unterschiedlichen Kleingruppen arbeiten.
Lara Tilsner: Bei uns an der jahrgangsbezogenen Grundschule Germendorf lernen die Schüler*innen nach der Einschulung den Schulalltag gemeinsam kennen. Die jahrgangshomogene Lerngruppe wächst zusammen und lernt bis zur 6. Klasse gemeinsam. Neue Inhalte können allen Kindern gleichzeitig erklärt werden. Sie arbeiten dadurch weniger unbeaufsichtigt in ihren Heften, weil die Lehrkräfte keiner Teilgruppe etwas anderes erklären müssen.
Philipp Lorenz: An der Wedding-Schule, deren kommissarischer Schulleiter ich bin, arbeiten wir mit der flexiblen Schulanfangsphase (Saph). Die Vorteile sind ähnlich der jahrgangsübergreifenden Konzeption. Zu nennen wäre hier zuerst der soziale Bereich, das von- und miteinander Lernen, aber auch die unmittelbare Notwendigkeit einen individualisierten Unterricht anzubieten, was direkte Auswirkung auf die Unterrichtsqualität hat.

Wie gestaltet sich das von- und miteinander Lernen?
Buick: Kinder des 2. und 3. Jahrgangs übernehmen gemeinsame Patenschaften für Schulanfänger*innen. So werden die »Kleinen« unterstützt und können gut in Regeln und Rituale eingeführt werden. Die »Großen« lernen Verantwortung zu übernehmen. Soziale Kompetenzen können in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen gut gefördert werden.
Lorenz: Das direkte Erleben der eigenen Entwicklungsmöglichkeit am Vorbild ist ein wichtiger Punkt unter vielen anderen Vorteilen für unsere Schüler*innen. Gerade in einer Brennpunktschule mit großen sprachlichen und sozialen Entwicklungsschwerpunkten ist die Möglichkeit des »Verweilens« für drei Jahre in der zweijährigen Saph ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Und das, ohne den Beigeschmack des »Sitzenbleibens«.

Gab oder gibt es Diskussionen im Kollegium über eine Änderung der Form?
Tilsner: Das Kollegium möchte diese Form beibehalten und aktuell gibt es keine Diskussionen über eine Änderung.
Buick: Auch bei uns gibt es keine Diskussionen über einen Wechsel. Jahrgangsübergreifender Unterricht wird aber als Herausforderung gesehen. Eltern ist die damit verbundene Unterrichtsorganisation manch-mal schwer zu vermitteln. Hospitationen können da aber Abhilfe schaffen und einen Einblick geben.
Lorenz: Unser Kollegium ist in ständiger Diskussion über alle Unterrichtsformen und Konzepte. Auch bezüglich der Saph gibt es bei uns ernstzunehmende Bedenken.

Welche Gründe oder Bedenken werden genannt?
Lorenz: Das Konzept kann nur so gut sein, wie die Bedingungen es zulassen. Wir müssen hier einen ehrlichen, kritischen und vor allem schulscharfen Blick haben, um die Schüler*innen bestmöglich zu fördern und auszubilden. Außerdem benötigt die Saph eine extrem starke Professionalisierung und das in einer Zeit, in der es nicht einfach ist, voll ausgebildete Grundschullehrkräfte zu gewinnen. Das führt in der Praxis häufig dazu, dass die Kolleg*innen durchgehend in der Schulanfangsphase unterrichten. Ich kann verstehen, dass das auch ermüdend wirken kann.

Welche Verbesserungsmöglichkeiten gäbe es bei der Ausgestaltung des Schuleinstiegs?
Lorenz: Eine bessere Ausstattung! Eine Schulanfangsphase lebt besonders in Brennpunktschulen von guter personeller Besetzung. Nur so lässt sich gemeinsamer Unterricht in einer heterogenen Lerngruppe realisieren, der dem einzelnen Kind individuelle Förderung gewährleistet.
Buick: Bei den Arbeitszeiten sollten Zeiten für Austausch und Förderplanung in den Lerngruppen-Teams berücksichtigt werden. Im Rahmen der Inklusion sollte es die Möglichkeit geben, die Klassenfrequenz den Bedürfnissen der aufgenommenen Kinder entsprechend abzusenken.
Tilsner: Neben einer Absenkung fehlen uns auch die nötigen Teilungsstunden. Diese brauchen wir aber, um besser differenzieren zu können. Zudem sollte das Zurückstellen von Kindern erleichtert werden, weil man schnell feststellt, wer noch nicht schulreif ist und den Inhalten nicht folgen kann.

Was sollte sich an den räumlichen Bedingungen für eure Arbeit ändern?
Lorenz: Teilungsstunden allein lösen in der Tat nicht das Problem. Die Saph braucht auch ein Recht auf ausreichend Teilungsräume. Das ist wichtig und noch dringlicher als in jahrgangshomogenen Lerngruppen. Zudem muss ein finanzieller Spielraum vorhanden sein, der die Freiheit mit sich bringt, Raumeinrichtungen für individualisierte Lernprozesse sinnvoll gestalten zu können.
Buick: Dafür müssen die Räume aber auch ausreichend groß sein, um genügend Schränke und Regale unterzubringen, in denen Materialien für drei Jahrgänge und Differenzierungsmaterial gut zugänglich und übersichtlich aufbewahrt werden können. Die räumlichen Gegebenheiten sollten auch »Arbeitsecken« und die Arbeit von Kleingruppen ermöglichen. Das Mobiliar muss flexibel sein, da Kinder unterschiedlicher Größe zusammenarbeiten.
Tilsner: Flexible Möbel würde ich mir auch wünschen. Die Stühle in unserem Kunstraum und Computerraum sind zu groß für Erstklässler*innen, so dass der Unterricht weitgehend im Klassenraum stattfinden muss. Ansonsten haben wir an unserer Schule aber sehr gute räumliche Bedingungen.

Grundschulen haben eine sehr heterogene Schüler*innenschaft. Wie ist da eine individuelle Förderung möglich?
Buick: Mit den Kindern werden für im Stundenplan festgelegte »Arbeitszeiten« individuelle Ziele besprochen, die sie selbstständig bearbeiten können. Förderung findet auch in übergreifenden temporären Lerngruppen und klasseninternen Fördergruppen statt. Im gemeinsamen und jahrgangsübergreifenden Unterricht können sich die Kinder zu offenen Fragen ihrem Entwicklungsstand entsprechend äußern und durch die Beiträge anderer Kinder lernen. Bei der Bearbeitung von Unterrichtsinhalten sollten ganzheitliche Zugänge berücksichtigt werden.
Lorenz: Das sehe ich genauso. Individuelle Förderung ist immer notwendig und wichtigstes Ziel der Schulentwicklung.

An welche Grenzen stoßen Pädagog*innen da in der Praxis?
Lorenz: Die personelle Ausstattung, das soziale Umfeld und die Raumsituation sind zentrale Grenzen, mit denen die Kolleg*innen täglich konfrontiert werden. Wir haben das Gefühl, dass die Spanne der Erstklässler*innen im Sozialen- und Leistungsbereich immer größer und damit anspruchsvoller wird. Gerade Brennpunktschulen brauchen hier noch viel mehr Unterstützung, um auf diese schwierige Ausgangssituation angemessen reagieren zu können.
Tilsner: Bei uns ist es schwer, sich bei größeren Klassen um einzelne Kinder zu kümmern, da wir kaum Teilungslehrkräfte und auch keine Erzieher*innen im Unterricht haben. Besonders Kinder mit emotional-sozialen Auffälligkeiten können schwer integriert werden.

Was sollte die Bildungsverwaltung am dringendsten angehen?
Lorenz: Kurz und knapp: die personelle Ausstattung! Mit sicherer Personaldecke und solider Vertretungsreserve lassen sich auch herausfordernde Konzeptionen gewinnbringend umsetzen! Wobei ich betonen möchte, dass es nicht nur um den quantitativen Aspekt geht, sondern insbesondere um den qualitativen, nämlich um gut ausgebildete Grundschullehrkräfte.
Tilsner: Auch bei uns ist es die personelle Ausstattung. Es müssten mehr Lehrkräftestunden für die unteren Klassen zur Verfügung stehen. Eventuell wäre auch Hilfe durch Erzieher*innen gut.
Buick: Am dringendsten sollte der Verwaltungsaufwand reduziert werden. Aber auch für gut ausgebildetes Personal und ansprechende Lernräume muss gesorgt werden.

Vielen Dank für das Gespräch!


Dieser Artikel ist Teil des bbz-Themenschwerpunkts „Wir brauchen GROßES für die Kleinen“[zur gesamten Ausgabe]