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TendenzenEin Angebot, das man ablehnen kann

Die »Alternative für Deutschland« wird es bei den kommenden Wahlen wohl ein zweites Mal in Bundestag und Abgeordnetenhaus schaffen. Ihre Vision für unser Bildungssystem ist aber entschieden abzulehnen.

16.09.2021 - von Joshua Schultheis

Wäre es nicht schön, wenn die Hochschulen weniger abhängig von Drittmitteln wären und stattdessen ihre Grundfinanzierung so üppig, dass der Wissenschaftsstandort Deutschland endlich wieder international glänzen könnte? Und sollten nicht auch unsere Schulen frei von Lobbyismus sein? Statt Lehrplänen, denen die Wirtschaft mit ihrem abstrakten Kompetenzbegriff den Stempel aufgedrückt hat, müsste es wieder um echte Inhalte gehen. Schluss sollte auch mit der Herabsetzung der Berufsbildung und der Bevorzugung von Abitur und Studium sein. Es braucht die Gleichberechtigung der Bildungswege und im Übrigen auch der Sprachen: Wer nicht ausreichend Deutsch spricht, sollte auch in der eigenen Herkunftssprache unterrichtet werden können.

Aus einem bestimmten Winkel sieht das, was die Alternative für Deutschland (AfD) für unser Bildungssystem plant, gar nicht so schlecht aus. Wer jetzt aber schon den Impuls verspürt, bei der nächsten Wahl sein Kreuz bei den Blauen zu machen, sollte sich noch einmal das Wahlprogramm der AfD im Detail anschauen. Dort offenbart sich nämlich, dass selbst die Aspekte, die gut klingen mögen, eigentlich integraler Bestandteil einer Politik sind, die Kinder und Jugendliche in Schubladen steckt, freie Wissenschaft unterdrücken möchte und auf Abschiebung statt Integration setzt.

Hinter der Idee, Unterricht auch in anderen Herkunftssprachen anzubieten, steckt das Ziel der Segregation von »deutschen« und geflüchteten Kindern, die zwar beschult werden sollen, aber nicht zuletzt, um sie »für die Möglichkeit ihrer Rückkehr in ihr Heimatland vorzubereiten«. Der Inhalt, der an die Stelle der tatsächlich oft sinnlosen Kompetenzorientierung treten soll, lautet: »deutsches Kulturgut«, zur Förderung von »Heimatliebe und Traditionsbewusstsein«. Von Weltoffenheit oder einem Denken im globalen Maßstab ist dagegen keine Rede. Und die Aufwertung der beruflichen Bildung, der Handarbeit geht bei der AfD mit dem Ideal eines »leistungsorientierten, differenzierten Bildungswesens« einher, in der jede*r einen zugewiesenen Platz hat und nur eine ausgewählte Elite studieren geht.

Das sind dann auch die Bedingungen, unter denen sich die Universitäten, befreit von der Aufgabe, möglichst vielen ein Studium und damit den gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen, ganz der Spitzenforschung widmen können. Ob die Wissenschaft unter der AfD besonders frei von »Ideologie« und die Schulen von »Indoktrination« wären, lässt sich indes bezweifeln. So sollen etwa alle Mittel für die Genderforschung gestrichen werden. Wissenschaftsfreiheit kann aber nur heißen, dass die wissenschaftliche Community selbst darüber entscheidet, was sie erforscht. Wenn es nach dem Willen der AfD geht, sollen Kinder vor »politischen Ideologien, wie beispielsweise Klimahysterie und Genderwahn« beschützt werden. Ganz unproblematisch, weil vermeintlich natürlich, ist dagegen anscheinend die Vorstellung, dass Familie stets aus »Vater, Mutter und Kindern« besteht und »Sicherheit, Obhut, Heimat, Liebe und Glück« bedeutet. Einzig vertretbar wäre aber, Kinder im Lichte der Realitäten unserer Gegenwart zu erziehen, und in der sind Familien komplexer und der Klimawandel nun mal Wirklichkeit.

Die Vision, die die AfD vom deutschen Bildungssystem hat, ist in jeder Hinsicht reaktionär: Fortschritte in der Demokratisierung von Bildung der Vergangenheit, sollen wieder rückgängig gemacht werden – weniger Studienplätze, Abwendung vom Ziel der Integration Schüler*innen mit Beeinträchtigungen – konservative Anachronismen – etwa das dreigliedrige Schulsystem –, sollen gestärkt werden. Dahinter steckt ein biologistisches und völkisches Weltbild, in dem Erziehung nicht dazu dient, die ungeahnten Möglichkeiten, die in jedem Kind stecken, zu entfalten, sondern gesellschaftliche Hierarchien und Ausschlüsse zu legitimieren und zu stabilisieren. Dagegen kehrt sich ein Ideal, das die AfD in ihr eigenes Wahlprogramm aufgenommen hat, deren Implikationen sie aber nicht zu verstehen scheint: »Leitbild der schulischen Bildung muss immer der selbstständig denkende Bürger sein.«   

Der Autor bezieht sich auf das Wahlprogramm der Bundes-AfD. Das des Berliner Landesverbandes ist bis Anfang August noch nicht veröffentlicht worden.