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bbz 04-05 / 2016Ein Blick hinter die Kulissen

Hallo Beate, hallo Philipp. Beate, du bist schon seit vielen Jahren als Erzieherin im Personalrat Kindergärten City vertreten. Du, Philipp, wurdest 2012 in den Personalrat Mitte gewählt. Was war eure Motivation, euch zu engagieren?

01.04.2016 - Interview von Caroline Muñoz del Rio und Markus Hanisch

Hallo Beate, hallo Philipp. Beate, du bist schon seit vielen Jahren als Erzieherin im Personalrat Kindergärten City vertreten. Du, Philipp, wurdest 2012 in den Personalrat Mitte gewählt. Was war eure Motivation, euch zu engagieren?

Beate: Ich wollte hinter die Kulissen schauen. Mich hat interessiert, wie es abläuft auf der Geschäftsebene. Ich will aber auch etwas bewegen, die Arbeitsbedingungen für die KollegInnen verbessern. Es ist wichtig, dass es einen guten Personalrat gibt, damit der Arbeitgeber nicht einfach freie Hand hat. Wobei wir im Eigenbetrieb Kindergärten City das Glück haben, ein konstruktives Verhältnis zu unserer Geschäftsleitung zu haben. Aber ihr wisst ja, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Philipp: Da hast du allerdings Recht. Mich hat es außerdem motiviert, Dinge verändern zu können. Etwas zu tun, das Menschen in ihrem Beruf unmittelbar helfen kann. Außerdem finde ich die Nähe zur Dienststelle und Schulaufsicht sehr spannend. Einfach hinter die Kulissen zu gucken – das hat auch mich interessiert.

Hattet ihr konkrete Ziele, als ihr im Personalrat angefangen habt?

Beate: Ich wollte einfach eine Ansprechpartnerin für meine KollegInnen sein. Auch wenn das manchmal tatsächlich nur heißt, zu reden. Ich möchte, dass es den KollegInnen gut geht.

Philipp: Für mich ist der Personalrat die Instanz, die darauf achtet, dass alles korrekt abläuft und rechtliche Bestimmungen eingehalten werden. Grundsätzlich finde ich es extrem wichtig, dass es ein solches Regulativ gibt. Es ist doch gut zu wissen, dass es Personalräte gibt, die sich Unregelmäßigkeiten und Problemen annehmen.

Von außen ist es schwer, sich konkret vorzustellen, was ein Personalrat so macht. Erzählt doch mal ein bisschen von euren Aufgaben.

Beate: Der Personalrat vertritt die Interessen der Beschäftigten gegenüber der Geschäftsleitung. Wir achten zum Beispiel darauf, dass die Dienststelle den Tarifvertrag einhält und neue KollegInnen korrekt eingruppiert werden. Wir sprechen über dienstlichen Beurteilungen von KollegInnen und legen Einspruch ein, wenn hier etwas nicht stimmig ist.
Meine persönlichen Schwerpunkte sind die Arbeitssicherheit in Kitas und die Umsetzung der Maßnahmen, die sich aus den Gefährdungsbeurteilungen ergeben. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, alle Gesundheitsrisiken bei der Arbeit in der Kita aufzulisten. Dann muss er darlegen, was er gegen die Gefährdungen unternehmen will. Ich sorge dafür, dass keine Gefährdungen unter den Tisch fallen und Maßnahmen zur Verbesserung ergriffen werden.

Philipp: Beate hat schon viele wichtige Punkte genannt. Der Arbeits- und Gesundheitsschutz ist auch bei uns ein großes Thema. Erst recht, da die Zustände an den Schulen teilweise katastrophal sind. Der bauliche Zustand ist oft ein Problem, das wird in den Begehungen immer wieder deutlich. Wir begleiten auch viele Präventionsgespräche. Das sind offizielle Gespräche zwischen Schulleitung und Beschäftigten. Die werden geführt, wenn es Probleme am Arbeitsplatz gibt, die zu Arbeitsunfähigkeit führen könnten. Gemeinsam wird dann versucht, Lösungswege zu finden. Wir informieren, beraten und unterstützen außerdem viele Kolleginnen und Kollegen in Konfliktsituationen. Ich bin wirklich verwundert, was es für Auseinandersetzungen mit Schulleitungen gibt. Beide Seiten brauchen hier bessere rechtliche Kenntnisse. Und manche Schulleitung sollte weniger Sorge haben, Entscheidungen auch einfach mal menschlich zu treffen.

Welche Themen haben euch in letzter Zeit am intensivsten beschäftigt?

Philipp: Bei mir ist es sicherlich die Einstellungssituation. Als Personalrat stimmen wir derzeit unglaublich vielen Einstelllungen von Menschen mit sehr unterschiedlichen Qualifikationen zu. Uns liegen Einstellungen von Menschen vor, die den berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst im Quereinstieg machen oder von Leuten, die noch berufsbegleitend Studien absolvieren müssen, also ohne entsprechende Ausbildung in die Schule kommen. Vor allem im Grundschulbereich ist das Nachwuchsproblem ja eklatant und das muss natürlich irgendwie gelöst werden. Deswegen werden immer mehr StudienrätInnen eingestellt, die für die Arbeit an der Grundschule gar nicht ausgebildet sind. Und wir als Personalrat stecken dann in der Zwickmühle: Bei was kann man noch zustimmen? Als Personalrat vertreten wir natürlich jeden Einzelnen, aber wir möchten auch, dass eine bestimmte Schulqualität gehalten wird. Das ist ein Konflikt, den wir ständig mit uns ausmachen müssen.
Wir fragen uns auch, wie es dann mit den neuen KollegInnen in der Praxis läuft. Werden sie gut genug betreut? Sie müssen ja noch viel lernen. Erfolgt diese Ausbildung nicht konsequent, folgt eine Deprofessionalisierung des Berufs. Wir wünschen uns, dass diese Menschen den »korrekten« Berufsweg gehen können, also dass sie Referendariate angeboten bekommen, dass sie gegebenenfalls erst ein Aufbaustudium machen und dann ins reguläre Referendariat gehen können. Das berufsbegleitende Referendariat finde ich im Sinne der KollegInnen grundsätzlich fragwürdig, da es eine unglaubliche Belastung bedeuten kann.

Und was stand bei dir im Fokus, Beate?

Beate: In der letzten Wahlperiode ging es viel um die gestiegenen Anforderungen an uns Erzieherinnen, die Arbeit regelmäßig vor- und nachzubereiten. Für diese Vor- und Nachbereitungszeit brauchen wir in den Kitas ergonomische Arbeitsplätze mit PC und allem was dazugehört. Wir haben da kräftig nachgehakt und durchgesetzt, dass pro Kita so ein Arbeitsplatz eingerichtet wird. Auch bei der Anerkennung der mittelbaren pädagogischen Arbeit haben wir viel erreicht. Den KollegInnen werden jetzt innerhalb der Arbeitszeit zwei Stunden für die Vor- und Nachbereitung ihrer pädagogischen Arbeit mit den Kindern gewährt. Eigentlich fordern wir mehr Stunden, aber ich bin stolz, dass wir einen Schritt weiter gekommen sind.

Ist es schwer, die Personalratsarbeit mit der Arbeit als Erzieherin oder als Lehrer unter einen Hut zu bekommen?

Beate: Das kann schon hart sein. Vor allem für die KollegInnen im Personalrat, die keine Freistellung haben. Ich selbst bin ja voll freigestellt. Aber die anderen müssen sich für die Personalratssitzung und andere Aufgaben aus ihrer Kita loseisen und ihre KollegInnen übernehmen dann die Arbeit. Das fällt vielen nicht leicht und sie haben ein schlechtes Gewissen, obwohl sie mit ihrer Personalratsarbeit doch die Interessen der KollegInnen vertreten. Das kann schon ein Spagat sein. Dabei profitieren die KollegInnen in der Kita davon, wenn eine von ihnen im Personalrat ist: denn man bringt immer neues Wissen mit zurück, das in der täglichen Arbeit von Vorteil ist. Natürlich ohne dass wir Vertrauliches aus der Personalratsarbeit nach außen tragen. Bei uns haben wir außerdem mit der Geschäftsstelle eine Kompensation vereinbart. Die Kitas, in denen Personalratsmitglieder tätig sind, erhalten acht Stunden Personalkapazität zusätzlich.

Philipp: Das finde ich gut. Ansonsten ist es für ErzieherInnen ja wirklich etwas schwierig. Für Lehrkräfte ist das grundsätzlich einfacher geregelt. Im Personalrat Mitte läuft es so, dass alle Mitglieder eine Grundfreistellung von drei Unterrichtsstunden erhalten. Damit haben sie auf jeden Fall Zeit, um an der wöchentlichen Sitzung teilzunehmen und eventuell noch weitere Aufgaben zu übernehmen. Wer umfangreichere zusätzliche Aufgaben übernehmen will, kann mehr Stunden bekommen. Das klären wir im Personalrat untereinander. Außerdem kann in bestimmten Fällen eine Extra-Freistellung erteilt werden. Wenn ich zum Beispiel ein Bewerbungsverfahren begleite, informiert die Dienststelle die Schule, dass ich an diesem Tag meiner Personalratstätigkeit nachgehe. Wir haben in Mitte einen vierköpfigen Vorstand inklusive der Vorsitzenden, die deutlich mehr Stunden erhalten und dementsprechend auch die meiste Arbeit machen.
Ich persönlich empfinde meine Arbeit als Personalrat nicht als Zusatzbelastung, im Gegenteil. Ich empfinde es als sehr gewinnbringend, über den Tellerrand zu schauen und zu erfahren, dass es auch noch etwas anderes gibt als die eigene Schule. Unser wöchentlicher Sitzungstag ist eine interessante Abwechslung und der Perspektivwechsel hat auch etwas Entlastendes.

Was könnt ihr den Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg geben, die für die Personalratswahl im November kandidieren wollen?

Beate: Wir freuen uns auf neue KollegInnen, die mitmachen. Sie sollen unbedingt ihre Themen und Ideen mit einbringen. Das bringt auch für uns Erfahrene frischen Wind. Eine gewisse Ausdauer ist für die Arbeit im Personalrat wichtig. Manche Dinge brauchen halt Zeit. Und ein bisschen mutig muss man sein. Mir hat meine Kollegin, die mich damals in den Personalrat geholt hat, gesagt, ihr sei aufgefallen, dass ich nicht auf den Mund gefallen bin und dass ich mir nicht immer alles gefallen lasse.

Philipp: Das denke ich auch. Es gehört schon ein bisschen Selbstvertrauen dazu. Wenn man mit der Behörde konfrontiert ist, muss man als Personalrat auch gerade stehen können. Ansonsten kann ich nur empfehlen: offen an die Arbeit rangehen, Spaß bei der Sache und Mut zum Widerspruch haben, zuhören und aufpassen, was die Erfahrenen einem so mitgeben können. Dann wächst man da, glaube ich, ganz schnell rein.

Wir danken euch sehr für das Gespräch.

Beate Hadjiew, 47 Jahre alt, seit 1988 Erzieherin, seit 2006 beim Eigenbetrieb Kindergärten-City. Vor ihrer Vollfreistellung als Personalrätin im Jahr 2009 arbeitete sie zuletzt in der Kita in der Lichtenberger Straße.

Philipp Lorenz, 36 Jahre alt, seit 2007 als PKB-Kraft und seit 2012 als angestellter Lehrer an der Wedding-Grundschule am Leopoldplatz. Seitdem ist er auch mit drei Unterrichtsstunden für die Arbeit im Personalrat Mitte freigestellt.