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FilmEin etwas anderer Familienfilm

Ein Zürcher Elternpaar glaubt, alles richtig gemacht zu haben. Doch die halbwüchsigen Kinder blockieren das Familiensystem. Bis die Eltern ausziehen.

18.06.2020 - von Joshua Schultheis

Michi droht mal wieder mit Rauswurf, als sein Sohn Romeo, wie so häufig, bekifft nach Hause kommt. Der antwortet nur schnippisch: »Wie oft hast du mir das schon gesagt? Ich höre gar nicht mehr hin!« und in der Tat ist das Drohpotential des Vaters damit auch schon erschöpft. Anstatt ernst zu machen, flieht sich Michi in ein warmes Bad, wo er, bis zum Hals in Seifenschaum, den Sachbuch-Bestseller »Homo Deus« liest. Darin geht es um den Weg der Menschheit vom gemeinen Affen zum Herrscher über die Welt und um ihr Streben nach Perfektion und Gottgleichheit. Stärker könnte der Kontrast zur profanen Erziehungswirklichkeit der Familie Kamber-Gruber nicht sein. 

Die wird bestimmt durch die unverbesserlich-infantilen Zwillinge Anton und Romeo, die mit ihren 20 Jahren der Gottgleichheit denkbar fern sind: unselbstständig, disziplinlos, dabei anspruchsvoll, rücksichtlos und vulgär, die beiden sind unausstehlich. Obwohl ihre Eltern verbal permanent rote Linien ziehen, bleibt das ohne Konsequenzen und sie können sich immer darauf verlassen, dass ihr Chaos im Zweifelsfall von anderen beseitigt wird. So bleibt das Interesse der Zwillinge, endlich erwachsen zu werden, eher gering. Unter dieser verfahrenen Situation leidet auch die Ehe der Eltern und der Jüngste, Benji, droht dabei unterzugehen. Die Lage spitzt sich zu, als Michi eine zweimonatige Auszeit von Beruf und Familie plant, während seine Frau gerade versucht, in der Lokalpolitik durchzustarten. Zu allem Überfluss händigt dann auch noch der Großvater Anton und Romeo zu ihrem Geburtstag einen ordentlichen Vorschuss auf ihren Erbanteil aus, wodurch die nun finanziell (prä-)potenten Brüder den Rest der Familie auf ganz neuem Niveau terrorisieren können.

Kommentiert wird das Kleinfamilien-Drama von mehreren (echten) Erziehungsexpert*innen, die, hineingesetzt ins Wohn-, Bade-, oder Schlafzimmer der Kamber-Grubers, die größeren sozialen Zusammenhänge des Familienkonflikts erläutern. So erklärt etwa der Kinderarzt und Sachbuchautor Remo Largo, auf dem Badewannenrand sitzend, dass die mangelnde Selbstständigkeit heutiger Jugendlicher nicht zuletzt damit etwas zu tun hat, dass sie auch stärker als frühere Generationen von den Erwartungen, Wünschen und Träumen der Eltern fremdbestimmt werden. Ursächlich hierfür sei der gesteigerte Leistungsdruck, der nicht nur die Kinder und Jugendlichen träfe, sondern auch Erwachsene und Alte. In den Familien wächst die Anspannung, weil die einen aus guten Gründen das warme Nest nicht gegen das Haifischbecken tauschen wollen, während die Ansprüche der anderen an den Nachwuchs immer größer werden. 

Diese verfremdenden Eingriffe in die Filmwelt verhindern, dass die Frage, wer Schuld an der Verzogenheit der Zwillinge hat, auf allzu individuelle Weise beantwortet wird. Es wird mit dem Finger weder auf die inkonsequente Erziehungsweise der Eltern gezeigt, die ja so häufig als Ursache für eine verkorkste Jugend postuliert wird, noch auf die Jugendlichen selbst, die sonst üblicherweise für alle Laster in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Der Film zwingt sein Publikum, nach den tieferen Ursachen zu suchen, und gibt ihm dafür durch die Auftritte der Spezialist*innen auch gleich eine wissenschaftliche Perspektive an die Hand. Obwohl das Genre der Familienkomödie geradezu zu Stereotypen und zum Kitsch einlädt, zeichnet sich »Wir Eltern« durch seine Originalität und Unberechenbarkeit aus. Der Film bleibt sich darin bis zuletzt treu und liefert keinen Schluss, an dem sich alle wieder versöhnt in den Armen liegen, etwas, das man im Kino leider allzu häufig aufgetischt bekommt. Mehr soll nicht mehr verraten werden, nur so viel: Das Regime der Zwillinge gerät noch ordentlich ins Wanken.    

Info: Der offizielle Kinostart von »Wir Eltern« ist der 18. Juni. Ob es allerdings bei diesem Termin bleiben wird, ist – wie so vieles – nicht sicher.