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Der ExzellenzzirkusEin Harvard für Deutschland

Anfang der 2000er Jahre brach sich in der bundesdeutschen Wissenschaftspolitik die Ansicht bahn, auch hierzulande brauche man Eliteuniversitäten, die es mit den globalen Größen aufnehmen könnten. Es folgte die Exzellenzinitiative, ab 2018 die Exzellenzstrategie.

09.07.2020 - von Joshua Schultheis

Einmal, vor langer Zeit, da waren die deutschen Universitäten die besten der Welt, die Nobelpreise für Physik und Chemie gingen regelmäßig an Deutsche, und man konnte in diesem Land bei Albert Einstein, Max Planck oder Edmund Husserl studieren. Im 21. Jahrhundert ist die deutsche Hochschullandschaft nurmehr Mittelmaß, kann gar unter den Top 30 Universitäten der Welt keine einzige aufweisen. Da von diesem Prestige- und Qualitätsverlust letztlich ganz Europa – mit Ausnahme Großbritanniens und der Schweiz – betroffen ist, schworen sich die Staats- und Regierungsoberhäupter der Europäischen Union im Jahre 2000 in Lissabon, Europa bis zum Jahr 2010 »zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt« zu machen. 

Hintergrund dieser Richtungsentscheidung dürfte nicht nur die immer größer werdende Medienwirksamkeit der zahlreichen Hochschul-Rankings gewesen sein, die die ganze Misere offenbarten, sondern vor allem der vielbeschworene Wandel zur »Informations- und Wissensgesellschaft« sowie der stark wachsende Markt für universitäre Bildung, insbesondere für die Kinder der rasant wachsenden Mittelschicht Süd- und Ostasiens. Das riesige ökonomische Potential, das in ausländischen Studierenden steckt, wurde – und wird immer noch – praktisch ausschließlich von den USA, Kanada, Australien, Großbritannien und der Schweiz abgeschöpft. Wie kann Deutschland da hintanstehen? 

In der Bundesrepublik nahm die Aufholjagd in den frühen 2000ern unter Rot-Grün Fahrt auf, als Gerhard Schröder großspurig das Ziel vorgab, in Deutschland »Eliteuniversitäten« zu schaffen, die in derselben Liga wie die US-amerikanischen Top Unis wie Princeton oder Stanford spielen. Angesichts der Tatsache, dass etwa die Harvard University ein zehnmal so hohes Budget vorweisen kann wie die hiesige Humboldt Universität, war von Anfang an klar, dass ein solches Unterfangen mehr als ambitioniert ist. 

2005 wurde dann unter der Ägide von Edelgard Buhlmann, der SPD-Bundesministerin für Bildung und Forschung, die sogenannte »Exzellenzinitiative« ins Leben gerufen, und von Anfang an gab man sich große Mühe, das Verfahren möglichst kompliziert und arbeitsintensiv zu gestalten. Mit einem Betrag von 873 Millionen Euro über 4 Jahre – Jahresbudget Harvard: 3,7 Milliarden Dollar – sollten ausgewählte Graduiertenschulen sowie »Exzellenzcluster«, projektorientierte Forschungsverbünde, gefördert werden. Diejenigen Universitäten, die die Förderung für mindestens einen Cluster und eine Graduiertenschule eingeworben hatten, konnten daraufhin ein »Zukunftskonzept« einreichen.

Die Hochschulen wiederum, die sich auch in dieser zweiten Runde durchgesetzt hatten, durften sich fortan »Eliteuniversität« nennen. Das Rennen machten schließlich 18 Graduiertenschulen, 17 Exzellenzcluster und 3 Zukunftskonzepte. 

Früh gab es aus den verschiedensten Richtungen Kritik an der Exzellenzinitiative. Die GEW verurteilte von Anfang an, dass durch einen solchen Wettbewerb die Hochschullandschaft – so wie es ja auch intendiert war und ist – zweigeteilt wird, in Eliteuniversitäten auf der einen und Massenausbildungsanstalten auf der anderen Seite. Studentische Vertreter*innen stellten ebenfalls schnell klar, dass es für sie als Studierende selbst dann wenig Grund gab, die Exzellenzinitiative gutzuheißen, wenn sie zufällig an einer der prämierten Unis studierten, da von dem Geld nicht ein Cent zur Verbesserung der Lehre vorgesehen war. Aber selbst aus den obersten Verwaltungsriegen der Universitäten kamen kritische Stimmen. Nach der dritten Exzellenz-Runde beklagte Dieter Lenzen, Präsident der durchgefallenen Uni Hamburg, viele Hochschulen hätten sich regelrecht »zu Tode gesiegt« und bis zur Erschöpfung »geantragt«. Lenzen sprach damit etwas an, was auch später der zentrale Kritikpunkt einer Kommission zur Evaluierung der Initiative sein sollte: Gefördert wird nicht anhand der tatsächlich erbrachten Leistungen, sondern nur auf Grundlage von Konzepten, die, mit einem enormen Aufwand verbunden, lediglich Versprechungen über die Zukunft machen. 

Im Jahre 2016 wurde eine Reform des Wettbewerbs beschlossen, die auch einige Punkte der Kritiker*innen berücksichtigte. In der ab 2018 greifenden, und nun unter dem Namen »Exzellenzstrategie« firmierenden, Förderung wurde in der ersten Runde zunächst nur über Anträge für Exzellenzcluster entschieden; Graduiertenschulen wurden nicht mehr gefördert. Die Universitäten, die dann mindestens zwei erfolgreiche Anträge vorweisen konnten, durften sich für den Status der Eliteuniversität bewerben. Das Rennen machten schließlich zehn Universitäten sowie der Berliner Universitätsverbund aus FU, HU, TU und Charité. Nicht nur wurde das Verfahren der Exzellenzstrategie im Vergleich zu dem ihrer Vorgängerin vereinfacht. Auch die Förderung der erwählten Unis wird jetzt nicht mehr wie zuvor alle fünf Jahre neu ausgelobt, sondern ist, mit gewissen Einschränkungen, auf Dauer gestellt. In den vorangegangenen Runden wurden immer wieder einzelnen Universitäten der Exzellenzstatus nach ein paar Jahren wieder aberkannt, mit teilweise katastrophalen Folgen für bereits laufende Projekte. 

Informiert man sich auf der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung über Exzellenzstrategie und -initiative, findet man die Erzählung einer echten Erfolgsgeschichte: Das Programm habe zu »herausragenden Forschungsleistungen beigetragen«, den Wissenschaftsstandort für Forschende »aus dem Aus- und Inland attraktiver« gemacht, zur Stärkung der Kooperation mit »Hochschulen auf der ganzen Welt geführt« und zur »gewachsenen internationalen Sichtbarkeit« deutscher Wissenschaft beigetragen. Dass hinter diesem Loblied auch echte Entwicklungstendenzen stecken, soll nicht geleugnet werden, der Durchbruch der bundesrepublikanischen Universitäten in die Riege der globalen Spitzenreiter gelang bisher aber ganz sicher nicht: In den Universitätsrankings – die freilich selbst ein fragwürdiges wissenschaftspolitisches Instrument sind – haben sich die Platzierungen der deutschen Hochschulen nur geringfügig verändert. Und auch die scheinbare Verbesserung, durch die in der letzten Runde ermöglichte größere Planungssicherheit für die ausgewählten Unis, lässt sich ganz anders bewerten: sie zementiert nämlich gleichsam die Aufteilung der Hochschulen in ein Zweiklassensystem.

Die Bilanz der bisherigen Versuche der Politik, Eliteuniversitäten auf deutschem Boden zu schaffen, ist so durchmischt, dass die Frage erlaubt ist, wieso die Motivation für die Finanzierung universitärer Bildung und Forschung eigentlich das Schielen auf irgendeine Top 10 sein sollte, und nicht zum Beispiel die gute Bildung für alle und humane Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler*innen. Beides ist in Deutschland nämlich alles andere als exzellent und daran hat auch die vielleicht gar nicht so besonders exzellente Exzellenzstrategie nichts verändert. 
 

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