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bbz 12 / 2019Ein starkes Team

Der neue Handlungsleitfaden für die Zusammenarbeit von Schule und Jugendamt setzt Standards im Bezirk Mitte. Er soll als Arbeitshilfe dienen und helfen, die oft schwierige Kommunikation von Schule und Jugendamt zu verbessern.

 

05.12.2019 - Heike Schlizio-Jahnke und Manuel Honisch

Manchmal scheint es, als lägen Schule und Jugendamt auf verschiedenen Planeten. Das Verständnis hält sich in Grenzen, wenn der Regionale Soziale Dienst (RSD) des Jugendamtes, die Anlaufstelle für alle Fragen des Kinderschutzes, mal wieder nicht erreichbar ist. Die Kolleg*innen im RSD wiederum wissen oft nicht, welchem Krisenherd sie sich zuerst zuwenden sollen. Auf dem Schreibtisch stapeln sich die Akten, ständig klingelt das Telefon und so ganz nebenbei soll dann noch das persönliche Gespräch mit hilfesuchenden Eltern geführt werden. In Zeiten des allgemeinen Fachkräftemangels und hoher Personalfluktuation auf beiden Seiten ist es schwer, verlässliche Kooperationsstrukturen zwischen Jugendamt und Schule aufzubauen. In Mitte sind wir immerhin schon ein paar kleine Schritte weiter.

In einem zweijährigen Arbeitsprozess wurde der »Handlungsleitfaden für die Zusammenarbeit zwischen den Regionalen Sozialpädagogischen Diensten des Jugendamtes und den Schulen im Bezirk Mitte« überarbeitet und erweitert. In ihm werden die Fachstandards zur Zusammenarbeit festgelegt, und er gilt als verbindliches Arbeitsinstrument. In diesem Prozess wurden die schwierigen Rahmenbedingungen ebenso wie die aktuellen gesetzlichen Grundlagen berücksichtigt. Im Leitfaden werden ausführlich und graphisch mit verschiedenen Farben untersetzt die Verfahren und Verantwortungen beim Umgang mit Schuldistanz, bei Meldungen zum Kinderschutz und bei Gewaltvorfällen in Schulen beschrieben.

Ein wichtiges Instrument der Zusammenarbeit ist das Lotsenmodell, eine Besonderheit in Mitte. Für jede Schule existiert ein Lotsenteam, bestehend aus einer Sozialarbeiterin des RSD, einer Lehrkraft der jeweiligen Schule und einer Schulsozialarbeiterin. Diese Teams sind die ersten Anlaufstellen für ihre Kollegien bei Fragen rund um die jeweils andere Institution. Die Schullots*innen beraten Pädagog*innen, die sich Sorgen um ein Kind machen. Was weiß die Schule über die Familienverhältnisse des Jungen, der seit Wochen nur sporadisch zum Unterricht erscheint? Hat die Schulsozialarbeit vielleicht schon einmal Kontakt aufgenommen und auf Hilfsangebote in der Schule oder im Kiez hingewiesen? Wissen die Eltern überhaupt vom unregelmäßigen Schulbesuch ihres Zöglings? Wenn die Schule ihre Möglichkeiten ausgeschöpft hat, oder wenn der Eindruck entsteht, dass akuter Handlungsbedarf zum Wohle des Kindes besteht, geht eine Meldung an das Jugendamt heraus.

Jede Kinderschutzmeldung durch die Schule soll über den Schreibtisch der Schullots*innen gehen. Sie werden zu diesem Zweck besonders geschult und informiert. Das Team von Jugendamtlots*innen und Schullots*innen soll zudem in der regelmäßigen, direkten Kommunikation miteinander stehen. So wird sicher gestellt, dass wichtige Informationen schnell und zuverlässig auf beiden Seiten ankommen. Der neue Handlungsleitfaden beschreibt genau und übersichtlich, was in unterschiedlichen Fällen von Kindeswohlgefährdung getan werden kann und muss. Zum Beispiel erklärt der Leitfaden, welche verschiedenen Ansprechstellen bei Gewaltvorfällen existieren, damit sowohl Opfer als auch Täter*innen Hilfe bekommen. Das Spektrum reicht hier von der Schulpsychologie über die Erziehungs- und Familienberatung bis hin zur Polizei.

Unbefristete Stellen zur Koordinierung

An der Erarbeitung des Leitfadens waren neben Schule und Jugendamt auch das Gesundheitsamt und freie Träger der Schulsozialarbeit beteiligt. Koordiniert wurde der Prozess von der Stiftung SPI (Sozialpädagogisches Institut Berlin »Walter May«). Die Stellen bei der Stiftung sind leider befristet. Der Senat hat angekündigt, unbefristete Stellen zur Koordinierung von Schule und Jugendhilfe in allen Bezirken zu schaffen, in öffentlicher Trägerschaft. Das ist einerseits erfreulich, da so Dauerstellen für Daueraufgaben entstehen. Andererseits müssen die Koordinierungsstellen unabhängig und allparteilich arbeiten können. Es bleibt abzuwarten, ob dies angesichts der vorgesehenen institutionellen Zuordnung zur Schulaufsicht gelingt. Zu hoffen ist auch, dass die bewährten Kolleg*innen von der Stiftung auf den neuen Stellen ankommen, wenn sie sich darauf bewerben.