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bbz 03 / 2018Eine Schulleiterin bleibt standhaft

Lina Mayer-Kulenkampff verweigert im Jahr 1934 den Eid auf das nationalsozialistische Regime. Erinnerung an eine unglaublich mutige Frau.

01.03.2018 - Bodo Förster

Zum ersten Mal stand der renommierten Staatlichen Augusta-Schule in Berlin eine Frau vor. Lina Mayer-Kulenkampff wurde in schweren Zeiten Direktorin dieser Mädchenschule. In ihren maschinengeschriebenen »Erfahrungen und Erlebnisse in Berlin 1931-1934« heißt es dazu:

»Im Frühjahr 1931 war ich an die Staatliche Augusta-Schule in Berlin, eine der ältesten Höheren Mädchenschule in Preußen, berufen worden. Jahrzehntelang hatte diese Schule unter der starken Leitung eines von der männlichen Vorherrschaft überzeugten Direktors gestanden. Die männlichen Studienräte waren durch seine Art geformt. Die Frauen erkannten die angemaßte männliche Überlegenheit an, oder sie litten unter ihr. Schon die Tatsache, dass die Leitung der berühmten Schule jetzt in den Händen einer Frau lag, musste im Kollegium zu erbitterten Kämpfen gegen die weibliche Leitung führen. Ich nahm sie auf, ohne einen Zoll zurück zu weichen. Doch sind sie vor dem unheimlichen Geschehen auf der politischen Bühne verblasst. Am 20. Juli erlebte ich den Staatsstreich des Reichskanzlers Papen gegen die preußische Staatsregierung als unerhörten Triumph rechtloser Gewalt. […] Seitdem erfasste die Ahnung von politischen Umwälzungen immer weitere Kreise. Dies bewies mir neben vielen sonstigen Erfahrungen ein Vorkommnis auf der Direktoren-Konferenz der Höheren Schulen Groß-Berlins, die im Herbst 1932 stattfand. Eine kleine Schar von Direktoren, die sich zu den ›Demokraten‹ zählte, traf sich im Anschluss an die allgemeine Konferenz in einem Cafe. Man vereinbarte, dass man miteinander Fühlung halten wollte, um sich angesichts einer undurchsichtigen Situation über ein gemeinsames Vorgehen zu verständigen.«

Mayer-Kulenkampff oblag die Ausrichtung der Hundertjahrfeier der Schule. Die »Anstalt« wurde 1832 als »Höhere Töchterschule auf der Friedrichstadt« gegründet. Lilly Schochow-Bublitz schrieb als Zeitzeugin in einer Chronik:

»Die Hundertjahrfeier im April 1932. Da stand das Haus beinahe auf dem Kopf, und alle seine Insassen wurden von dem Wirbel erfasst. Es gab viele Veranstaltungen aus allen Zweigen des Unterrichts. […] Aber wir ahnten nicht, wie auf diesen Höhepunkt des Festes der Wendepunkt folgen sollte. […] Dr. Lina Mayer-Kulenkampff, die sich um das Fest mit dem Kollegium so viel Mühe gegeben hatte, musste 1933 die Schule verlassen, weil sie sich geweigert hatte, den Beamteneid auf Hitler zu leisten. Es brach eine andere Zeit an!«

Es brach leider wirklich eine andere Zeit an, denn Adolf Hitler bekam am Montag, dem 30. Januar 1933 im Reichspräsidentenpalais in der Wilhelmstraße, nur ungefähr drei Kilometer von der Augusta-Schule entfernt, vom Reichspräsidenten von Hindenburg die Ernennungsurkunde für das Amt des Reichskanzlers überreicht.

Die ehemalige Bundestagspräsidentin, Annemarie Renger, war damals Schülerin der Augusta-Schule und erinnert sich:

»In meinem Gedächtnis eingebrannt ist aber der 31. Januar 1933 (Ich hoffe, das Datum stimmt). Einen großen Eindruck hat unsere Oberstudiendirektorin auf mich gemacht. Frau Dr. Mayer-Kulenkampff, die meines Wissens zur Demokratischen Partei gehörte und nach 1945 in die SPD in Bremen eingetreten ist. Sie sollte gezwungen werden, die schwarz-rot-goldene Fahne vom Schulhaus runterzuholen, und hat sich geweigert. Wir wurden in der Aula zusammengerufen, und dann hat diese Frau, als ob nichts geschehen wäre, ihre Morgenandacht gehalten, und hat ein Gedicht von Rainer Maria Rilke vorgetragen, das in krassem Widerspruch zu diesen Vorgängen stand. Das war für mich ein bleibender Eindruck. Eine unglaublich mutige Frau, klein und in langem Kleid erschien sie da. Mein Deutschlehrer, ich weiß nicht, wo er plötzlich die Uniform her hatte, sprang in SA-Uniform auf das Podium und hielt eine flammende Rede, die mit einem Hoch auf den Führer endete.«

Renger schrieb in einem Brief vom
5. Januar 1976:

»Wenn ich in Berlin bin, komme ich gelegentlich an der alten Augusta-Schule vorbei, und an meine Schulzeit habe ich gute Erinnerungen. […] Unvergesslich ist mir Frau Dr. Mayer-Kulenkampff gewesen, die sich so tapfer gegen diejenigen gewehrt hat, die uns nachher ins Unglück gebracht haben.«

Mayer-Kulenkampff berichtet in ihren Erinnerungen »Politische Lebenserfahrungen einer Pädagogin – Lebenserinnerungen, geschrieben in den Jahren 1963-65« über ihre Zeit als Schulleiterin der Augusta-Schule:

»An alle Direktoren höherer Schulen erging die Verordnung, dass sie persönlich am Tag von Potsdam, am 21. März 1933, durch eine Rede die patriotische Bedeutung feiern mussten. Eine Übertragung der Ansprache auf ein Mitglied des Kollegiums, die immer im Belieben des Direktors gestanden hatte, wurde verboten. Wieder griff ich zum Telefon, wieder fanden die Kollegen den Auftrag zumutbar. Meinen eigenen Entschluss konnte das nicht beeinflussen.

Ich teilte dem Provinzial-Schulkollegium diesmal schriftlich meinen Rücktritt mit. Beauftragte die Oberstudienrätin der Schule, Katharina Beer, mit meiner Vertretung und bat sie, an meiner statt die befohlene Rede zu halten. […] Frau Beer verstand meinen Entschluss und bejahte ihn. […] Bis zu ihrem Tode, kurz vor Kriegsende, haben wir seit dem treu zusammengehalten. Mein Rücktritt von der Leitung der Augusta-Schule erfolgte nicht aus der Emotion des Augenblicks. Er erfolgte aus täglich überprüfter Beurteilung der politischen Lage und der politischen Führung. Ich musste damit rechnen, dass ich mir jede Berufsarbeit in öffentlichen Diensten versperrte. […] Mein Gehalt wurde mir stillschweigend weiter überwiesen. Den ganzen Sommer über rührte sich die Behörde überhaupt nicht. Unter der Hand hörte ich, dass im Ministerium meine Haltung als große Ausnahme gerühmt wurde. So haben wir fast ein Jahr lang die wilhelminisch weitläufige Dienstwohnung in der Augusta-Schule beibehalten.«

Mayer-Kulenkampff benachrichtigte den Vorstand des Elternbeirats. Ein Ministerialrat aus dem preußischen Handelsministerium als Elternvertreter blieb jede Antwort schuldig, aber die Elternvertreterin Zinn besuchte die Schulleiterin und es entwickelte sich eine langjährige persönliche Verbindung. Zum Kollegium der Augusta-Schule der damaligen Zeit führte Mayer-Kulenkampff aus:
»Politisch waren diese 50 Menschen sehr unterschiedlich zu beurteilen. Die überwiegende Mehrzahl schwamm in dem ahnungs- und urteilslosen Strom des deutschen Volkes mit. Einige hoben sich durch ihre deutsch-nationale Haltung hervor. So antwortete mir eine Studienrätin auf meine Warnung vor der Reichskanzlerschaft Hitlers ›Ich bin fest überzeugt, dass alles gut gehen wird‹. Der Klassenlehrer einer Obersekunda hielt es etwa Anfang März für angemessen, eine seiner Schülerinnen, ein Kind aus altmärkischem Adel, zum Hissen der schwarz-weiß-roten Fahne vom Dach der Schule zu ermutigen. Ich stellte ihn zur Rede und veranlasste, dass die Schülerin die Fahne wieder einholte. […] Bis zu meinem Ausscheiden hatte ich mit zwei […] Studienassessoren nähere Fühlung gehabt.«

Eine von diesen jungen Lehrkräften äußerte:

»Ich kann mich nicht für mein ganzes Leben von der Arbeit, die ich liebe, trennen!«

»Dass sich unter den Lehrern, die ich kannte, keiner zu dem Wagnis des Widerstands entschloss, hat mich damals viel beschäftigt. War ihnen ihr Beruf nur Broterwerb, keine Berufung? Mussten nicht alle, überzeugte Nationalsozialisten ausgenommen, vor den aufmerksamen und kritischen Klassen immer wieder zu Lügnern werden? Behielten sie die innere Autorität, die allein den Führungsanspruch vor der Jugend rechtfertigt?

Auf die Frage, ob der deutsche Akademiker überhaupt noch sich in seiner Welt der Werte verpflichtet fühle, erhielt ich am 1. Mai 1933, als die deutschen Hochschullehrer, die ›Arbeiter der Stirn‹, unter der Führung ihrer Rektoren und Dekane in farbenträchtigen Talaren in der Universitäts-Aula ihrem Führer Adolf Hitler huldigten, eine vernichtende Antwort. Dieser Kotau erschütterte mich aufs tiefste als die endgültige Niederlage des deutschen Geisteslebens. Es ist verständlich, dass ich in diesen aufwühlenden Tagen auch von meiner sechzehnjährigen Tochter, Oberprimanerin eines Steglitzer Mädchen-Realgymnasiums zur Rede gestellt wurde. […] Ihr Direktor, der schnell vom Deutschnationalen zum Nationalsozialisten hinübergewechselt hatte, hielt für die Oberprima eine philosophische Arbeitsgemeinschaft, die meine Tochter besuchte. Sein Standpunkt verfehlte nicht seine Wirkung auf sie.

Eines Tages sagte sie mir nach Tisch: ›Mutter, ich glaube, Du hast auf das falsche Pferd gesetzt‹. Meine Antwort: ›das kannst du noch nicht verstehen‹, ließ sie nicht gelten: ›Wenn du mir den Verzicht auf die Schulleitung jetzt nicht erklärst, kann ich dich nicht verteidigen‹. 1 ½ Stunden ging unser Gespräch um meine Sicht der politischen Lage und um meine Entscheidung. Dann war das Vertrauen zwischen uns wieder hergestellt. […] Im Sommer 1933 fuhren meine Tochter und ich nach England. […] Die entsetzlich demütigende und hoffnungslose Lage der (deutschen) Emigranten griff mir ans Herz.«

Mayer-Kulenkampff war zu diesem Zeitpunkt alleinerziehende Mutter, denn der Ehemann beziehungsweise Vater war im Ersten Weltkrieg getötet worden. Zurück in Berlin erhielt sie einen Anruf des Provinzialkollegiums, in dem ihr zugeredet wurde, doch bitte ihre »pädagogische Wirksamkeit nicht ganz aufzugeben.« Ihr wurde eine Studienratsstelle, vorher war sie Oberstudiendirektorin, an der Staatlichen Elisabethschule angeboten. Sie nahm an und wurde Klassenleiterin einer Obersekunda.

»Der bisherige Schulleiter war als Demokrat im Sommer 1933 entlassen worden. Sein Nachfolger hatte als Angehöriger der SA den Posten geerbt. Er war sicher geistig nicht darauf vorbereitet, doch guten Willens und mir gegenüber von freundlicher Zurückhaltung. […] Als ich am Donnerstag, dem 2. August 1934, ahnungslos das Lehrerzimmer betrat, hörte ich aus den Gesprächen der erregten Kollegen, dass Hitler sich nach Hindenburgs Tod zum Reichspräsidenten gemacht und dass er die sofortige Vereidigung aller Beamten auf seine Person angeordnet habe. Sofort wusste ich: das bedeutet mein endgültiges Ausscheiden aus meinem Beruf. Am frühen Nachmittag schrieb […] ich den Antrag auf Entlassung. […] So schied ich aus dem preußischen Schuldienst aus.«

Der Jahresbericht der Schulleitung von 1932 ist als maschinengeschriebenes Manuskript erhalten und nennt als »Leiterin der Anstalt im Berichtsjahr: Oberstudiendirektorin Dr. Mayer-Kulenkampff.

Berichterstatter: Kommissarischer Anstaltsleiter: Gruenberg.« Unter »3a) Lehrkörper« wird registriert: »Es schieden aus dem Kollegium aus: […] am 18.3.33 Oberstudiendirektorin Dr. Mayer-Kulenkampff«. Eine Oberstudiendirektorin ist Leiterin im Berichtsjahr und scheidet im selben Jahr aus dem Kollegium aus! Ohne Kommentar oder Erläuterung, wie es bei anderen Kolleg*innen durchaus üblich war.

Der Nachfolger von Mayer-Kulenkampff in der Augusta-Schule wurde am 30. April als kommissarischer Schulleiter Leo Grünberg. Er schrieb: »ein kommender Waffengang des deutschen Volkes wird die Probe darauf sein, ob der deutsche Lehrerstand ein brauchbares Glied des deutschen Volkes im Dritten Reich geworden ist«. Mit Ablauf des Schuljahres verließ er die Schule, weil er Oberschulrat wurde. In dieser Funktion gab er mit Moritz Edelmann, seinem Nachfolger als Schulleiter, das Geschichtslehrwerk »Volkwerden« heraus. Mit den Geschichtsschulbüchern dieser Reihe versuchte Edelmann, seine Vorstellungen von einem einheitlichen nationalsozialistischen Geschichtsbild in konkreter Umsetzung in die Schule zu tragen. Edelmann blieb bis 1939 Schulleiter der Augusta-Schule. Als ehemaliger Obersturmbannführer der SS wurde er 1948 in einem Entnazifizierungsverfahren als »Unbelasteter« eingestuft.

Für Mayer-Kulenkampff folgten schwere und stille Jahre des inneren Widerstandes. Um überleben zu können, gab sie private Unterrichtsstunden und nahm Kinder zur Betreuung in ihre Wohnung in Berlin-Zehlendorf auf. Zusammen mit Martin Niemöller, Hellmut Gollwitzer, Elly Heuss-Knapp und Theodor Heuss engagierte sie sich aktiv in einem Freundeskreis, der Verfolgten mit gesammelten Lebensmittelmarken half und Fluchten aus NS-Deutschland ermöglichte.

Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur übernahm Mayer-Kulenkampff in Berlin die Gesamtleitung des renommierten Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Schöneberg, unweit ihrer Augusta-Schule, die seit Dezember 1945 Sophie-Scholl-Schule hieß. Diese Schule wurde im Verantwortungsbereich der West-Alliierten als erste nach einem Mitglied der studentischen Münchener Widerstandsgruppe »Die Weiße Rose« benannt.

Ihr besonderes sozialpädagogisches Interesse galt der »notleidenden Nachkriegsjugend«, sie war die Herausgeberin der Sozialpädagogischen Arbeitshefte. Aus gesundheitlichen Gründen zog sich Mayer-Kulenkampff 1951 aus der aktiven Berufsarbeit zurück. Sie engagierte sich bis 1960 in der Victor-Gollancz-Stiftung und wurde für ihre sozialen Verdienste zu ihrem 70. Geburtstag mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie starb kurz vor Vollendung des 85. Lebensjahres am 10. März 1971 in Kassel.

Bis heute gibt es keine Straße, keinen Platz in Berlin, der nach Mayer-Kulenkampff benannt ist. Wir Mitglieder der GEW sollten das ändern.