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blz 06 / 2014Eine Stunde reicht nicht

In den Sekundarschulen wird zu wenig Geschichte unterrichtet

01.06.2014 - Rudolf Rüter, Pro Geschichte

Es wiederholt sich immer wieder: Wenn am 27. Januar der Holocaust-Opfer gedacht wird, wenn am 1. September und 8./9. Mai vom Zweiten Weltkrieg die Rede ist, wenn am 9. November und an vielen anderen Gedenktagen an Vergangenes erinnert wird, immer wird in zahllosen Reden angemahnt, aus der Vergangenheit zu lernen. Immer wieder wird betont, dass die Kenntnis der Geschichte eine wesentliche Voraussetzung für eine sinnvolle Gestaltung der Zukunft ist. Gerne wird dann auch von den Aufgaben der Schulen gesprochen.

Was sagt der Rahmenplan?

Aber was leistet die Berliner Schule, um den SchülerInnen zu verdeutlichen, wieso sich unsere Geschichte von der anderer europäischer Völker erheblich unterscheidet, wieso unser Land in beiden Weltkriegen im Mittelpunkt stand, wieso unsere erste Demokratie spät entstand und früh scheiterte oder warum viele Menschen die Europäische Union für eine Erfolgsgeschichte halten?

Der gültige Rahmenlehrplan für das Fach Geschichte in der Sekundarstufe I sieht zahlreiche Unterrichtseinheiten beginnend mit dem »Leben im Mittelalter« bis zu den »Aktuellen weltpolitischen Problemfeldern« vor. Erste Zweifel daran, ob der Geschichtsunterricht in Berlin den Postulaten aus den Gedenkreden einigermaßen entspricht, kommen auf, wenn man im Inhaltsverzeichnis des Rahmenlehrplanes das Wort Nationalsozialismus vergeblich sucht. Erst in den Erläuterungen zum Themenfeld »Demokratie und Diktatur« ist davon die Rede. Nach einigen didaktischen Hinweisen werden Nationalsozialisten und Bolschewiki oder Stalinisten als Feinde der Demokratie aufgezählt und das »jeweils Singuläre des Holocaust und des Gulag« erwähnt. Dass deutsche Schulen sich mehr mit dem Nationalsozialismus als dem sowjetischen Stalinismus befassen sollten, kann man diesem Text nicht entnehmen.

Didaktisch-methodische Hinweise neh-men in den Rahmenlehrplänen einen breiten Raum ein. Es werden anspruchsvolle Kompetenzen, differenziert nach drei unterschiedlichen Leistungs- und Anforderungsstufen, aufgezählt, die die SchülerInnen erlangen sollen. Ergänzend zu den ambitionierten Unterrichtszielen wird Methodenvielfalt gefordert.

Sekundarschulen besonders betroffen

Der Unterrichtsalltag sieht anders aus, denn für die anspruchsvollen Lernziele und einen effektiven und interessanten Unterricht fehlt die wichtigste Grundvor-aussetzung: Unterrichtszeit. Die Berliner Gymnasien sind in der Sekundarstufe I noch in einer vergleichsweise erträglichen Situation. Ihnen stehen für die Fächerkombination Geschichte/Sozialkunde (2/3 Geschichte, 1/3 Sozialkunde) zwei Unterrichtsstunden pro Woche zur Verfügung. Auch das ist angesichts der anspruchsvollen Vorgaben nicht viel. Deutlich schlechter steht es um den Geschichtsunterricht an den Sekundarschulen. Hier hat man für Geschichte, Sozialkunde und Geografie insgesamt zwei oder drei Stunden, je nach dem, für welches der vorgegebenen Stundentafelbeispiele sich eine Sekundarschule entscheidet. Vermutlich haben die meisten Sekundarschulen das Stundentafelbeispiel 1 mit dem Schwerpunkt »Wirtschaft, Arbeit, Technik« gewählt. Diese Stundentafel sieht für den Lernbereich Gesellschaftswissenschaften (bestehend aus drei Fächern!) nur zwei Stunden vor. Sehr viele SchülerInnen verlassen also die allgemein bildende Schule und haben in den Klassen 7 bis 10 im Schnitt weniger als eine Wochenstunde Geschichtsunterricht erhalten. Die anderen Stundentafeln sehen für den Lernbereich Gesellschaftswissenschaften drei Stunden pro Woche vor, was im Schnitt eine oder höchstens etwas mehr als eine Stunde Geschichtsunterricht pro Woche bedeutet. Damit ist das Fach Geschichte zu einer Marginalie geworden, es hat nur noch eine Alibifunktion. Geschichtsunterricht findet zwar noch statt, aber die Ergebnisse können unter diesen Bedingungen nur völlig unzureichend sein.

 

Ethik und Geschichte

Den Kritikern dieser Zustände wird oft entgegengehalten, dass das Fach Ethik Defizite des Geschichtsunterrichts aufarbeiten und verringern könnte. Die Lektüre des Rahmenlehrplans Ethik macht aber deutlich, dass das nicht stimmt, denn der Ethikunterricht hat eindeutig andere Aufgaben. Laut Auskunft der Senatsbildungsverwaltung ist ein neuer Rahmenlehrplan Geschichte in Arbeit, der noch in diesem Jahr fertig gestellt und der Öffentlichkeit vorgelegt werden soll. Der Verein »Pro Geschichte« will deutlich machen, dass die Überarbeitung des Rahmenlehrplanes durch eine Veränderung der Stundentafel ergänzt werden muss. Zwei Wochenstunden sind dringend erforderlich.

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