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TendenzenEmanzipation versus Backlash

In der öffentlichen Debatte über Identitätspolitik herrschen viele Missverständnisse, die einer Würdigung des Erreichten im Weg stehen. Eine Entgegnung auf den Artikel von Wolfgang Harnischfeger »Klasse vs. Identität« in der bbz 3-4/2021.

17.05.2021 - von Nadine Wintersieg

Viel wurde in den letzten zwanzig Jahren erreicht, was die Emanzipation von Minderheiten angeht. Noch in den 1990ern schien es utopisch, dass es Formulare der öffentlichen Verwaltung geben könnte, in dem ein drittes Geschlecht oder die Angabe »divers« verzeichnet sein könnten. Auch konnte man sich glücklich schätzen, wenn jemand von »Schwarzen« sprach, ganz zu schweigen von »People of Color« (PoC). Leider ist es nicht allzu lange her, dass das N-Wort selbst in Kinderbüchern zu lesen war. Kinder mit Autismus oder Rollstuhl in Regelklassen? Auch das war bis vor ein paar Jahren noch fast unvorstellbar. Dies nur einige wenige Beispiele für Bestrebungen, insbesondere seit dem letzten Jahrzehnt, Gesellschaften pluraler und inklusiver zu gestalten, gesellschaftliche Teilhabe aller zu ermöglichen.

Und nun der Backlash in den Feuilletons, eine unbändige Wut auf die »Identitätspolitik«, auf gendergerechte Sprache, auf »Minderheiten«, die es sich »anmaßen«, eigene Rechte einzufordern und angeblich »die Mehrheitsgesellschaft« ausschließen und bevormunden.

Identitätspolitik legt den Finger auf wunde Punkte. Denn plötzlich können sich auch linke Gruppen nicht mehr als per se fortschrittlich oder emanzipativ verstehen. Der Begriff der »Klasse« ist nicht per Definition eine Kategorie, die alle in diesem Sinne Unterprivilegierten von anderen Diskriminierungsformen freispricht oder im Gegenzug Ausschlussmechanismen vollumfänglich benennen könnte.

Die politische Landschaft ist durch die Identitätspolitik komplexer geworden. Vereinfachende Diskurse von Gut gegen Böse, Links gegen Rechts lassen sich hierdurch nicht mehr eindeutig führen. Antisemitisch kann auch die antiimperialistisch geprägte Splittergruppe sein, rassistisch auch die sonst so progressive Frauengruppe. Den heroisch anmutenden Kämpfer*innen für die Freiheit oder andere Ideale wird so der Zauber genommen.

Ideale der Aufklärung im Spannungsverhältnis

Dieses Spannungsverhältnis ist bereits in den Idealen der Aufklärung angelegt. Der universalistische Anspruch der Aufklärung sah vor, gleiche Rechte für alle Bürger zu gewährleisten. Dabei wurden die universellen Rechte der »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« jedoch keineswegs so allumfassend gedacht und praktiziert, wie das im Nachhinein erscheinen mag. Bürgerliche Rechte genossen in westlichen, sich demokratisch verstehenden Staaten teilweise bis weit ins 20. Jahrhundert meist nur weiße Männer der Mittel- und Oberklasse.

Historisch und theoretisch wurde dieser vorgeblich universalistische Anspruch durch verschiedene Emanzipationsbewegungen in Zweifel gezogen. Wie die Politikwissenschaftlerin Iris Marion Young beschreibt, erzielte die politische »Öffentlichkeit ihre Einheit besonders durch den Ausschluss von Frauen und anderen, die mit der Natur und dem Körper in Verbindung gebracht werden.« Die gesellschaftlichen Zuschreibungen bewegten sich insofern zwischen Gegensätzen wie Rationalität/Emotion, Geist/Körper, politisch/privat. Weiße, wohlsituierte Männer bildeten die Norm, während Frauen, PoC und andere die Abweichung darstellten.

Die Emanzipationsbewegungen setzten sich im Gegenzug für die Gleichberechtigung ein. Um aus der Unsichtbarkeit herauszutreten, mussten und müssen sie zunächst ihre gemeinsame Identität betonen, trotz aller individuellen Unterschiede. So legten die Arbeiterbewegung und die marxistische Theorie die Klassenverhältnisse offen, die Frauenbewegung und die feministische Theorie forderten die Gleichberechtigung der Frauen, ebenso wie die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung sich für die Rechte von People of Color einsetzte. Die demokratischen Prinzipien werden somit nicht in Frage gestellt, sondern vielmehr in die Pflicht genommen, wirklich für alle Menschen zu gelten.

Mehrfach diskriminiert

Die Identitätspolitik, die intersektionale Theorie wie auch die Gender-Theorie haben wiederum neue Kategorien geliefert, um Diskriminierungs- und Ausschlussmechanismen zu benennen. Der Diskurs der Intersektionalität bietet einen Werkzeugkasten, um die jeweils individuelle sozioökonomische und gesellschaftliche Situation jedes einzelnen Individuums besser erfassen zu können. Die Analysekategorien werden in diesem Sinne nicht hierarchisch verstanden, sondern bilden einen Schnittpunkt (engl. intersection) aus verschiedenen diskriminierenden Mechanismen. Eine afro-deutsche, lesbische Frau im Rollstuhl ist in diesem Sinne nicht oben in einer vermeintlichen »Opferhierarchie«, sondern ihre komplexe gesellschaftliche Situation lässt sich nur erfassen, wenn verschiedene Kategorien ins Blickfeld genommen werden. Im Zusammenspiel kreieren diese andere Ausschlussmechanismen, als etwa »nur« die Diskriminierung qua Geschlecht allein.

Die intersektionale Identitätspolitik bezieht sich keineswegs auf Identitäten als biologisch-naturalistische Entitäten, wie sie von der identitären Bewegung rechtsextremer Gruppen postuliert werden. Identitäten werden vielmehr als sozial konstruiert verstanden, werden durch die Praxis fortgeschrieben und können in diesem Sinne Ausgrenzung und Diskriminierung transportieren oder aber hierdurch verändert werden. Die feministische Theorie hat ihren Beitrag hierzu geleistet, indem sie eine Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht (sex/gender) vornahm. Der individuelle Körper diktiert demnach nicht die soziale Identität, sondern besteht unabhängig hiervon.

Identitätspolitik fordert, dass wirklich allen in einer nachholenden Entwicklung Gleichberechtigung zugesprochen wird, und dies nicht allein formal. Dass die Mehrheitsgesellschaft Sensibilität und Verantwortungsgefühl für bisherige Versäumnisse entwickelt. Es geht in diesem Sinne nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, dass historische und gegenwärtige Tatsachen anerkannt und nicht verdrängt und verschwiegen werden. Der Kolonialismus wirkt in weiten Teilen der Erde bis heute nach, Frauen werden diskriminiert, ausgebeutet und erleben Unterdrückung und Benachteiligung. Dies nur zwei Beispiele für verschiedene Diskriminierungsformen, die bis heute wirken.

Positive Identitätspolitik wie etwa eine Frauenquote oder affirmative action, also die gezielte Förderung diskriminierter Minderheiten in den USA, zollen diesen Versäumnissen Rechnung. Damit wird nicht die Qualifikation der jeweiligen Person in Zweifel gezogen, sondern ein Augenmerk darauf gerichtet, dass bestimmte Normen zu Ausschlüssen führten und weiterhin führen.

Macht und Bildung

Auch Bildung trägt ein Emanzipationsversprechen in sich. Bei einer Anhäufung von Wissen und Bildung können selbst soziale Schichtunterschiede überwunden werden. So das Versprechen, die Realität wiederum sieht anders aus. Angehörige »bildungsferner« Schichten, Frauen und PoC sehen sich mit einer Glasdecke konfrontiert, durch die ihnen der Zugang zu gesellschaftlichen Machtpositionen verwehrt, zumindest aber erschwert wird.

Bildung wirkt nicht allein emanzipativ, sie ist selbst ein Machtgeflecht. Diejenigen, die Wissen vermitteln, tragen zur Emanzipation der Lernenden bei, aber üben gleichermaßen Macht aus, sei es durch Notengebung oder abstrakter durch das eigene Verschränktsein in machtvolle, historisch gewachsene Strukturen. Grundvoraussetzung, um diese zu überwinden, ist eine gewisse Einsicht in die jeweils eigenen Privilegien. Historisch gewachsene Machtverhältnisse lassen sich nur durch gegenseitiges Anerkennen und Hören der bisher nicht Gehörten überwinden.

Schließlich fragt sich, warum ausgerechnet jetzt die Identitätspolitik so stark in Kritik gerät. Der Fokus sollte woanders ansetzen. Rechtsextreme Gruppierungen treten derzeit mit esoterisch angehauchten, Aluhut-tragenden Verschwörungstheoretiker*innen an, um sich angeblich für Freiheit, Grundrechte oder ganz hippiesk für »Liebe« einzusetzen und höhlen aber gleichzeitig demokratische Prinzipien aus. All dies in Zeiten, in denen soziale und politische Teilhabe, verfehlte Klimapolitik und der Einsatz gegen jegliche Formen von Diskriminierung viel dringlichere Themen sind.

Eine Entgegnung auf den Artikel von Wolfgang Harnischfeger »Klasse vs. Identität« in der bbz 3-4/2021.