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Viele Schulen arbeiten daran, geflüchtete Schüler*innen besser zu integrieren, indem sie den Erwerb der deutschen Sprache mit der Teilnahme am Regelunterricht kombinieren. Die Senatsverwaltung hingegen setzt mit der Einrichtung der Teske-Schule als »temporäres Bildungszentrum« darauf, Geflüchtete komplett abseits vom Regelbetrieb zu unterrichten.

01.11.2017 - von Guido Siegel

200 überwiegend geflüchtete Schüler*innen werden neuerdings abseits vom Regelbetrieb in einem »temporären Bildungszentrum« in der ehemaligen Teske-Schule in Schöneberg unterrichtet. Diese Planung der Senatsverwaltung wurde Ende Juni bekannt. Zielgruppe seien 15- bis 16-jährige Schüler*innen, die bereits ein Jahr in Willkommensklassen unterrichtet wurden und nach Einschätzung ihrer Lehrer*innen den Anforderungen der Regelklassen nicht gewachsen seien.

In der Tat ist der Übergang in den Regelbetrieb nach einem Jahr Willkommensklasse unter den aktuellen Bedingungen besonders für diese Altersgruppe eine große Schwierigkeit. Häufig ist der Übergang mit einem Schulwechsel verbunden und erfolgt vom einen auf den anderen Schultag. Anstatt die Schüler*innen von Beginn an eng an den Regelbetrieb anzubinden und dabei sprachlich zu unterstützen, wie in anderen Bundesländern und vereinzelt auch in Berlin üblich, werden sie in vielen Berliner Schulen zunächst vollkommen separat unterrichtet und dann zum Schuljahreswechsel in eine Regelklasse gesetzt.

Vor diesem Übergang existieren weder eine verbindliche Stundentafel noch Standards, welche die Schüler*innen erreichen sollen. So lernen sie in den Willkommensklassen häufig vor allem Alltagssprache. Die Gruppengröße von zwölf Schüler*innen, das Fehlen eines verbindlichen Curriculums und die oft sehr hohe Stundenzahl, die die Klassenlehrer*innen in der Lerngruppe unterrichten, lässt dabei verhältnismäßig viel Raum für soziales Lernen und individuelle Förderung. Nach dem Übergang wird von den Schüler*innen vom einen auf den anderen Tag Bildungssprache, die Orientierung an verbindlichen Standards und eine im Vergleich zur Willkommens-klasse hohe Selbstständigkeit erwartet.

Es existiert kein Konzept

Die naheliegende Antwort auf diese Problemlage wäre also die engere Verzahnung von Regelbetrieb und dem Erwerb der deutschen Sprache von Anfang an. Mit der Teske-Schule wählt der Senat allerdings den gegenteiligen Weg. Die Schüler*innen werden noch länger räumlich und sozial abseits des Regelbetriebs in einem Gewerbegebiet isoliert. Die Gruppengröße steigt von 12 auf 20 Schüler*innen. Da die Teske--Schule für ganz Berlin zuständig sein soll, bedeutet sie für viele Schüler*innen lange Fahrtzeiten. Durch den separierten Unterricht werden den Schüler*innen Chancen genommen, Kontakt zu Gleichaltrigen, die in Berlin aufgewachsen sind und bessere Deutschkenntnisse haben, aufzunehmen. Abgesehen von nebulösen Ankündigungen existiert kein konkretes Konzept, wie die Schüler*innen in diesem Setting nun erfolgreich auf einen Schulabschluss vorbereitet werden sollen. Diese Konzeptlosigkeit wird, wie in Berlin üblich, vom Bildungssenat als Flexibilität und Eigenverantwortung der Lehrer*innen verkauft.

Das Vorhaben führte unmittelbar nach Bekanntwerden zu massiven Protesten. Die GEW BERLIN forderte gemeinsam mit zahlreichen anderen Organisationen wie dem Flüchtlingsrat und Schöneberg Hilft »Inklusion statt Ausgrenzung!«. Und auch die Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg sprach sich mehrheitlich gegen das Vorhaben aus. Davon unbeeindruckt ist die Eröffnung am 4. Oktober erfolgt. Wir werden das kritisch begleiten.

Den Eisberg zum Schmelzen bringen

Doch die Teske-Schule ist nur die Spitze des Eisbergs. Auch in vielen Regelschulen werden die Schüler*innen der Willkommensklassen nicht als selbstverständlicher Bestandteil der Schulgemeinschaft verstanden. Anstatt die bestehenden Tendenzen zur Ausgrenzung noch zu verstärken, sollte alle Kraft darauf verwendet werden, Schüler*innen, die neu in Berlin sind, von Beginn an als vollwertige Mitglieder der jeweiligen Schulgemeinschaften zu begreifen (siehe auch bbz 10/2017 »Willkommensklassen besser unterstützen«). Dies muss als unmissverständliche Forderung an die Senatsverwaltung gerichtet werden, aber auch von uns selbst auf allen Ebenen und in der alltäglichen Arbeit umgesetzt werden. Wenn wir gemeinsam den Eisberg zum Schmelzen bringen, verschwindet hoffentlich auch seine Spitze.