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Kinder-, Jugendhilfe und SozialarbeitErfahrungen mit der Sommerschule

Ein Projekt, zwei Träger: Die qualitativen Unterschiede könnten nicht größer sein.

08.10.2020 - von Britta Gaedecke

Ich übernahm zwei Sommerschulgruppen in Wilmersdorf, die ich für ein bundesweit tätiges Nachhilfeinstitut durchführte. Für eine dritte Gruppe an einer Spandauer Schule engagierte mich ein freier Träger der Jugendhilfe, der von der Senatsbildungsverwaltung maßgeblich mit der Durchführung der Berliner Sommerschule beauftragt worden war. Im Gegensatz zum Nachhilfeinstitut wurde beim zweiten Träger kein Bewerbungsgespräch mit mir durchgeführt; wer ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen konnte, durfte unterrichten. Weil auch die angekündigten Fortbildungsmaßnahmen nicht stattfanden, waren die Unterschiede in der pädagogischen Ausrichtung in Spandau enorm. Ich empfinde es als grob fahrlässig, dass Menschen ohne pädagogische Erfahrung überhaupt nicht geschult wurden. Einigen Honorarkräften, mit denen ich gearbeitet habe, schien die Verantwortung, die sie für die Kinder tragen, überhaupt nicht klar zu sein.

Doch nicht nur die Vorbereitung der Sommerschule lief schlecht. Der Träger war in Spandau nicht bereit, die Schüler*innenlisten abzugleichen und die Diskrepanz zwischen 29 gemeldeten und 9 tatsächlich erschienenen Schüler*innen aufzulösen. Erst am fünften Tag wurde mir die Liste mit dem Auftrag übergeben, alle Eltern zu kontaktieren. Durch dieses Versäumnis konnten elf Kinder ihre Sommerschule erst in der zweiten Woche beginnen. Viel zu spät erfuhren wir, dass bei Nichterscheinen der Schüler*innen die Versuche der Kontaktaufnahme nachzuweisen waren. Fehlende Dokumentationen erlaubten nämlich dem Träger, die Honorarauszahlung zu verweigern. Bei meiner Tätigkeit in Wilmersdorf, anderer Träger, wurde dieses Chaos vermieden, indem ich vor Sommerschulbeginn die Familien kontaktierte.

In Spandau hatten wir keine Ansprechpartner*innen auf Seiten der Schule, auch telefonisch stand uns niemand zur Seite. Zudem lagen keine Förderinformationen oder gar Grundregeln der Schule vor, im Gegensatz zu meinem Einsatz in Wilmersdorf. Daher musste man zunächst ein paar Tage einplanen, um den Förderbedarf jedes einzelnen Kindes zu prüfen, was ebenfalls den Effekt der Sommerschule minimierte. Die Logbücher, die mir weder in Wilmersdorf noch in Spandau in ausreichender Anzahl zur Verfügung standen, erwiesen sich eher als sommerschuluntauglich. Die Kinder der ersten und zweiten Klasse mühten sich, die zweite Seite über Stärken und Schwächen auszufüllen, Heftvorrichtungen für Arbeitsblätter fehlten.

Alle Kinder, die ich in diesen Sommerschulkursen betreute, benötigten und brauchen weiterhin intensive Unterstützung. Ich habe jeden Tag sehr gerne mit all diesen Kindern gearbeitet, die fast durchweg gut miteinander lernten und sich auf das Sommerschulprojekt einließen. Die Rahmenbedingungen aber überlappten am Ende negativ die positiven Erfahrungen mit den Schüler*innen.

Willkommen, so mein Eindruck, war man in den Schulen nicht. In Spandau herrschte ein unprofessionelles Chaos, das dadurch verstärkt wurde, dass in der letzten Woche keine Klassenräume zur Verfügung standen und der Unterricht somit in die Turnhalle, durch Stellwände abgetrennt, verlegt wurde. Selbstverständlich kann ein Träger nicht über die Raumnutzung entscheiden, aber er sollte versuchen, auf Bedingungen Einfluss zu nehmen und sich für Lösungen einzusetzen.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass der Träger auf mich überfordert und unstrukturiert wirkte und ein geringes Interesse an einer guten pädagogischen Arbeit signalisierte, während das Nachhilfeinstitut weit besser vorbereitet und interessiert das Projekt übernahm. Ich habe noch nie ein Projekt erlebt habe, bei dem auf allen Seiten Menschen derart unnötig vor den Kopf gestoßen wurden. Mir bleibt nur zu hoffen, dass meine Erfahrungen die Ausnahme darstellen und das Sommerschulprojekt im Herbst auf gesunden, engagierten, professionellen Füßen steht.