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blz 09 / 2013Erinnern heißt Verstehen

Ein besonderes Geschenk zum Mitgliedsjubiläum: das GEW-Erinnerungsbuch

01.09.2013 - Sabine Tietjen

Ein Leben ist immer ein Ganzes. Dazu gehört alles, beginnend beim Augenaufschlag am Morgen. Der Ablauf des Tages in Fami-lie, Beruf; alles, was wir tun und erleben, wirkt auf unsere Empfindungen, die Freuden, die Erfolge, die Misserfolge und die Sorgen des Tages. Alles zusammen wird uns am Abend das Gefühl geben, ob es ein guter Tag war. Von da aus werden die Weichen für den neuen Tag gestellt, den wir entweder freudig oder mit einer Last im Gepäck beginnen.«  Dora Fohri im GEW-Erinnerungsbuch

Im GEW-Erinnerungsbuch veranschaulichen Erinnerungen von PädagogInnen aus Ost und West Lebensläufe in beiden deutschen Staaten.

Ein Leben ist immer ein Ganzes. Ein Ganzes, das mehr ist, als man in Worte fassen könnte: Die Kindheitsjahre, das Erwachsenwerden, der Beruf, vielleicht Familie; es gab Glück und Unglück, Brücken und Hindernisse, Freude und Schmerz – all das eben, was einen Menschen prägt und ihn ausmacht. Das Wertvollste, was dabei entsteht, ist ein Reichtum an Erinnerungen, die, ein wenig geordnet und formuliert, nicht nur für die Erinnernden selbst, sondern auch für andere Menschen außerordentlich wertvoll sind. Nicht umsonst haben Autobiographien einen solch großen Erfolg auf dem Buchmarkt. Sich zu erinnern, bedeutet, ein Bewusstsein und ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie das eigene Leben bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt verlaufen ist, und dieses Bewusstsein im besten Fall an andere weiterzugeben.

Das ganze Leben ist nicht erzählbar, aber das Wichtigste doch. Es gibt verschiedene Herangehensweisen, um die Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken zu strukturieren.

Eine Möglichkeit ist es, sich ein bestimmtes Thema, beispielsweise den beruflichen Lebensweg, als »roten Faden« zu wählen, und davon ausgehend zu erzählen – eine persönliche Form von Geschichtsschreibung, besonders kostbar auch für Menschen, die im gleichen Berufsfeld arbeiten und möglicherweise sogar einander gewerkschaftlich verbunden sind. Die GEW BERLIN erkannte diesen Wert bereits in den 70er und 80er Jahren, als sie in Zusammenarbeit mit dem aktiven GEW Mitglied Professor Bruno Schonig begann, eine Reihe von »Lehrerlebensgeschichten« herauszugeben.

Diese Tradition wurde Mitte der 90er Jahre von einigen GEW-Mitgliedern auf besondere Weise wieder aufgenommen. Bruno Schonig bot an, sich unter seiner Leitung regelmäßig in einem Erzählkreis zu treffen und sich auszutauschen. Es gab einen besonderen Anlass: Die Wiedervereinigung war erst wenige Jahre her, fast alle TeilnehmerInnen des Erzählkreises kamen aus der DDR. Bruno Schonig und aktive Seniorinnen aus verschiedenen pädagogischen Bereichen trafen sich, um jeweils über einen bestimmten Aspekt ihrer Biographie zu sprechen. Es war nicht nur ein Austausch, sondern eine Reflektion ihrer Leben und ihres Wirkens in der DDR und bei einer Kollegin die Bedingungen in West-Berlin und auch die Auswirkungen des geschichtlichen Umbruchs 1989 und der neuen gesellschaftlichen und persönlichen Situation.

Durch den Tod Bruno Schonigs konnte das Projekt zunächst nicht zu Ende geführt werden, und die Aufzeichnungen lagen einige Jahre lang in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung »auf Eis«. 2009 entschied die GEW BERLIN, die Rohfassungen zu überarbeiten und die Erinnerungen in Buchform herauszugeben. Gemeinsam mit jenen -AutorInnen, die der Veröffentlichung zustimmten, wurden ihre Texte redaktionell überarbeitet, teilweise aktualisiert und abgestimmt. Ergänzt wurden sie um drei Beiträge von West-Berliner Kolleginnen und Kollegen; basierend auf Gesprächen, deren Aufbau und Thematik sich an den vorliegenden Berichten orientierten.

Die Veröffentlichung des Erinnerungsbuches war keine leichte Geburt, viele Stunden Arbeit und finanzielle Aufwendungen waren notwendig, um die vorliegende Rohfassung in eine Druckfassung zu bringen. Deshalb beschloss die GEW diese spannenden Texte den Mitgliedern, die ein 50- und 60-jähriges Mitgliedsjubiläum begehen, als Geschenk zu überreichen. Denn diese Texte sind mehr als »bloße« Erinnerungen. Sie sind ganz besondere Zeitdokumente, da sie am erwähnten »roten Faden« der beruflichen Lebensläufe entlang darüber hinaus immer auch Einblicke in das private Leben der Erzählenden gewähren. Die Lesenden erfahren vom Alltag in der DDR und in der BRD (vor allem in West-Berlin), von Hoffnungen und Sorgen, Freiheiten und Grenzen, Familie und Beruf, privater und öffentlicher Sphäre auf beiden Seiten der Mauer.

Durch die Ich-Erzählungen wird das Verständnis von Zusammenhängen erleichtert; »mit den Augen eines anderen Menschen« auf dessen Leben zu blicken, erweitert das Verstehen von Zeitgeschichte. Kindheit und Jugend im oder kurz nach dem Nationalsozialismus, Vorbilder, die die eigenen Werte prägten, Erlebnisse, die die Berufswahl beeinflussten und nicht zuletzt der (Rück-)Blick auf den Beruf als LehrerIn oder ErzieherIn selbst – all das findet sich in den Erzählungen der zehn PädagogInnen, deren Älteste im Berlin der Weimarer Republik geboren wurde und deren Jüngster seine Kindheit während der Nachkriegsjahre im Schwarzwald verlebte. Das macht die Berichte im GEW-Erinnerungsbuch zu einem zeitgeschichtlichen Schatz.  

 


Sabine Tietjen verfasst nicht nur Biografien, sondern bietet im Rahmen der gewerkschaftlichen Bildung auch Seminare zum autobiografischen Schreiben an. Siehe Seminarprogramm.