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blz 09 / 2014Es geht auch anders

Plädoyer für epochalen sozialwissenschaftlichen Unterricht in der Sekundarstufe I

01.09.2014 - Ryan Plocher, Sprecher der Jungen GEW

Im Frühling 2014 hatte ich den Luxus, mein 24-monatiges Referendariat zum Teil mit Team-Teaching anzufangen, und zwar in zwei Parallelklassen des achten Jahrgangs der Fritz-Karsen-Schule. Mein Seminarstundenplan erlaubte es mir, in einer Klasse in allen sozialwissenschaftlichen Fächern (Erdkunde, Ethik, Geschichte, Sozialkunde) zu hospitieren und unter Anleitung zu unterrichten. In der anderen Klasse war es nur möglich, zu den zwei Stunden Geschichte/Sozialkunde zu kommen.

Auf diese Weise konnte ich leicht epochalen Unterricht mit konventionellem Unterricht vergleichen. Epochaler Unterricht heißt hier, dass in einer Woche nur eins von den vielen sozialwissenschaftlichen Fächern für die Dauer einer Unterrichtseinheit unterrichtet wurde. Anders gesagt: Die Fächer rotierten etwa im Wochentakt, aber alle wurden von einer Person unterrichtet. Mir wurde es innerhalb von wenigen Wochen klar, dass dies definitiv die bessere Unterrichtsform ist.

Nachteile der Ostereierpädagogik

Erstens ist es für die Lehrkraft und die SchülerInnen wesentlich leichter, gedanklich bei einem Thema über einen kürzeren Zeitraum zu bleiben. Das deklarative Wissen (Wissen über Sachverhalte) ist leichter abzurufen und man gelangt schneller zu Analyse- und Urteilsfragen. Somit muss man nicht jede Stunde damit beginnen, dass sich alle in der Klasse (inklusive Lehrkraft) nur mit viel Mühe an die Unterrichtsinhalte der vorherigen Woche erinnern.

Weiter fallen bei der herkömmlichen Art die Fächer andauernd wegen Krankheit, standarisierter Prüfungen, Feiertage und anderer Aktivtäten aus. Unter allen unsinnigen Fragen der Ostereierpädagogik ist folgende am dümmsten: »Könnt ihr euch an den Geschichtsunterricht vor drei Wochen erinnern?« Wenn der Unterricht regelmäßiger über einen kürzeren Zeitraum abgehalten wird, dann ist die Planung um den ausgefallenen Unterricht für alle einfacher.

Außerdem hat die Lehrkraft viel regelmäßiger und häufiger Kontakt zu einer Klasse und dadurch eine bessere pädagogische Bindung. Ich kenne die Klasse, die ich fünf Stunden in der Woche hatte, viel besser als jene, die ich nur zwei Stunden in der Woche hatte. Dementsprechend sind Klassenführung, Binnendifferenzierung und Benotung für mich in der epochalen Klasse viel leichter.

Erleichterung für BerufsanfängerInnen

Für den Berufsanfang ist in der Regel eben nicht das Fachliche die Überforderung, sondern die Einstellung auf eine unbekannte Lerngruppe und ihre Klassenführung. Dies mag alles ziemlich logisch, ja selbstverständlich sein, aber die Meinung unter den Lehramtsstudierenden und ReferendarInnen sowie ihre DozentInnen und FachseminarleiterInnen der Geschichte und der Politikwissenschaft ist in der Regel eher gegenteilig. Es sei für uns eine Zumutung, fachfremd von Anfang an unterrichten zu müssen. Aber anstatt im Studium oder im Referendariat die angehenden Lehrkräfte auf diese Chance aufmerksam zu machen, viel Zeit mit einer Lerngruppe verbringen zu können, bleibt es typisch lehrerInnenhaft beim Meckern.

Besonders in der Sekundarstufe I

Bei allem Respekt für die über Jahrzehnte geschaffenen Unterscheidungen zwischen den Sozialwissenschaften und für die aus-geklügelten Formulierungen der verschiedensten Kompetenzen für jedes einzelne Faches ist es ein Leichtes, mit kollegialer Unterstützung und angemessener Ausbildung in der Sekundarstufe I alle Sozialwissenschaften zu unterrichten.

Bei der Einsetzung der vielen neuen QuereinsteigerInnen sollten von den Schulleitungen allerdings mehrere Voraussetzungen beachtet werden. Nur diejenigen, die sich dazu bereit erklären, sollten so eingesetzt werden. Es gibt nach wie vor HistorikerInnen, die so besessen von der Antike sind, dass sie sich nicht für das heutige internationale Geschehen oder die ethische Regelung des menschlichen Zusammenlebens interessieren können. (Meines Erachtens sollten diese Menschen keine Lehrkräfte werden, da Lehrkräfte eher begeisterte GeneralistInnen sein sollten, aber das tut nichts zur Sache.) Weiter muss man davon wegkommen, dass diese Wissenschaften so enorme Unterscheidungen auf Mittelstufenniveau haben, dass PolitikwissenschaftlerInnen auf keinen Fall Erdkunde unterrichten können. Dies ist in der Sekundarstufe I schlicht nicht der Fall, solange man die Unterstützung seiner fachkundigen KollegInnen hat.

Wichtiger wäre es, die Kompetenzen und Lehrpläne der verschiedenen Fächer in der Sekundarstufe I realitätsnah und laienverständlich auszudrücken. Nicht alle haben gerade die politikdidaktischen Streitereien der letzten 30 Jahre im Kopf zwischen Peter Massing, Joachim Detjen und Wolfgang Sander, wenn sie in den Lehrplan schauen. Kompromiss soll nicht zur Unverständlichkeit führen.

Schließlich sollte sich die LehrerInnenausbildung auf die Realität in Berlin einstellen: In der Sekundarstufe I leistet man eben mehr erzieherische Arbeit in Berlin als am Düsseldorfer Schicki-Micki-Altsprachengymnasium und es ergibt didaktisch mehr Sinn, eine Klasse von so wenigen Menschen wie möglich unterrichten zu lassen. Von daher sollten LeiterInnen der Fachseminare sowie die DozentInnen für Fachdidaktik eher das fächerübergreifende Unterrichten in der Ausbildung fördern, wie es von vielen Lehrkräften in Berlin auch erwartet wird.