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"Bausteine gegen Gewalt"Es geht auch ohne Gewalt

Schulsozialarbeit ist ein elementarer Baustein gegen Gewalt. Das zeigt die »Schule am Rosenhain« in Hellersdorf.

03.06.2020 - von Ralph Syrowatka

Es gilt der Frage nachzugehen, warum wird überhaupt Gewalt angewendet, wenn es doch auch anders ginge. Warum geht es aber offenbar oft auch nicht anders? 

In meiner Tätigkeit als Sozialpädagoge im Bereich »Schulsozialarbeit« habe ich zu unterscheiden zwischen verbaler, körperlicher und psychischer Gewalt, zwischen unterschiedlichen Eskalationsstufen, die oft einander bedingen, um zum vermeintlichen Erfolg zu kommen.

Mein Arbeitsort ist die »Schule am Rosenhain« in Berlin-Hellersdorf, welche sich als Förderzentrum mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt »Lernen« versteht. Hellersdorf, auf dem Sozialatlas von Berlin, leider der Bezirk, welcher an letzter Stelle steht.

Bestandteile meiner Arbeit an der Schule sind unter anderem auch Hausbesuche bei den Schüler*innen. Massive Unterrichtsstörungen, verbale Entgleisungen, aggressive Durchbrüche, die alle sozialen Interaktionen beeinträchtigen, erfordern von Anfang an eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern dieser Schüler*innen. Ziel ist es, so früh wie möglich, Erklärungen und Ursachen für aggressives Verhalten zu finden und gemeinsam Ansätze für eine positive Verhaltensentwicklung zu beraten. 

Die Ursachen liegen oft außerhalb der Schule

Oft ertappe ich mich dabei, dass ich selbst ziemlich geladen den einen oder anderen Hausbesuch absolviere, da ich das Fehlverhalten des Schülers oder der Schülerin im Unterricht ebenfalls als unerträglich und unzumutbar empfand. Ich erlebe dann häufig völlig überforderte Eltern, die dankbar jede Erziehungsberatung und Hilfsangebote bezüglich konsequenter gemeinsamer Interventionen annehmen. Es erfüllt mich, wenn ich sehe, dass wir gemeinsam etwas bewegen können. Andererseits verstehe ich aber mitunter erst am Abend bestimmte Entwicklungen, nach einem Hausbesuch, dass der*die Schüler*in bei diesem »Elternhaus« noch so »drauf« ist, wie er*sie es eben ist, mit allem Fehlverhalten.

Das Verstehen der vielfältigen sozialen und individuell spezifischen Bedingungen, die sich gegenseitig stark beeinträchtigen, aber auch begünstigen können, ist für mich die entscheidende Grundlage, um mit dem*der einzelnen Schüler*in Handlungsalternativen erarbeiten zu können. Dabei wächst die Hoffnung, dass er*sie erst einmal die Erfahrung macht, weniger Ärger zu bekommen und stattdessen mehr Aufmerksamkeit durch Wertschätzung.

So stellt sich mir auch immer wieder die Frage, warum unsere Schüler*innen mehr Aufmerksamkeit für ihr Fehlverhalten statt für ein angemessenes oder positives Verhalten bekommen? Sollten wir nicht viel konsequenter und durchgängiger prosoziale Verhaltensweisen positiv verstärken? Warum werden Schüler*innen oft erst am Ende einer Unterrichtsstunde für gutes Verhalten gelobt und nicht schon nach den ersten zehn Minuten der Unterrichtsstunde? So könnte ich die Früchte meiner Arbeit als Lehrkraft sogar noch im Unterricht ernten. Wir selbst sind die Entscheidungsträger*innen. Warum warten wir so lange, um Normalität, gewünschtes Verhalten, zu loben und geben damit schon den Raum für Aufmerksamkeitssuche durch Rebellion und Opposition. Es muss uns gelingen, alte Muster zu durchbrechen, mit dem Blick auf stete Wertschätzung von Bemühungen, um angemessene Interaktionen.

Zwei Schüler aus der 4. Klasse haben in der großen Pause eine verbale Auseinandersetzung, was zur Folge hat, dass der eine Schüler dem anderen zu verstehen gibt, dass er »dessen Mutter ficken« werde. Der andere Schüler schlägt zu. Zur Rede gestellt, wurde deutlich, dass der Schüler mit seiner Androhung gar nicht wusste, was er inhaltlich geäußert hat. Er hatte aber Tage zuvor erlebt, wie sich ein anderer Schüler über diesen Spruch so richtig geärgert hat. Kinder lernen aus Erfahrung und für mich ergibt sich die Frage, welche Modelle bieten wir an, damit sie in Konfliktsituationen angemessen agieren und reagieren lernen.

Wenn ich Gewaltverhalten in der Schule und zwischen Schüler*innen verhindern möchte, weil es nicht zur Lösung, sondern eher zur Eskalation des Problems führt, bestimmen drei relevante Bereiche, die sich wechselseitig bedingen, meine Interventionen: Situation – Verhalten – Haltung.

Wenn ich es schaffe, eine Situation zu verändern, könnte es sein, dass sich die innere Haltung der Schüler*in ändert und somit auch das Verhalten. Wenn sich das Verhalten der Schüler*in ändert, könnte es sein, dass sich meine innere Haltung verändert und wir haben eine neue Situation. Wenn sich meine innere Haltung verändert, weil ich besser verstehe, könnte es sein, dass sich auch mein Verhalten ändert und das Verhalten der Schüler*in, weil wir eine neue Situation haben.

Wertschätzung schafft Beziehung

Vor einigen Jahren habe ich mein Büro in der Schule in eine Holzwerkstatt umgebaut. Im Rahmen meiner sozialpädagogischen Arbeit wollte ich über einen handlungspraktischen Ansatz einen besseren Zugang zu meinen Schüler*innen finden. Viele unserer Schüler*innen haben ihre Stärken nicht in den Fächern Mathematik und Deutsch, sind aber handwerklich begabt oder haben Freude an praktischen Tätigkeiten. Hier gelangen sie oft schneller zu Erfolgserlebnissen, positiven Rückmeldungen und damit Wertschätzung, die sie so dringend auch für ein positives Selbstbild und einen höheren Selbstwert benötigen. In der Holzwerkstatt finden keine formalen Krisengespräche statt. Während und nach der Arbeit kommen wir ins Gespräch. Ich erfahre von den Schülern*innen oft mehr als mir lieb ist; von zunehmender innerer Ohnmacht, Ablehnung und Ausgrenzung. Ich erfahre häufig, was das Fass zum Überlaufen brachte.

Seit vielen Jahren haben wir an der »Schule am Rosenhain« ein Deeskalationsprojekt. Einmal jährlich findet mit ausgewählten Klassen eine Projektwoche in einer Kampfsportschule statt. Mit Hilfe eines Trainers werden Deeskalationsmöglichkeiten aufgezeigt. Die Schüler*innen trainieren, gewalttätige Situationen frühzeitig zu erkennen und mit ihnen richtig umzugehen. Dieses Projekt vermittelt eine gewisse Handlungssicherheit, stärkt das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein jeder*jedes Einzelnen. Es macht aber auch deutlich, dass sie vor allem als Klasse, eben zusammen stark sind. In diesem Projekt werden auch Schüler*innen, die selbst bereits als Täter*innen unterwegs waren oder noch sind, schlicht in die Opferrolle gebracht. Sie wechseln die Perspektive und lernen zu spüren, wie es sich anfühlt, Opfer zu sein. Dass auch die Klassenlehrer*innen, soweit möglich, in alle Übungen mit integriert werden, halte ich ebenso für besonders wertvoll.

Auch die Streitschlichter*innenausbildung an der Schule ist ein wichtiger Bestandteil, um gewalttätigem Verhalten vorzubeugen. Im Auftrag der Schulleitung müssen die Schüler*innen lernen, selbst in die Verantwortung zu gehen. Dabei merken sie recht schnell, dass sie als Streitschlichter*innen an ihrem eigenem Verhalten gemessen werden.

Seit meiner Ausbildung zum Mediator ist mir eine Aussage besonders im Gedächtnis geblieben: Zu 98 Prozent bewerten wir das Verhalten unseres Gegenübers. Wer braucht das?

Wir brauchen für alle Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen und Lehrer*innen eine Mediator*innenausbildung als Bestandteil der Ausbildung, beziehungsweise des Studiums.

Mir ist klar, dass auch mein Wasser bei 100 Grad kocht. Auch ich habe in meiner Arbeit mitunter mit Schüler*innen zu tun, die ich lieber gehen als kommen sehe und auch ich habe meine Schubladen, die ich aber immer wieder neu aufreißen und neu füllen und strukturieren muss, nach 16 Jahren in dem Bereich Schulsozialarbeit an der »Schule am Rosenhain«.