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SchuleFachfremder Unterricht ist für alle eine Qual

Ein Thema, das es bis in die Schlagzeilen der Berliner Lokalpresse geschafft hat. Hintergründe und Alternativen sucht man in den Artikeln leider aber vergebens.

05.03.2018 - von Ilse Schaad

Eine ganze Schulzeit ohne Mathelehrer? Denkbar«, so titelte vor kurzem Susanne Vieth-Entus im Tagesspiegel. Die Berliner Journalistin mit tiefem Einblick in das Berliner Schulwesen weist beim Anstieg des fachfremd erteilten Unterrichts an Berliner Grundschulen Besorgnis erregende Zahlen aus. Der Befund für die Oberschulen fällt nicht viel besser aus.

Vieth-Entus setzt sich aber leider nicht mit den Ursachen auseinander. Die beruhigende Nachricht: fachfremden Unterricht hat es schon immer gegeben und es wird ihn auch weiterhin geben. Die heutige Höhe allerdings ist sowohl für Lehrkräfte als auch für Schüler*innen, die einen Anspruch auf sach- und fachgerechten Unterricht haben, mehr als inakzeptabel. Umso wichtiger ist es, nach den Ursachen zu fragen. Das Problem ist zwar mit Sicherheit nicht nur ein Berliner Problem. Die in Berlin erhobenen Zahlen weichen jedoch eklatant von den eher harmlosen Zahlen ab, die die GEW Bund vor kurzem veröffentlichte (E&W 12/2017).

Jedes Fach ist Mangelfach

Ende der 1980er Jahre lag der Anteil des fachfremd erteilten Unterrichts bei rund 20 Prozent. Seitdem wurde die Pflichtstundenzahl der Lehrkräfte in drei Wellen um teilweise mehr als 15 Prozent erhöht, die Stundentafel gekürzt, Verwaltungsstunden gestrichen, Teilungs- und Förderstunden gekürzt oder gestrichen. Vieles davon ist für einen reibungslosen Unterrichtsablauf unerlässlich.

In der Kombination von Pflichtstundenerhöhung und Stundentafelkürzung, immer mehr Fächer werden heute nur einstündig oder epochal unterrichtet, konnten nicht mehr alle zur Verfügung stehenden Stunden pro Lehrkraft im Stundenplan untergebracht werden. Dadurch wird ein Zwang zu fachfremdem Unterricht geschaffen. Hinzu kommt, dass bei sinkender Zahl der Lehrkräfte und steigendem individuellem Stundendeputat die Anzahl der Kombinationsmöglichkeiten der Unterrichtsfächer sinkt und sich der Mangel Schritt für Schritt auf alle Fächer ausweitet.

Jahrelang wurde behauptet, der Fachlehrer*innenmangel bestehe nur in wenigen Fächern, vorzugsweise in den sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Auch das ist ein Märchen, das von jedem ungeprüft nachgebetet wurde. Natürlich besteht der Mangel auch in den Fächern, mit denen Lehrkräfte über Jahrzehnte keine Chance auf Einstellung hatten: Deutsch, Gesellschaftskunde/Politik und ähnliche.

Nicht jede*r kann alles

Heute sehen wir die Folgen: schlechte Ergebnisse auch in allen mit dem Deutschunterricht verbundenen Kenntnissen, wie Schreiben, Lesen oder Textverstehen. Wer das nicht kann, ist auf Gedeih und Verderb im gesellschaftlichen Leben immer Opfer derer, die mit einfachen Erklärungen und Hetzparolen die Welt interpretieren. Aber auch über diese Folge wird öffentlich nicht diskutiert.

Viele in der Schulverwaltung und in Schulleitungen denken bis heute, dass je-de*r mit Abitur Deutsch oder auch Mathematik in der Grundschule unterrichten kann. Das ist erwiesenermaßen ein fataler Irrtum. Zumindest gibt es hin und wieder gering beachtete Forschungsergebnisse, die einen Zusammenhang zwischen Fachqualifikation der Lehrkraft und Unterrichtserfolg der Schüler*innen nachweisen.

Die Dummen sind die Lehrkräfte. Sie müssen sich in ein ihnen fremdes Fach einarbeiten, was ihre Arbeitszeit erheblich erhöht. Die psychische Belastung, ein Fach zu unterrichten, in dem man auf jeden Fall nicht so sicher ist wie im studierten Fach, ist hoch. Kritik und Häme in der Öffentlichkeit ist ihnen damit gewiss.

Für viele Lehrkräfte ist die Belastung, mit voller Stelle zu arbeiten, nicht verkraftbar. Schon gar nicht, wenn man berücksichtigt, dass die Mehrheit der Lehrkräfte weiblich ist und noch immer Familien- und Erziehungsarbeit ihre Sache ist. Also steigt in der Konsequenz die Zahl der Teilzeitbeschäftigten, die nach der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes entsprechend ihrer Teilzeit zu entlasten sind. Wenn in einem solchen System eine große Gruppe entlastet werden muss, wird zwangsläufig eine andere, nämlich die Vollbeschäftigten, zusätzlich belastet, was aber nach Meinung der Verwaltungsgerichte ebenfalls nicht zulässig ist. Ein Teufelskreis.

Abhilfe ist möglich

Es gibt nur einen Ausweg: die Ausstattung der Schulen mit Personal muss verbessert werden, die Pflichtstunden müssen gesenkt werden. Nur dadurch kann die Qualität des Unterrichts im notwendigen Maße erhöht werden. Dazu gehört auch, dass endlich ein vernünftiges und effektives Vertretungsmodell realisiert wird. Es sind längst alle Modelle wissenschaftlich untersucht, und sie sind fast alle Murks. Ob Unterrichtsgarantie plus, ob Lehrer*innenfeuerwehr, ob Personalkostenbudgetierung, ob Springer*innenmodell, sie haben nicht funktioniert. Es gibt in der Tat nur ein akzeptables Modell, das auch den Vertretungsunterricht verbessert: Jede Lehrkraft hat innerhalb des Stundendeputats zwei Unterrichtsstunden für Vertretung fest eingeplant. Gegner*innen erwidern gern, dass das zu teuer wäre. Möglicherweise. Aber möglicherweise auch nicht. Überprüft wurde es aktuell nicht. Eine Untersuchung der Bildungsverwaltung in Berlin in den 80er Jahren zeigte dagegen deutlich die Überlegenheit des hier präferierten Modells.

Der Vollständigkeit halber soll noch ein weiterer Aspekt kurz beleuchtet werden, der in der oberflächlichen Diskussion um die segensreiche Wirkung der Arbeitszeiterhöhungen von Lehrkräften gerne verschwiegen wird. Die Einsparungen, die durch Pflichtstundenerhöhungen erzielt werden, sind bei weitem nicht so hoch, wie gerne behauptet wird. Fallen Lehrkräfte aus, müssen nun nicht mehr 23, sondern 27 oder 28 Stunden durch Mehrarbeit oder Ersatzeinstellungen ausgeglichen werden. Diese Bilanz fiele noch deutlicher aus, wenn Lehrkräfte für jede geleistete Mehrarbeitsstunde einen Ausgleich erhalten würden.