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SchuleFetisch Digitalisierung

Die Digitalisierung in der Bildung wirft viele Fragen auf. Maschinen sollten für Menschen arbeiten, nicht umgekehrt.

05.03.2018 - von Jörg Tetzner

Die pädagogisch Beschäftigten stellen angesichts der auf uns zurollenden digitalen Welle entscheidende, oft auch unangenehme, Fragen. Wir geben als Gewerkschaft Antworten, die überhaupt nicht ins neoliberale Geschäftsmodell des Fetischs Digitalisierung passen. Bereits im Jahr 2016 verkündete Johanna Wanka vom Bundesministerium für Bildung und Forschung vor dem 10. Nationalen IT-Gipfel in Saarbrücken den »Digitalpakt«. Dieser geht zurück auf die Ideen ihrer IT-Gipfel-Plattform »Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft«, wo sich Lobbyist*innen der IT-Branche, wie zum Beispiel Bitkom, Microsoft, SAP, Telekom und Hasso-Plattner-Institut tummeln.

Dieser Pakt soll nun bundesweit Schulen für fünf Milliarden Euro mit angeblich modernster Breitband- und IT-Technik ausstatten. Eine Kosten-Nutzen-Abwägung gibt es natürlich nicht. Über pädagogische Sinnhaftigkeit und Datenschutz mag die Branche sowieso nur ungern reden. Es bleibt auch die Frage offen, wie viel von dem Geld am Ende in den einzelnen Schulen ankommt, wie zwischen allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen verteilt wird und vor allem, wie nachhaltig für Wartung und Infrastruktur gesorgt wird. Wie viele Schüler*innen werden sich denn einen Laptop oder ein Tablet teilen?

Jugendliche brauchen mehr als Tablets

Egal. Hauptsache der Verkauf von Automaten geht los. Für satte Steuermilliarden, versteht sich. Wie Drogenhändler*innen haben die Computerverkäufer*innen schon die Kleinsten im Blick. Wer sich früh in Technik übt, wird auch später zu den fügsamen IT-Konsument*innen zählen, die sich über ihre Daten und ihre Zeiteinteilung eher wenig Sorgen machen. Dass Expert*innen aus der Medizin und Pädagogik den Einsatz von Digitaltechnik im Unterricht für Schüler*innen unter zwölf Jahren ablehnen, stört hier nur. Aber auch bei Jugendlichen über zwölf Jahren bleibt es fraglich, ob die tägliche, stundenlange Bildschirmarbeit in Tablet-Klassen der Gesundheit, der seelischen Ruhe und der emotionalen Entwicklung zuträglich ist. Suchtgefahr und Fremdsteuerung sind bei digitalen Medien an Berliner Schulen extrem hoch, so dass viele Schulen elektronische Medien während der Pausen verbieten. Wobei die Wirksamkeit eines formalen Verbots vermutlich eher beschränkt bleibt. Sinnvoller ist sicher die Thematisierung eines angemessenen Medienumgangs im Unterricht.

Dabei können digitale Medien wie zum Beispiel Smartphones im Unterricht sehr nützlich sein, wenn sie funktional eingesetzt werden. Damit ist der Schlüssel zu einem Lernfortschritt durch Technik immer die Lehrkraft. Die Träume der Branche vom automatisierten Lernen und Abprüfen blamieren sich in jeder Studie, ob Telekom, OECD oder PISA. Die Lernergebnisse verbessern sich eben nicht selbstverständlich durch neue Technik. Wer schlecht Lesen, Rechnen und Schreiben kann, braucht individuelle Betreuung. Emotionale Probleme klärt kein Tablet.

Wir brauchen wieder Funkstille

Was heißt das digitale Umpflügen der Bildungslandschaft für unsere Arbeitsbedingungen als Beschäftigte? Zunächst einmal braucht Technik Pflege und Wartung. Was nützt die modernste Anlage, wenn sie noch drei Updates braucht, bis sie läuft? Technik braucht damit vertrautes Personal. Fortbildungen sind nötig, die bei den jetzt schon überlasteten Lehrkräften nicht obendrauf kommen können, sondern statt Unterricht stattfinden müssen. Technik muss irgendwo stehen und angeschlossen sein. Marode Schulbauten erschweren das oder machen es unmöglich. So werden Personalmangel und Sanierungstau auch hier zum Killer von sinnvollem Fortschritt.

Die Personalräte müssen im Blick behalten, dass sich mit der Digitalisierung die Arbeitsschritte von Lehrkräften leicht zentral nachvollziehen lassen. Ein Profil der »Performance« von Einzelnen kann erstellt werden. Wie überall heißt Digitalisierung ständige Erreichbarkeit. Wir sollten Phasen der digitalen Ruhe verlangen. Am Wochenende und wochentags ab 19 Uhr ist Funkstille! Zudem sind in irgendwelchen School-Clouds eingestellte Materialien leicht auf Urheber*innenrechte zu überprüfen und das Nutzer*innenverhalten ist ein Marketingobjekt. Da hilft es sehr, offline zu arbeiten, im lokalen Netzwerk und nur schulintern. Der staatliche Bildungsträger überlässt allzu gern das digitale Feld privaten Anbieter*innen. Diese haben keinen Bildungsauftrag und wir sollten auf nichtkommerzielle Angebote gesellschaftlicher und staatlicher Akteur*innen drängen, damit Bildung nicht zum Profitautomaten verkommt.

Digitalisierung kann pädagogische Arbeit sinnreich ergänzen. Sorgen wir dafür, dass sie nicht für Sparfantasien von Bildungspolitiker*innen ausgenutzt wird. Mehr Automatisierung geht natürlich oft einher mit weniger Personal, dafür mehr Druck und Überwachung. Die Gewerkschaft ver.di hat die voll automatisierten Arbeitsplätze beim Versandhändler Amazon gut dokumentiert. Ein kleines Piepsgerät mit Mikrofon und Kamera zeigt den prekär Beschäftigten, wie sie noch mehr und schneller arbeiten sollen. Ihnen gehört unsere digital-kritische Solidarität. Schule als Kopie von Amazon? Halten wir dagegen!