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SchuleFür mehr Wertschätzung aller Sprachen

Das Aufwachsen mit mehreren Sprachen ist in Deutschland mittlerweile Normalität. Dennoch kommt nicht allen Sprachen die gleiche Bedeutung zu.

18.01.2021 - von Lilo Martens

Der Reformvorschlag für den Rat für Migration, alle Sprachen gleich zu behandeln – siehe dazu bbz 12/2020 –, ist nachvollziehbar, demokratisch im Denken, zukunftsweisend für Bildung in der Migrationsgesellschaft und überfällig.

Ganz im Sinne des von der UNESCO proklamierten »kulturellen Menschenrechts auf Muttersprache« mahnt die deutsche Politik seit Jahrzehnten zu Recht die Diskriminierung der kurdischen Sprache in der Türkei an. Wie geht das deutsche Bildungssystem selbst mit »Mutter«sprachen um? Hierzulande werden nicht-deutsche Familiensprachen nach wie vor und nicht selten als Sprachen bewertet, die im Curriculum im Vergleich zu fest etablierten Fremdsprachen, wie zum Beispiel Englisch oder Französisch, bestenfalls nachrangig positioniert sind oder im schlimmsten Fall als Störfaktor für das erfolgreiche Erlernen der deutschen Landes- und Schulsprache gelten.

Familiensprachen aufwerten

Letzteres zeugt nicht nur von kränkender Missachtung der Identität von mehrsprachig aufwachsenden Kindern und Jugendlichen, sondern ist auch sprachwissenschaftlich nachgewiesen falsch. Dabei wäre die Aufwertung von Familiensprachen ein starkes Zeichen von Akzeptanz und würde das Zugehörigkeitsgefühl von Migrant*innen stärken. Ein Perspektivwechsel auf Mehrsprachigkeit ohne Sprachenhierarchie geht nicht ohne eine Veränderung der strukturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen, wie von Dita Vogel, Senior Researcherin im Arbeitsbereich interkulturelle Bildung der Uni Bremen, als Reformvorschlag für den Rat für Migration vorgeschlagen. Familiensprachen müssen gleichberechtigt gefördert werden und für den Schulabschluss zählen.

In einem Diskurs vorab muss jedoch der Begriffsapparat inhaltlich geklärt werden: Was genau ist eigentlich unter Mehrsprachigkeit zu verstehen? Da gehen die Vorstellungen weit auseinander. Wie unterscheidet sich »Fremd«sprachen- von »Herkunfts«sprachenunterricht? Auch ist grundlegendes Wissen über Mehrsprachenerwerb, Bedeutung der Erstsprache, beziehungsweise Erstsprachen bei mehrsprachig Aufgewachsenen, für die Identitätsentwicklung und für die gesellschaftliche Integration vonnöten und in Fortbildungen zu vermitteln. In diesem Kontext sollte und darf auch neu überdacht werden, wie sich das Fach Englisch in einem noch zu entwickelnden Mehrsprachigkeitskonzept einfügt.

Englisch in der Sprachenhierarchie

Eltern oder Bezugspersonen von Kindern, ob mit oder ohne Migrationsgeschichte, haben in der Regel ein starkes Interesse an Englisch als erster Fremdsprache. Schule hat unbestreitbar die Aufgabe, Unterricht in der weltweit bedeutendsten lingua franca zu vermitteln. Die Frage darf dennoch gestellt werden: Wäre es von Nachteil, wenn mehrsprachig aufgewachsene Kinder auf freiwilliger Basis nicht schon in der dritten Klasse als dritte Sprache Englisch lernen? Also noch bevor sie zunächst bilingual in ihren beiden Erstsprachen, zum Beispiel Deutsch und Farsi als Familiensprache, schulisch gesteuert auf ein solide gebildetes Schriftsprachniveau gebracht wurden? Nein, im Gegenteil, sagen alle Studien. So bestätigt auch die Evaluation der Staatlichen Europa-Schulen Berlin, dass ein Kind auf dieser Basis jede weitere Sprache schneller und besser lernt. Dort erreichen die bilingual beschulten Kinder und Jugendlichen im Fach Englisch ein Niveau, das gegenüber den Vergleichsgruppen um bis zu zwei Jahre höher liegt. Sie profitieren enorm von ihrer Sprach(lern)bewusstheit. Eltern würden es sicherlich begrüßen, wenn ihre Kinder auch in der Familiensprache gut Lesen und Schreiben können, ohne dass dies auf Kosten der Kompetenz im Englischen ginge.

Terminologie kritisch beleuchten

In den Schulen und Bildungsbehörden entscheiden nicht unbedingt einschlägig ausgewiesene Fachexpert*innen, und es geistern immer noch zahlreiche kontraproduktive Mythen über Mehrsprachigkeit in diesen Welten herum. Ohne Dekonstruktion von wissenschaftlich bereits widerlegten Mythen, ist schwer vermittelbar, warum eine bedeutsame strukturelle Veränderung im Schulsystem nicht nur der Antidiskriminierung dient, sondern ein Gewinn für uns alle ist. Ein gemeinsames inhaltliches Grundverständnis würde der Debatte mehr Niveau und Produktivität und den Forderungen mehr Überzeugungskraft verleihen.Dazu gehört sicherlich auch eine kritische Beleuchtung der Terminologie »Fremd«sprachen und »Herkunfts«sprachen. Nichts ist einem Kind weniger fremd als die natürlich erworbene(n) Erstsprache(n). Deshalb ist die Formulierung »Anerkennung der Herkunftssprache als zweite Fremdsprache«, wie zum Beispiel im Leitfaden zur Integration von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen in die Kindertagesförderung und die Schule, ziemlich unpassend, auch wenn die Fachbezeichnungen des Curriculums bislang keine Alternative zum Andocken bieten.

Warum wird die Familiensprache eines Kindes, das Deutschland seine Heimat nennt und dessen Großeltern mal in den 60er Jahren nach Deutschland eingewandert sind, immer noch als dessen »Herkunfts«sprache bezeichnet? »Herkunft« zieht ganz unnötig und nicht-inklusiv wirkend eine Verbindung zu einer außerhalb von Deutschland angesiedelten Zugehörigkeit. In der Diskriminierungsforschung wird dies »Othering« genannt. Dabei ist die Mehrsprachigkeit von immer mehr Kindern die Normalität in einer Migrationsgesellschaft mit »hybriden« Identitäten. Wir sollten besser neutral von »Sprachen« sprechen und Curricula terminologisch entsprechend anpassen. Wenn Sprachen per se gleichberechtigt sind, reicht die Zählung: erste Sprache, zweite Sprache und dritte Sprache. Und ja, drei Sprachen sind in der Tat genug fürs Abitur.