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bbz-DebatteGemeinsam erreichen wir mehr

Wenn wir eine Veränderung der Arbeitsbedingungen erreichen wollen, brauchen wir Mehrheiten unter den Kolleg*innen.

16.03.2020 - von Thomas Kaepernick und Christoph Wälz

Die Gewerkschaften führen nicht erst seit gestern eine intensive Diskussion, wie wir erfolgreicher für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen kämpfen können. Wie können wir Mehrheiten gewinnen? Wie können wir gewerkschaftsferne Branchen und Betriebe erschließen?

Auch in der GEW BERLIN findet diese Debatte statt. Bereits in den bbz-Ausgaben 09/2019 und 11/2019 sind Artikel zum Buch »Keine halben Sachen« der Gewerkschaftsforscherin und Organizerin Jane McAlevey erschienen. In der Ausgabe 1-2/2020 dann berichtete die Redaktion über die Landesdelegiertenversammlung, die eine Grundsatzentscheidung gefällt hat, wie die GEW BERLIN Arbeitsentlastung an Schulen erreichen will. Eine Tarifkampagne zur Senkung von Klassengrößen wird angeschoben; die Forderung nach einer Senkung der Unterrichtsverpflichtung wird zurückgestellt, da für sie bis auf Weiteres nicht gestreikt werden könnte. Eine Mehrheit der Delegierten hielt es nicht für aussichtsreich, diese Forderung zum Gegenstand eines politischen Protests zu machen, der gezwungenermaßen erst mal außerhalb der Arbeitszeit stattfinden müsste. Eine wichtige Erfahrung der polarisierten Debatte bleibt, dass wir als Gewerkschaft in den Kollegien der Schulen Mehrheiten gewinnen können. Für bessere Arbeitsbedingungen sind Mehrheiten in den Einrichtungen möglich – und sie sind nötig.

In einem Testlauf an 29 Schulen in sieben Bezirken hatten wir insgesamt 1.348 Unterschriften für die Erklärung »Aktiv für Entlastung« gesammelt. Damit haben durchschnittlich 62,8 Prozent der Kolleg*innen dieser Schulen erklärt, sich aktiv für die Forderungen der GEW einsetzen zu wollen. Vorausgesetzt, wir organisieren Mehrheiten in der ganzen Stadt.

Auch in den sozialpädagogischen Arbeitsfeldern, den Hochschulen und in der Erwachsenenbildung stellt sich die Frage, wie bei den Lohnabhängigen Macht aufgebaut werden kann, um für gute Arbeits- und Lebensbedingungen zu kämpfen. Wie wichtig ein gutes Organizing ist, zeigen gescheiterte Tarifkämpfe in diesem Bereich. Etliche Betriebe sind ohne Betriebsrat. Bei der Frage, wie wir die notwendigen Mehrheiten organisieren können, lohnt der Blick über den Tellerrand. Was können wir von der Gewerkschaftsbewegung in anderen Ländern lernen?

US-amerikanische Gewerkschaften sind aufgrund der spezifischen Schwäche des US-Arbeitsrechts gezwungen, Mehrheiten zu organisieren, anders als wir es in Deutschland kennen. Ohne eine mehrheitliche Unterstützung durch die Belegschaft haben die Gewerkschaften dort kein Recht, im Betrieb zu agieren. Zudem erfordern Streiks ohne ein ausgeprägtes Streik-recht eine sehr große Beteiligung, sonst würden die Streikenden im Anschluss entlassen. US-Gewerkschaften müssen Mehrheiten organisieren – warum soll-ten wir von ihnen nicht lernen, wie man das macht?

Jane McAleveys Organizing-Konzept setzt hier an. Ihr Konzept zum Gewinnen von Mehrheiten trifft auf zwei verbreitete Schwächen der deutschen Gewerkschaften: Erstens: Wir (die deutschen Gewerkschaften im Allgemeinen) geben uns zu oft damit zufrieden, Minderheiten der Kol-leg*innen zu mobilisieren. Und Zweitens: Wir fokussieren vorrangig auf die sowieso schon Überzeugten und kämpfen zu wenig um diejenigen Kolleg*innen, die – aufgrund des großen Vertrauens ihrer Kolleg*innen in sie – fähig wären, Mehrheiten ihres Kollegiums zu gewinnen.

Nach McAleveys Analyse steigt die Durchsetzungskraft von Forderungen, wenn die Beschäftigten die eigentlichen Akteur*innen sind. Je direkter die Beschäftigten an den Entscheidungen ihrer Gewerkschaft beteiligt sind, desto besser. Andere DGB--Gewerkschaften, wie die IG Metall, haben emanzipatorisches Organizing schon länger entdeckt. Sie haben damit zum Beispiel eine gewerkschaftliche Organisierung in der Windkraftbranche erreicht. Die Sicht Jane McAleveys, Arbeitskampf sei immer auch Klassenkampf, erlangt in der bundesdeutschen Arbeitswelt durch Union Busting und neoliberaler Lobbyarbeit – auch in den GEW-relevanten Branchen – zunehmend mehr an Bedeutung.

Das Deep Organizing-Konzept der US--Amerikanerin bedeutet ein emanzipatorisches Verständnis von Gewerkschaftsarbeit. McAleveys »organic leaders« sind nicht identisch mit den gewählten Vertrauensleuten deutscher Gewerkschaften, sondern Menschen in den Betrieben, an denen sich andere Lohnabhängige orientieren, deren Entscheidung für oder gegen Gewerkschaft und konkreten Arbeitskampf die anderen motiviert, sich genauso zu entscheiden. Personalunion ist dabei möglich. Gewerkschaften sind bei McAlevey eingewoben in der »Community«, sie achten auf die Solidarität mit anderen gesellschaftlichen Gruppen.

Bevor zum Beispiel die Gewerkschaft CTU (Chicago Teachers’ Union) 2012 einen bahnbrechenden Mehrheitsstreik organisierte, hatte sie bereits eine Delegiertenstruktur. Oftmals waren die Delegierten aber eher diejenigen, die sich seit Jahren für die Gewerkschaft verantwortlich fühlten, als diejenigen, die Mehrheiten an ihren Schulen gewinnen konnten. Wie McAlevey ausführt, kämpfte die CTU bewusst darum, diese hochangesehenen Beschäftigten für die Gewerkschaft zu gewinnen und den Streik so viel breiter aufzustellen. Und sie organisierte die Eltern und andere relevante Akteur*innen als Unterstützende.

Die Lohnabhängigen sind nicht isoliert im Gegenüber zum Arbeitgeber zu verstehen, sondern als Menschen, die eingebunden sind in verschiedene soziale Kontexte. Es geht nicht um den alleinigen Abschluss eines Tarifvertrages, sondern um die Verbesserung der Lebensbedingungen, die sich im jeweils aktuellen Arbeitskampf in einem konkreten Tarifvertrag manifestieren. Dieser kann mal Lohnerhöhung umfassen, mal Familienvorsorge, mal Arbeitsschutz.

Arbeitskampf muss nicht Streik heißen. Hier sind die Situationen auf andere, »neue« Möglichkeiten abzuklopfen. So haben in den letzten Monaten Kolleg*innen an zwei Berliner Schulen, die sehr autoritär geleitet werden, mehrheitlich Erklärungen des Kollegiums unterschrieben und eine Diskussion auf der Gesamtkonferenz eingefordert. In Neukölln haben sich Kolleg*innen von mehreren Schulen vernetzt, um mehrheitlich Überlastungsanzeigen zu schreiben und gemeinsam einzureichen. Die Mehrheit gibt hier Schutz und vermittelt Vertrauen in unsere Kraft, etwas erreichen zu können.