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Queer DenkenGenderbewusste Pädagogik

Kinder sind ständig und überall mit Geschlechterstereotypen konfrontiert. Deshalb ist es umso wichtiger, individuelle Geschlechtsentwicklungen zu fördern.

 

07.05.2020 - von Petra Focks

Geschlechtersymbole und Geschlechterstereotype sind überall in gesellschaftliche Strukturen und in Organisationen eingewoben und sie beeinflussen die Geschlechtsidentitätsentwicklung von Kindern maßgeblich. Alle Menschen, die in dieser Kultur aufgewachsen sind und leben, sind beeinflusst und geprägt von den allgegenwärtigen Symbolen, Strukturen und Identitätskonstruktionen von Geschlecht. Wie die Gesellschaft aufgebaut und strukturiert ist, Verhaltensweisen, Gefühlsäußerungen, Spielmaterial und vieles mehr ist »vergeschlechtlicht«. Wir sind unausweichlich damit konfrontiert und zwar in allen Lebensbereichen. Wenn wir uns nicht bewusst und reflektiert damit auseinandersetzen, reproduzieren wir meist die vorherrschenden Geschlechterverhältnisse, ob wir wollen oder nicht. Dies führt jedoch häufig zu einer Einschränkung der Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern auf das, was jeweils als »weiblich« oder als »männlich« gilt. Außerdem führen die herrschenden Geschlechterverhältnisse immer wieder zur Ausgrenzung von Kindern, die den geschlechtstypischen Vorgaben nicht entsprechen. Die vorherrschende Geschlechterkonstruktion birgt außerdem soziale Ungleichheiten, wie beispielsweise die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern und die Abwertung pädagogischer Berufe.

Kinder sind in ihren Lebenswelten von Anfang an überall mit Stereotypen konfrontiert, in der Familie, in der Kindertagesstätte, im Kontakt mit anderen, über Spielwaren, Kinderbücher und andere mediale Einflüsse. 

Wenngleich sich Eltern und pädagogische Fachkräfte an Werten wie Gleichbehandlung und Individualität orientieren, zeigen wissenschaftliche Studien, dass sie sich im konkreten Alltagshandeln dennoch an traditionellen Geschlechterbildern orientieren. So zeigt eine Studie zur Körper- und Bewegungssozialisation, dass Kinder geschlechtstypisierend ausgestattet werden. So werden beispielsweise Kleidung, Spielsachen, Brotdosen, Getränkeflaschen oder Hausschuhe geschlechtstypisch ausgewählt. Laut Ina Hunger realisiere sich die allgegenwärtige Symbolik »bei Jungen – neben klassischen Motiven wie Fußball, Feuerwehr – in Form von Figuren, wie Lighting MCQueen und Spider-Man sowie aus Motiven von Star Wars, die jeweils Actionbereitschaft und Stärke, Raumexploration und Wettbewerbsbereitschaft, Technik und Angriff symbolisieren. Bei Mädchen dominieren derzeit im späten Kindergartenalter abgebildete Motive, wie Prinzessin Lillifee, Hello Kitty, Filly Minipferde, die in ihren prägenden Eigenschaften jeweils Harmonie, Ästhetik und Phantasie verkörpern.« Dabei nähmen die untersuchten Eltern den Widerspruch zwischen den von ihnen formulierten geschlechtsunabhängigen Erziehungsvorstellungen und der alltäglichen Handlungspraxis, der alte Geschlechterbilder innewohnen, kaum wahr. Widerspricht zum Beispiel ein kleiner Junge den geschlechtstypischen Vorstellungen in weiten Teilen, indem er beispielsweise als ängstlich-unsicher wahrgenommen wird, erhält das Kind besondere Aufmerksamkeit. »Darüber hinaus ist teilweise auch eine unterschwellige (und durchaus homophobe) Form der Sexualisierung des Jungenverhaltens zu konstatieren.«, so Hunger.

In zahlreichen Studien wird deutlich, dass Kinder, die sich nicht den Geschlechterstereotypen entsprechend verhalten, zum Beispiel Jungen, die von anderen für zu feminin und unmännlich gehalten werden und Mädchen, die als jungenhaft gelten, häufig schon auf dem Spielplatz Hänseleien aushalten müssen. Auch Kinder aus sogenannten Regenbogenfamilien, also Familien in denen mindestens ein Elternteil lesbisch, schwul, bisexuell oder trans* lebt, sind Diskriminierungen ausgesetzt. 

Erwachsene haben Modellfunktion

Neben Geschlechterstereotypen wird die Entwicklung von Kindern vor allem auch davon beeinflusst, welche konkreten Verhaltensweisen von Erwachsenen sie beobachten. Kinder erleben, dass Frauen und Männer in unterschiedlichen beruflichen Bereichen tätig sind. Sie beobachten, dass Frauen eher für den Bereich der Pflege und der Erziehungsarbeit zuständig sind, während Männer eher die entscheidenden Positionen in Politik, Kultur und Wirtschaft innehaben. Sie erleben immer auch, dass die Bereiche unterschiedlich bewertet werden. Diese unterschiedliche Bewertung erleben auch pädagogische Fachkräfte, indem sie mit hohen, immer neuen Anforderungen im Berufsalltag und zugleich mit den meist fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten, dem häufig geringen sozialen Ansehen und den niedrigen Gehältern umgehen müssen. Viele wünschen sich heute die Balance zwischen Beruf und Familie, die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. So formulieren zunehmend mehr Männer in vielen Studien, dass sie weniger Zeit für Lohnarbeit verwenden möchten und diese Zeit stattdessen beispielsweise mit sich selbst, mit Freunden oder mit ihren Kindern verbringen wollen. Auch junge Frauen stehen heute enorm unter Druck, den ganzen Anforderungen zu entsprechen und sie fühlen sich bei der Vereinbarung von Beruf und Familie von Politik und Männern zu wenig unterstützt. Kinder erleben diese Aufgabenverteilung auch dadurch, dass in Kitas oder dem Hort kaum Männer als pädagogische Fachkräfte tätig sind.

Kinder müssen sich die Regeln der Geschlechterunterscheidung erst aneignen. Dies geschieht zunächst über äußere Symbolisierungen, wie etwa Spielmaterialien, Spielvorlieben, Kleidung, Schmuck, Frisuren und Farben. Die Differenzierung anhand von Geschlechtersymbolen ist dabei typisch für die frühe Kindheit. Später geschieht dies zunehmend durch verschiedene Verhaltensweisen, Arten der Gefühlsäußerung und Körperpraxen. Vor allem im Spiel erproben Kinder, was es heißt »männlich« oder »weiblich« zu sein. Kinder achten dabei sehr auf ein »geschlechterangemessenes Verhalten« und zeigen damit auch, dass sie gelernt haben, was in unserer Gesellschaft als weiblich beziehungsweise männlich gilt. Sie imitieren Gesehenes, übertreiben und setzen vor allem auch eigene Impulse. Kinder stellen dabei bewusst im Alltag Geschlechterverhältnisse her, sie probieren und dramatisieren und schauen, was von den Vorgaben ihren eigenen Interessen entspricht und wie die Umwelt reagiert, wenn sie Geschlechterzuweisungen überschreiten. Im Alter von vier bis fünf Jahren inszenieren sie »Weiblichkeit« und »Männlichkeit« besonders rigide. So wird beispielsweise der Junge, der ein Kleid anzieht und tanzt, von den anderen Kindern ausgelacht oder darauf hingewiesen, dass Jungen keine Kleider anziehen. 

Mit einer Bestandsaufnahme beginnen

Gendersensible Pädagogik hat es zum Ziel, Kinder unabhängig von Geschlechterklischees in ihren individuellen Interessen und Fähigkeiten zu fördern. Ziel ist es also, sie bei der Ausgestaltung ihrer individuellen Geschlechtsidentitäten zu unterstützen, unabhängig von den jeweils herrschenden Vorstellungen was ein »richtiges Mädchen« oder ein »richtiger Junge« ist. Geschlechterreflektierte Pädagogik beruht auf einer Haltung, die auf der Akzeptanz verschiedener Lebensweisen basiert und Chancengerechtigkeit und inklusive Ansätze betont.

Um die allgegenwärtigen Geschlechterstereotype nicht ungewollt zu reproduzieren, ist es notwendig sich bewusst damit auseinanderzusetzen: Wo nehme ich Geschlechterstereotype im Alltag wahr? Wie bin ich aufgewachsen? Welche Vor- beziehungsweise Nachteile hatte ich aufgrund meines Geschlechts? 

Zu Beginn wäre auch eine Bestandsaufnahme sinnvoll: Was ist an Material in der Kita vorhanden? Wird die Vielfalt der Lebensweisen der Kinder in der Kita sichtbar? Werden alle Familienkulturen in der Einrichtung einbezogen. Welche Klischees werden beispielsweise von den vorhandenen Bilderbüchern bedient? 

In der pädagogischen Arbeit mit Kindern ist es außerdem wichtig, »vergeschlechtlichte« soziale Praktiken zu vermeiden beziehungsweise bewusst mit diesen umzugehen. Beispielsweise sollten handwerkliche, technische oder sportliche Tätigkeiten nicht automatisch dem Kollegen, den Vätern oder den Jungen in der Gruppe zugewiesen werden. Auch sollte es regelmäßig Möglichkeiten geben, dass Kinder mit geschlechtsuntypischen Spielen und Verhaltensweisen experimentieren können. Dabei geht es nicht um einen Rollentausch, sondern darum, viele Bereiche auszuprobieren und dann zu erfahren, was dem jeweiligen Kind entspricht. 

Um Kinder in ihrer Vielfalt zu fördern ist es wichtig, Verallgemeinerungen, wie »die Mädchen« beziehungsweise »die Jungen« oder auch »typisch weiblich« beziehungsweise »typisch männlich«, die meist unreflektiert verwendet werden, zu hinterfragen. Statt zum Beispiel zu sagen: »Ich brauche drei starke Jungen, die mir helfen...« ist es besser zu fragen »Wer kann mir helfen?«. Formulierungen wie »für ein Mädchen spielst du sehr gut Fußball« oder »die Jungen sind jetzt mal ruhig« sollten vermieden werden. Besser ist es, jene Kinder direkt beim Namen zu nennen.    

Der Artikel wurde in ähnlicher Weise bereits veröffentlicht in: 
Petra Focks (2016): Starke Mädchen*, starke Jungen*. Genderbewusste Pädagogik in der Kita. Hier finden sich auch weitere Hinweise zur Umsetzung einer geschlechterreflektierten Pädagogik sowie die Quellenangaben zu den Studien und zur Literatur.

trans* Trans* sind Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht dem Geschlecht entspricht, das bei Geburt in ihre Geburtsurkunde ein getragen wurde. Das heißt beispielsweise: Ein Mensch, der bei Geburt weiblich ein geordnet wurde und später als Mann lebt, ist ein trans* Mann.

Material Die Broschüre »Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben. Sexuelle und Geschlechtliche  Vielfalt als Themen frühkindlicher Inklusionspädagogik« der Bildungsinitiative QUEERFORMAT liefert viele praxisbezogene Anregungen für die alltägliche Arbeit mit Kindern und auch ihren Eltern.

Eine Reihe von Definitionen wichtiger Fachbegriffe haben wir  der Seite www.genderdings.de entnommen und als Glossar über den Themenschwerpunkt verteilt. Aus Platzgründen  konnten die Definitionen teilweise leider nur gekürzt wiedergegeben werden, ein Nachlesen auf der Seite lohnt sich für  interessierte Leser*innen also unbedingt.