GEW - Berlin
Du bist hier:

blz 11 / 2014Geplantes Scheitern

Die RückläuferInnen sind weniger ein organisatorisches als vielmehr ein gesellschaftliches Problem

01.11.2014 - Kommentar von Jörg Tetzner und Janina Bähre

Jedes Jahr müssen zwischen 700 bis 1.000 SchülerInnen (also sieben bis acht Prozent) das Gymnasium nach der 7. Klasse verlassen. Diese große Anzahl von sogenannten »Rückläufern« stellt die Bezirke vor Herausforderungen. Die Zah-len schwanken in den einzelnen Bezirken: In Lichtenberg zum Beispiel gibt es seltener »Umsteiger«, in anderen Bezirken häufiger. Auch zwischen den Schulen gibt es große Unterschiede – manche Gymnasien stehen sogar im Verdacht, bewusst Überkapazitäten aufzunehmen, um besser »aussieben« zu können.

Die großen siebten Klassen

Bereits die Organisation der 7. Klassen programmiert den Rücklauf. 32 SchülerInnen pro Klasse beim Übergang von der Grundschule zum Gymnasium preisen zahlenmäßig Abgänge ein. Gerade in der 7. Klasse sind viele Dinge für die SchülerInnen und die betreuenden Lehrkräfte neu. In diesem Stress muss die Lehrkraft sich um 32 Kinder kümmern, von denen viele mit Problemen in die Schule kommen. Jede Lehrkraft hat aber nur ein oder zwei Fächer in der Klasse. Dabei ein persönliches Verhältnis aufzubauen, ist schwer. Umgekehrt fallen einem als Lehrkraft gleich die Problemfälle auf: Aggressivität, Gewalttätigkeit, fehlende Konzentration, mangelnde Deutschkenntnisse, SchülerInnen, die sich nicht richtig ausdrücken können, fehlende Hausaufgaben, fehlende Unterrichtsmaterialien. Einige SchülerInnen müssten mehr unterstützt werden, um den Wechsel auf die Oberschule erfolgreich bewältigen zu können.

Aber bei den Klassenfrequenzen können die Lehrkräfte das nicht leisten. Der gesetzliche Förderauftrag der Gymnasien kann oft nicht umgesetzt werden – das Resultat ist verheerend: Auffällige und lernschwache SchülerInnen werden mit ihren Problemen allein gelassen.

Die Netten und die Schlimmen

Viele Lehrkräfte erwischen sich, wahrscheinlich ohne das zu wollen, beim Aussortieren. Die sieben schlimmsten SchülerInnen schickt man weg. Dann wird die 8. Klasse mit den 25 »Netten« für alle angenehmer. Oder nicht? Immer wieder wird aus den verschiedenen Bezirken von Diskussionen in den Kollegien berichtet, wer noch eine »pädagogische« 5 gibt oder wer noch seine 2 oder 3 zurücknimmt, die einen Ausgleich ermöglichen würden.

Obwohl Senatorin Scheeres bereits vor zwei Jahren angekündigt hat, in den Anfängerklassen der Sekundarschulen Plätze für »gescheiterte Gymnasiasten« freizuhalten, ist bislang nicht viel passiert. Im Gegenteil: Es ist sogar noch schlimmer geworden. So finden sich die ehemaligen Gymnasiasten jetzt an früheren Hauptschulen, heute ISS ohne gymnasiale Oberstufe, wieder.

Der Fehler liegt in dem Verständnis von Gymnasium als Aussortiermaschine. Diese Funktion wird der Schule freilich vom staatlichen Auftraggeber zugewiesen, der sich um die Umsetzung keine Gedanken macht: Ihr findet die »faulen Linsen« schon heraus. Eine Entwicklungsperspektive und das Vertrauen auf persönliche Potenziale werden hier zur Privatsache zwischen einzelnen engagierten Lehrkräften und ihren Schützlingen. Der Fehler liegt aber auch in der Einstellung der Eltern, die meinen, dass das Aussortieren die Bildungsqualität der Übriggebliebenen erhöhe.

Geld muss her

Das Gegenteil ist der Fall. Soziale Koope-ration nützt allen. Man muss sie nur orga-nisieren. Das Aussortieren erhöht nur das Gefühl, in der sozialen Selektion bestanden zu haben. Ein fataler Trugschluss für die weitere Schul-laufbahn. Die Lösung liegt ganz einfach in einer stark verringerten Frequenz der 7. Klassen an allen Schulen. Die Beratung der Eltern muss alle Möglichkeiten an den ISS aufzeigen. Und natürlich muss jede ISS auch eine gymnasiale Oberstufe anbieten können. Eine organisatorische Frage?

Nein, eine bildungspolitische, eine der Priorität! Wofür hat unser Staat freie Mittel: Krieg verbündeter Regime in der ganzen Welt, Unterstützung von allen möglichen staatlichen Aktionen gegen missliebige Opposition, Kreditgarantien für die ukrainische Regierung, Bankenrettung, Flughäfen.

Es scheint, dass die deutsche Regierung und ihre Länderabteilungen sich im Gegensatz dazu in Bildungsfragen am organisatorischen Minimum orientieren. Wenn ein paar Bundeswehrflugzeuge Risse haben, ist der Ruf nach Budgeterhöhungen fast re-flexartig. Mehr Geld für eine Schule mit Diätkur wird als Gewerkschaftsreflex empfunden und mit haushaltspolitischen Argumenten schnell zurückgewiesen.

Gute Bildungschancen für alle

Die RückläuferInnen erinnern alle Beteiligten an die Undurchlässigkeit des gegliederten Schulsystems. Jedoch wird uns ein hoch-politisches Problem als organisatorisches aufgezwungen. Die alte Idee des gegliederten Schulsystems, dass getrennte Kinder besser bei ihren Stärken und Schwächen gefördert werden, verschleiert nur die Vorbereitung auf eine geglie-derte Gesellschaft nach der Schule.