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Wie wird jemand zum Nazi-Massenmörder? Eine Antwort auf diese Frage hat der junge Berliner Historiker Jakob Saß gesucht.

15.07.2021 - von Helmut Krohne

Der Offizier der »Schutzstaffel« (SS)Adolf Haas befehligte das Lager Bergen-Belsen von seiner Gründung bis Ende 1944. In der Forschung war Haas als Täter bisher fast unbeachtet, denn er wurde als Kommandant vor Kriegsende abgelöst und tauchte nach Kriegsende nie wieder auf, obwohl er nach Zeugenaussagen wahrscheinlich überlebte.

Adolf Haas wird am 14. November 1893 in Siegen geboren. In Hachenburg, einem kleinen Ort im Westerwald, wächst er als Sohn eines Gasthausbesitzers auf. Er ist kein besonders guter Schüler und beginnt nach acht Jahren Schule eine Ausbildung zum Konditor. Nach der Ausbildung tritt er 1913 in die Kaiserliche Marine ein. Er dient in Cuxhaven in der »Marineartillerie-Abteilung Kiatschou«. Bei Kriegsbeginn 1914 ist er in Tsingtao, der Hauptstadt der deutschen Kolonie Kiatschou in China, stationiert. Der erfolgreiche Angriff japanischer und britischer Truppen beendet die Existenz dieser deutschen Kolonie. Für Adolf Haas ist damit der Erste Weltkrieg schnell zu Ende, er kommt in japanische Kriegsgefangenschaft.

Nach Kriegsende kehrt Adolf Haas nach  Deutschland zurück. Er selbst hat keinen Grund, mit seinem Schicksal zu hadern. Er heiratet 1922 in Hachenburg und erbt das Gasthaus. Politisch ungebildet wie viele seiner Zeitgenoss*innen, erklärt er sich die Niederlage im Ersten Weltkrieg durch eine bequeme Verschwörungstheorie: die Dolchstoßlegende. Linke und Juden hätten den tapferen deutschen Soldaten, der »im Felde unbesiegt« geblieben sei, hinterrücks verraten. Ein Märchen der Generäle Ludendorff und Hindenburg zur Ablenkung von eigener Schuld. Die deutsche Revolution von  1918 wird diskreditiert, es sind »Novemberverbrecher«, die die Weimarer Republik gründen.

Ökonomisch entwickelt sich die allgemeine und die persönliche Situation von Haas während der Zeit der Weimarer Republik negativ. Er verkauft das Gasthaus, versucht es mit Gelegenheitsjobs und als Bäcker. Viele Jahre lassen sich keine politischen Grundüberzeugungen erkennen. Das ändert sich nach der Reichstagswahl 1930, als die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) zweitstärkste Kraft wird – mit nur 18,3 Prozent der Stimmen. Die NSDAP gewinnt im Vergleich zur vorherigen Wahl 15,5 Prozent dazu, auf Kosten der SPD und der konservativen Parteien, der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und der Deutschen Volkspartei (DVP).

Für Haas Grund genug, auf dieses Pferd zu setzen: Am 1. Dezember 1931 tritt er in die NSDAP ein. Er hat begriffen, wer mit den Nazis geht, wird persönliche Vorteile haben. Er wird ein frühes Mitglied der SS, weil er gern zur Elite der Elite gehören möchte. Als Altmitglied, das zu jeder Gewaltanwendung bereit ist, stehen ihm alle Wege offen. Er wählt den Weg des Dienstes in Konzentrationslagern, erst an der Wewelsburg bei Paderborn, dann in Bergen-Belsen.

Der Historiker Jakob Saß hat deutlich herausgearbeitet, welche ökonomischen Vorteile es für Täter*innen hatte, sich an den Verbrechen zu beteiligen. Gewalt gegen Entrechtete wurde massiv belohnt und erhöhte noch die Gier der Gewalttäter*innen. Die »Gnade« des KZ-Kommandanten lag darin, dass er zum persönlichen Vorteil Günstlinge aus seinem Häftlingsumfeld für sich persönlich einsetzte: für seine private Schweinezucht, für Porträtmalerei von sich und seinen Offizieren und anderes.

Ab Jahresbeginn 1942 erhält Haas etwa 800 Reichsmark monatlich, das Durchschnittsentgelt im Reich liegt bei etwa 200 Reichsmark. Am Ende kommt Haas ungeschoren davon, seine Spur verliert sich in den letzten Kriegstagen. Er gehört zu den vielen Tätern, die nie zur Verantwortung gezogen wurden. Nur ein Prozent der mehrheitlich männlichen 500.000 NS-Täter sind verurteilt worden. Es ist an der Zeit, sich in Forschung, Unterricht und in der deutschen Erinnerungskultur wieder mehr mit Ideologie und Motivation der NS-Täter auseinanderzusetzen – leider. Reichskriegsflaggen vor dem deutschen Parlament senden dunkle Grüße aus der Vergangenheit in die Gegenwart, manche Wahlergebnisse auch. Das Werk von Jakob Saß liefert auf der Basis fundamentaler Kleinarbeit mit 903 Anmerkungen und einem beachtlichen Quellen- und Literaturverzeichnis eine tragfähige Grundlage für diese notwendige Arbeit – und ist zudem gut lesbar.      

Das Buch »Gewalt, Gier und Gnade: Der KZ-Kommandant Adolf Haas und sein Weg nach Wewelsburg und Bergen-Belsen« von Jakob Saß ist im Vergangenheitsverlag erschienen, umfasst 288 Seiten und kostet 19,99 €.