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TendenzenGroßwerden auf der Leinwand

Über die Jugendfilme der 70. Berlinale.

15.05.2020 - von Joshua Schultheis

Das Problem des Erwachsenwerdens stellt sich überall auf der Welt auf ähnliche Weise. Davon zeugen die diesjährigen Wettbewerbsfilme der Sektion Generation der 70. Berlinale. Junge Regisseur*innen zeigen hier die Geschichten junger Protagonist*innen. In dutzenden Film-Beiträgen aus aller Welt sehen wir Kinder und Jugendliche, deren Konflikte sich immer zwischen denselben Polen bewegen: zwischen Tradition und westlichem Lebensstil, zwischen Hedonismus und Bürgerlichkeit, zwischen Lust und Moral, zwischen Freiheit und Familie, Hass und Solidarität. Stellvertretend für ein großartiges Programm, sollen im Folgenden vier besonders herausragende Filme des Wettbewerbs vorgestellt werden.

In Notre-Dame du Nil versetzt uns der Regisseur Atiq Rahimi in das Ruanda des Jahres 1973, wo Schamanismus, Katholizismus und Rassismus aufeinanderstoßen. In einem Mädcheninternat für die Töchter der Landeselite zeichnet sich der Konflikt, der 20 Jahre später zum Völkermord führen wird, bereits ab. Während sich Veronika, eine Tutsi, von dem Märchen der rassischen Überlegenheit ihres Volkes berauschen lässt, schürt Gloriosa unter ihren Mitschülerinnen im Namen der Hutu-Mehrheit den Hass auf die Tutsi-Minderheit. Die anderen Mädchen, eigentlich frei von nationalistischem Wahn, sehen sich gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden. So wird der Zusammenhalt unter den Schülerinnen und die Unbeschwertheit ihrer Jugend von einer kolonialistischen Rassenideologie zerstört. 

Das Leben der 11-jährigen Aminata befindet sich in einer scheinbar unauflösbaren Zwickmühle. In Maïmouna Doucourés Mignonnes geht es um das Kind einer senegalesischen Familie, das in ihrem neuen Wohnort Paris hin- und hergerissen ist zwischen zwei Lebenswelten, die so gar nicht miteinander vereinbar sind. Auf der einen Seite ein strenger Islam, der für Aminata nur die Aussicht bereithält, so früh wie möglich zu heiraten und sich ihr Leben lang mit schweren Stoffen zu verhüllen. Auf der anderen Seite die hypersexualisierte Youtube- und Dance-Kultur ihrer Mitschülerinnen, in der man nie zu jung sein kann, um sich dünn bekleidet mit unzweideutigen Gesten auf dem Boden zu räkeln. In keiner der beiden Welten scheint Aminata wirklich glücklich zu sein und so stellt sich die Frage, ob es für sie eine dritte Möglichkeit, zwischen den Extremen, geben kann.

Das scheinbar gemäßigte Leben der Mittelschicht wird in La déesse des mouches à feu der franco-kanadischen Regisseurin Anaïs Barbeau-Lavalette wiederum in Frage gestellt. Cat ist die Tochter von gut situierten Eltern, die für ihr Kind nur das Beste wollen. Als Rollenvorbilder taugen sie jedoch nicht, sind sie doch todunglücklich und voller Frust und Wut. Kein Wunder also, dass sich Cat mit ihren 16 Jahren vom bürgerlichen Leben nicht sehr angezogen fühlt und stattdessen die Ekstase sucht. Diese findet sie in einem neuen Freundeskreis – und in Drogen. Während Cat sich von ihren Eltern immer weiter entfremdet, zeigen sich auch bald die Schattenseiten des Drogenmissbrauchs. 

Noch schlechter kommen die Erwachsenen in Sweet Thing von Alexandre Rockwell weg. Die Bezugspersonen der Geschwister Nico und Billie sind bestenfalls Alkoholiker und schlimmstenfalls Alkoholiker und Kinderschänder. Verlassen können sich die beiden nur aufeinander und nehmen schließlich Reißaus, um als Vagabunden die USA von Nord nach Süd zu durchqueren. Auf ihrem Weg begleitet sie Malik, ebenfalls minderjährig und allein deshalb schon vertrauenswürdig. Die Drei lernen, dass gegen die Falschheit und Gewalt der Großen nur eines hilft: die Solidarität unter den Kleinen.     

Die Filme Notre Dame du Nil und Sweet Thing wurden jeweils mit einem Gläsernen Bären ausgezeichnet. Der Favorit des Autors, La déesse des mouches à feu, ging dagegen leer aus.