GEW - Berlin
Du bist hier:

GewerkschaftGute Forschung und Lehre braucht eine durchdachte Personalpolitik

Das Prinzip »Hire & Fire« darf nicht zum Wegfall des Wissenschaftlichen »Mittelbaus« führen.

16.03.2020 - von Christine Körner

Seit dem Frühjahr 2019 machen Wissenschaftler*innen im Zuge der Kampagne »Frist ist Frust« verstärkt auf die schlechten Arbeitsbedingungen an deutschen Hochschulen aufmerksam. Die Kampagne wird von der GEW, ver.di und dem Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) getragen und von weiteren wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Akteur*innen unterstützt. Die aktuelle Debatte zur Bayreuther Erklärung möchte ich zum Anlass nehmen, aufzuzeigen, wie die Auswirkungen der Befristungspraxis an den Hochschulen ihrem selbsterklärten Ziel, nämlich gute Lehre und Forschung zu ermöglichen, entgegenwirkt. In der bisherigen Diskussion wird viel über die Ausbildung der Studierenden und weiterer Fachkräfte gesprochen und darüber ausgeblendet, dass Hochschulen auch durch Forschung eine sehr wichtige gesellschaftliche Aufgabe übernehmen. Die Bayreuther Erklärung thematisiert beispielsweise vor allem den universitären Auftrag als Qualifizierungssystem und beachtet seine Bedeutung als unabhängige Forschungseinrichtung nicht, deren Auftrag die Befristungspraxis entgegenwirkt.

Wichtige Forschungserfahrung geht verloren

An den Hochschulen ist das Prinzip »Hire & Fire« personalpolitisch inzwischen die Regel, wodurch wichtige Forschungserfahrung regelmäßig verloren geht. Da kontinuierlich junge Menschen ihr Studium abschließen und Forschung für viele ein begehrtes Arbeitsgebiet ist, ist es für die Hochschulen leicht, Stellen mit jungen Absolvent*innen zu besetzen und zu vermeiden, langjährige Mitarbeiter*innen mit unbefristeten Verträgen zu halten. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz bestärkt dabei dieses Vorgehen. Folge dieser Politik ist, dass neben den wenigen Professor*innen an den Universitäten vor allem junge Menschen lehren und forschen, die noch über wenig oder keine Berufserfahrung verfügen. Dabei ist für eine gute Ausbildung der Studierenden gerade die Verknüpfung von Forschungserfahrung mit der Lehre von hoher Bedeutung. Insbesondere bei der Anfertigung von Qualifikationsarbeiten ist der Einbezug der Kompetenzen und Erfahrungen von erfahrenen Wissenschaftler*innen wesentlich und bedeutet einen Zugewinn an Tiefgang der Forschung. Doch statt das Wissen und die Kompetenzen erfahrener Wissenschaftler*innen zu nutzen und in die Ausbildung der Studierenden und Promovierenden einfließen zu lassen, ist es üblich, dass ein Teil der Wissenschaftler*innen nach nur wenigen Jahren die Hochschulen verlässt, um befristete Verträge und unsichere berufliche Perspektiven zu meiden. Unverständlich ist in diesem Zusammenhang die zunehmende Förderung außeruniversitärer Forschung und damit zusammenhängend die Entkopplung von Forschung und Lehre. Drittmittelbeschäftigte haben häufig keine Lehrverpflichtung, weswegen ihre Expertise nicht regulär in die universitäre Ausbildung einfließt.

Doch die prekären Arbeitsverhältnisse haben noch weitere Folgen. Prekär Beschäftigte haben kaum Gründe, sich langfristig an einem Hochschulstandort oder einer Hochschule zu engagieren. Eine Person die nicht weiß, ob sie im nächsten Jahr noch ihre Mitarbeiter*innenstelle innehat, wird kaum langfristige Projekte anstoßen, deren Abschluss sie womöglich nie erleben wird. Die Betreuung und längerfristige Begleitung von Studierenden sowie die Selbstverwaltung der Hochschulen bleibt entweder den wenigen (un)befristeten Angestellten (auf Kosten ihrer eigenen Forschung) überlassen oder erfolgt unbezahlt außerhalb der letzten Anstellung. Dazu kommen weitere Personengruppen, die zwar Lehr- und andere Aufgaben an der Hochschule übernehmen, in der Regel aber nicht regulär zum Hochschulpersonal zählen, wie Lehrbeauftragte, Privatdozierende und (wissenschaftliche) Hilfskräfte. Auch sie übernehmen zum Teil unentgeltlich Betreuungsaufgaben der Studierenden, können sich häufig aufgrund ihres Status’ nicht in der Selbstverwaltung engagieren oder unterlassen es schlicht aufgrund ihrer lediglich losen Verbindung zur Hochschule.

Die Hochschulen in Deutschland und Europa stehen vor großen Herausforderungen. Wachsende Studierendenzahlen, höhere Heterogenität der Studierenden, Forschung und Lehre in einer globalisierten Welt mit starker Konkurrenz. Derzeit wird dem durch Investitionen in Forschung und einer Förderung von »Spitzenforschung« begegnet. Konkret heißt das für die meisten Hochschulen: Drittmittel- und Projektstellen anstatt Grundfinanzierung und befristete Arbeitsverträge für den Mittelbau anstatt langfristige Personalplanung. So soll ein Wettbewerb geschaffen werden, in dem sich die schein-bar »klügsten Köpfe« für wenige Leitungspositionen qualifizieren. Tatsächlich sind die prekären Arbeitsbedingungen aber vor allem für jene von Vorteil, die über die größten Ressourcen verfügen. Wer über Vermögen oder eine*n Partner-*in mit hohem Einkommen verfügt, kann auch Zeiten der Nichtbeschäftigung entspannter begegnen und im Zweifel auf eigene Kosten weiter forschen. Personen, die dank einer soliden Gesundheit und Kinderlosigkeit keine Ausfallzeiten haben, können mehr publizieren und haben mehr Zeit für Forschung. Für andere Beschäftigte, wie beispielsweise Bildungsaufsteiger*innen, sind diese Rahmenbedingungen dagegen hinderlich. Ist ein gesicherter beruflicher Weg wichtig, entscheiden sich beispielsweise Frauen mit Kinderwunsch oder Menschen mit einer chronischen Krankheit im Zweifel trotz größter Begabung eher gegen eine Wissenschaftslaufbahn.

Rahmenbedingungen für gute Forschung und Lehre

Die universitäre Forschung und Lehre ist für die Gesellschaft ein hohes Gut und von zentraler Bedeutung. Für gute Forschung und Lehre brauchen Wissenschaftler*innen entsprechende Rahmenbedingungen, um sich intensiv und langfristig mit Spezialthemen auseinanderzusetzen und Studierende nachhaltig auszubilden und zu fördern. Deswegen soll-ten Strukturen so geschaffen werden, dass sie statt Unsicherheit und prekärer Beschäftigung, Kooperation und langfristige Zusammenarbeit fördern. Statt eine Politik des »Hire & Fire« braucht es berufliche Perspektiven für alle Beschäftigte und damit eine Wertschätzung individueller Begabungen, Erfahrungen, Kompetenzen und Lebenslagen. Die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen an Hochschulen befördern dagegen vor allem soziale Ungleichheiten.

AUSBAU DER BEFRISTUNG
Auf einer Tagung im Herbst 2019 hat sich die Versammlung der Kanzler*innen der Universitäten Deutschlands im Zusammenhang mit der Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes in ihrer »Bayreuther Erklärung« für einen Erhalt und einen Ausbau der Befristungspraxis in der Wissenschaftspraxis
ausgesprochen. Die Kanzler*innen fordern bei der Diskussion über befristete Beschäftigungsverhältnisse im wissenschaftlichen Mittelbau »den Erhalt und
die Entwicklung von Befristungsmöglichkeiten für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen«; das Beschäftigungssystem der Universitäten sei »primär ein Qualifizierungssystem«.