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Die COVID-19 Pandemie stellt Erstsemester dieses Jahr vor besondere Herausforderungen. Sie verstärkt die üblichen Schwierigkeiten, wie die Suche nach einer Unterkunft und einem Nebenjob, und vergrößert die soziale Ungleichheit.

06.10.2020 - von Leonie Ackermann

Der Einstieg ins Studium ist für viele aufregend. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, in dem man sich ganz dem Fach seiner Wahl widmen kann, ein Abschluss soll neue Wege eröffnen – doch nicht nur die COVID-19 Pandemie und die daraus resultierende Wirtschaftskrise sorgen dafür, dass Erstis im Wintersemester 2020/21 eher mit Bangen als in freudiger Erwartung in die Zukunft blicken. Natürlich war auch vor Corona nicht alles tutti für Studierende im ersten Semester.

Gerade zum Start jedes Wintersemesters suchen zahlreiche Erstsemester*innen eine Wohnung, einen Nebenjob und warten auf ihren BAföG-Bescheid. Nicht nur bezahlbarer Wohnraum ist in den Hochschulstädten knapp, vielerorts können Studierende froh sein, überhaupt etwas zu finden. So begann das Studium in den letzten Jahren häufig in der Notunterkunft, bei Bekannten oder Fremden auf dem Sofa.

Diesen Oktober wird sich dieses Bild wahrscheinlich drastisch verändern. Denn Notunterkünfte, wie es sie zum Beispiel in Frankfurt am Main in der Vergangenheit gab, scheinen unter Gesichtspunkten des Infektionsschutzes nur mit großen Einschränkungen möglich. Auch die Bereitschaft, Fremde am Anfang des Semesters auf der eigenen Couch unterzubringen, dürfte deutlich gesunken sein. Praktisch bedeutet dies, dass der Geldbeutel mehr denn je entscheidet, ob ich mein erstes Semester überhaupt an meinem Studienstandort verbringen kann, und damit, ob ich Zugriff auf die Infrastruktur vor Ort habe. Zu dieser Infrastruktur zählt beispielsweise kostenloses WLAN, Bibliotheken, günstiges Essen in Mensa und Cafeteria, Labore und Übungsräume.

Natürlich, das kommende Wintersemester soll hybrid werden und daher wird es auch für Erstsemester, die keinen bezahlbaren Wohnraum an ihrem Studienstandort finden, möglich sein, an Lehre teilzuhaben. Doch auf die oben genannte Infrastruktur verzichten zu müssen, möglicherweise keinen adäquaten Lernraum zur Verfügung zu haben und der fehlende soziale Anschluss an Kommiliton*innen wird für viele Erstsemester eine große Herausforderung werden. Denn Lernen ist auch ein sozialer Prozess und der Austausch mit einer Sitznachbarin in der Veranstaltung, der Besuch bei der Fachschaft und die gemeinsame Erarbeitung von Übungsblättern und Präsentationen haben entscheidenden Einfluss auf den Studienerfolg.

Doch all diese Probleme werden noch überschattet von den finanziellen Sorgen, denen Erstsemester zu Studienbeginn ins Auge blicken müssen. Die wohl bekannteste Art der Ausbildungsförderung in der Bundesrepublik, für die sich Deutschland auch gerne international als besonders sozial fortschrittlich rühmen lässt, ist das BAföG. Die Defizite der BAföG-Förderung sind von Seiten der GEW, des freien zusammenschlusses von student:innenschaften (fzs) und weiteren bildungspolitischen Akteur*innen in der Vergangenheit immer wieder scharf kritisiert worden. Zu wenige können durch die realitätsfernen Regelungen überhaupt von der Ausbildungsförderung profitieren.

Außerdem dauert die Bearbeitung der Anträge, die jedes Jahr neu gestellt werden müssen, häufig so lange, dass Förderlücken entstehen. Die ausstehende Summe wird zwar nachgezahlt, aber Studierende müssen möglicherweise ein oder zwei Monate ohne Förderung überbrücken. Gerade am Anfang des Studiums auf den Förderbescheid zu warten, kann für Erstis zur Geduldsprobe werden und sie in finanzielle Bedrängnis bringen. Wie sich die Bearbeitungsdauer der BAföG-Anträge aufgrund der Pandemie und der Überlastung der Kapazitäten der Studierendenwerke durch die Anträge auf Überbrückungshilfe entwickeln wird, ist bislang nicht abzusehen. Eine Beschleunigung des Verfahrens erscheint allerdings unwahrscheinlich.

Unabhängig davon kann nur ein bedarfsdeckendes BAföG als Vollzuschuss für alle, unabhängig von Alter, Studiendauer, Herkunft und familiärer Hintergrund, vielen Studierenden die Möglichkeit geben, ihr Studium sorgenfrei zu absolvieren, sowie einigen überhaupt erst über ein Studium nachzudenken. Die Maßnahmen der letzten BAföG-Reform können das nicht leisten. Die geplanten Erhöhungen kommen zu spät, fallen zu gering aus und erreichen zu wenige. Besonders zu Beginn des Studiums, wenn Umzugskosten, Lehrmaterialien und Kaution fällig werden, zeigt sich die Fehlkonstruktion des BAföG.

Für ein gutes, selbstbestimmtes Leben und Lernen reicht das Geld nicht. Studierende müssen sich die Semesterbeiträge und nötige Anschaffungen vom Mund absparen, die Förderung ist nicht ausreichend, um die stetig steigenden Mieten zu bezahlen. Studierende zu fördern bedeutet daher auch sozialer Wohnungsbau, eine funktionierende Mietpreisbremse, bedarfsdeckender Ausbau und Sanierung von Wohnheimplätzen, die Unterstützung von alternativen Wohnkonzepten und die Enteignung von Leerstand und Spekulationsobjekten.

Da das BAföG die steigenden Lebenshaltungskosten nicht ausreicht auffängt, braucht es die Eltern und Erwerbsarbeit der Studierenden, um finanzielle Lücken zu kompensieren. Doch diese beiden wichtigen Säulen wackeln durch die Pandemie stark. Zahlreiche Studierendenjobs in der Gastronomie und im Service sind weggefallen. Auch an Hochschulen wurden studentische Stellen im Stundenumfang reduziert oder ganz gestrichen.

Zudem sind auch in vielen Fällen die Eltern in finanzielle Bedrängnis geraten und nicht in der Lage, weiterhin für die Ausbildung ihrer Kinder aufzukommen oder diese zu unterstützen. Für Erstsemester bleiben damit nur noch wenige Optionen. Sie können sich auf ein Stipendium bewerben oder einen Studienkredit aufnehmen. Bei einer Bewerbung für ein Stipendium ist der Erfolg häufig nicht absehbar – Planungssicherheit sieht anders aus. Kredite haben diesen Nachteil nicht, allerdings schreckt die Verschuldung viele ab, vor allem Studieninteressierte aus nicht-akademischen Haushalten. Dementsprechend stehen Erstis hier vor schwierigen Abwägungen, und es würde mich nicht wundern, wenn viele vor einer Einschreibung im kommenden Wintersemester zurückschrecken.