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Queer DenkenHilfe, wir haben queere Menschen unter uns

Schulsozialarbeit kommt eine wichtige Rolle für die Erarbeitung einer gemeinsamen schulischen Praxis geschlechtlicher Vielfalt zu.

 

07.05.2020 - von Stefan Hierholzer

In der Schule kommen Menschen aus verschiedenen Ethnien, Milieus, Schichten und kulturellen Hintergründen zusammen. Kurz gesagt: Schule ist ein pluraler Ort. Die aktive Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben ist durch die Schule zu fördern. Diese, vom Gesetzgeber geforderte Teilhabe ist aber nicht durchgängig für alle am Schulleben Beteiligten gleichermaßen möglich. Für queere Personen liegt das unter anderem an den heteronormativen Lebensgewohnheiten der Allgemeinbevölkerung. Das meint, dass Heterosexualität die Norm darstellt und als Lebensstandard verstanden wird.

An einem Beispiel wird die Wirkungsmacht von heteronormativen Standards deutlich. Paul, 16 Jahre, wird von seinem Onkel gefragt, ob er schon eine Freundin hat. Der Onkel geht automatisch davon aus, dass Paul heterosexuell sein muss. Paul, der vielleicht gar nicht heterosexuell orientiert ist, kann durch diese Frage in eine unangenehme Situation geraten und sich zum Outen gezwungen fühlen. Pauls Patenonkel hätte schlicht eine Brücke bauen können, indem er gefragt hätte: »Na Paul, wie sieht's aus, bist du schon vergeben?«
Das eigentliche Problem besteht nicht in der Existenz von Heteronormativität, sondern im Konglomerat von heteronormativer Annahme und Abwertungsmechanismen des »Andersseins«. Knapp ein Drittel der Bundesbürger*innen stimmen der Aussage zu, dass sie gleichgeschlechtlich liebende Menschen nicht beim Küssen sehen wollen. Zeitgleich ist »schwul« beziehungsweise »Schwuchtel« immer noch eines der häufigsten Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen. Dieser Umstand fördert nicht gerade ein Miteinander. Denn die hinter diesen Begriffen liegenden Beleidigungen wiegen schwer, da sich Kinder und Jugendliche in schulischen Kontexten zumeist in der Pubertät und damit in der Selbstfindung befinden. Jene, die sich nicht den so mit-geprägten Normen unterwerfen, können verunsichert werden oder sich nicht zugehörig fühlen. Wie weit diese Verunsicherung geht, zeigen Studien, die auf eine bis zu achtfach erhöhte Selbstmordrate bei queeren Jugendlichen verweisen. 

Queere Lebensweisen sind im schulischen Kontext häufig direkten Anfeindungen ausgesetzt oder sie sind unsichtbar und damit tendenziell von kultureller Teilhabe ausgeschlossen. Gerade der Umstand nicht vorzukommen und damit unsichtbar zu sein, stellt sich als äußerst prekär für die betroffenen Kinder und Jugendlichen dar. Auch im unterrichtlichen Kontext findet ihre Art zu leben und zu lieben kaum Anklang. So zeigt eine Untersuchung der GEW, dass queere Lebensweisen in Schulbüchern höchst marginal vorkommen. Unsichtbar machen ist ebenfalls eine Form heteronormativer Machtrepräsentation. In Studien wird deutlich, dass sich queere Jugendliche oft einsam und alleine fühlen, da in ihrer näheren Umgebung scheinbar keine gleichgesinnten Personen anzutreffen sind. 

Queere Menschen sichtbar machen

Entscheidend ist, dass sowohl Lehrende als auch Schulleitungen nicht wegsehen, wenn die Würde des Einzelnen herabgewürdigt oder ganze Personengruppen unsichtbar gemacht werden. Ein Klima des Respektes und der Anerkennung von Diversität muss gelernt werden. Zu begreifen, dass Vielfalt keine Bedrohung, sondern Bereicherung ist, muss trainiert und letztlich durch die Akteur*innen der Schule verinnerlicht werden.

Laut Schulgesetz liegt die Verantwortlichkeit für alle schulischen Belange bei den Schulleitenden. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass alle am Schulleben beteiligten Personen gleichwertige Chancen zur Teilhabe und Sichtbarkeit im schulischen Kontext haben. Die Schulleitungen sind selbstverständlich nicht alleine bei der Bewältigung des Schulalltages. 

Im Gegensatz zu den Lehrenden hat Schulsozialarbeit die Möglichkeit, Lernende ohne Leistungsbeurteilung kennenzulernen. Die stärkere Gleichwertigkeit der Akteur*innen nimmt erste Berührungsängste. Schulsozialarbeit kann eine Schlüsselposition in der Erarbeitung einer gemeinsamen schulischen Praxis in Bezug auf geschlechtliche Vielfalt einnehmen. Sie ist eine mögliche Stütze, dem Auftrag gleichwertiger Lebensbedingungen für alle gerechter zu werden.

Schulsozialarbeit unterstützt Lehrkräfte
 
Damit dies gelingen kann, bedarf Schulsozialarbeit einer strukturellen Aufstellung und Implementierung in den Schulalltag. Schulsozialarbeit muss als Teil der Schulgemeinschaft und nicht als »Sonderangebot« wahrgenommen werden. Und sie muss eine eigene, in das gesamtschulische System eingelassene Konzeption formulieren können. 

Die Teilnahme an Lehrendenkonferenzen, an gesamtschulischen Teams und an Fort-, Aus- und Weiterbildung gemeinsam mit den Lehrenden ist dabei unerlässlich, damit auch Lehrende Kontakt zur Schulsozialarbeit bekommen. In der Konzeptionierung der Schulsozialarbeit müssen klare pädagogische Angebote und Grundhaltungen für alle am Schulleben Beteiligten erkennbar sein. So gehören zu einer Konzeption auch die Implementierung des Umgangs mit verschiedenen Formen der Sexualität und von Aufklärungsangeboten, die Vernetzung zu außerschulischen Akteur*innen wie zum Beispiel Pro-Familia, Beratungsangebote für Lehrkräfte in Bezug auf Mobbing oder Homophobie in ihrer Klasse, Angebote für Sorgeberechtigte, deren Kinder sich im Outing befinden oder die Teilnahme an Aktionen gegen Homo- und Transphobie, gegen Rassismus und Ausgrenzung weiterer Minoritäten. 

Die Schulsozialarbeit kann auch dabei unterstützen, direkte Aufklärung in den Schulklassen zu organisieren. Auch das gemeinsame Untersuchen von Unterrichtsmaterial auf Geschlechts- und Queer-Sensibilität ist sinnvoll. Es können Poster und Plakate öffentlich aushängt werden, die das Thema Homo- und Transphobie sowie gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit thematisieren.

Häufig sind Lehrkräfte im Bereich der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt verunsichert, was sie pädagogisch tun können. Die wenigsten Lehrkräfte werden während ihres Studiums auf diese Fragen vorbereitet. Dies gilt im besonderen Maße für Quereinsteiger*innen. Hier kann Schulsozialarbeit neben der Arbeit mit den Lernenden ebenfalls ansetzen. Die Schulsozialarbeitenden können aufgrund ihrer Ausbildung Lehrkräfte anleiten. Sie könnten zum Beispiel im Rahmen von Schulentwicklungstagen zur Thematik der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt ihre Fach- und Methodenkenntnisse weitergeben. Weniger aufwändig könnten sie mit Lehrkräften gemeinsam überlegen, an welchen Stellen Unterricht queer-sensibel sein kann. So könnten beispielsweise Schulaufgaben auch einmal nicht heterosexuelle Rollenbilder thematisieren und damit einen Gesprächsanlass für den Unterricht bieten. Die Frage, wie nicht heterosexuelle Lehrkräfte dies im Unterricht thematisieren könnten, wäre ein Thema, das gemeinsam mit Schulsozialarbeitenden pädagogisch thematisiert und reflektiert werden könnte.    

Hierholzer, S. (2016): KompaktWISSEN Sexualpädagogik für sozialpädagogische Fachkräfte: Von Krippe bis Jugendhaus. Handwerk und Technik
 

queer Heute bezeichnen sich viele Menschen als queer, die in ihrer sexuellen Orientierung und/oder ihrer Geschlechtsidentität von der Norm abweichen und sich nicht in die vorgegebenen Schubladen – wie Mann oder Frau, heterosexuell oder homosexuell – einordnen wollen oder 
können.

genderqueer/ nicht-binär Genderqueer ist eine Geschlechtsidentität. Genderqueere Menschen identifizieren sich weder als männlich, noch als weiblich, sondern dazwischen oder ganz anders.