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bbz 11 / 2017Homophobie unter dem Deckmantel von Datenschutzbedenken

Ein vermeintlicher Skandal um die Senatsstudie zur Lebenssituation von LSBTIQ*-Schüler*innen erregte die Gemüter. Ein Kollege aus der AG Schwule Lehrer der GEW BERLIN weist die Kritik zurück.

01.11.2017 - Martin Helbig

Datenschutz ist ein sensibles Thema und da sollte stets genau hingesehen werden. Dem Berliner Senat wurde im September von diversen Medien fahrlässiges Verhalten im Umgang mit den Daten einer Studie zum Thema Vielfalt an Berliner Schulen vorgeworfen. In dieser Studie wird erstmals die Situation von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgeschlechtlichen, intergeschlechtlichen und queeren (lsbtiq*) Jugendlichen untersucht. Daraufhin meldeten sich einige Berliner Publizist*innen und Politiker*innen zu Wort, der Senat wolle mit der Studie nach der sexuellen Orientierung der Lehrkräfte fragen und betreibe »Sex-Schnüffelei«. Die in verschiedenen Medien aufgeworfene Kritik an der Studie ist inhaltlich nicht haltbar und wird von der GEW BERLIN klar zurückgewiesen.

Mit der freiwilligen und anonymen Berliner Schulstudie zur Lebenssituation von lsbtiq*-Schüler*innen gibt es kein Datenschutzproblem, das ist inzwischen von der Berliner Datenschutzbeauftragten geprüft worden. Die Arbeitsweise der Wissenschaftler*innen Meike Watzlawik und Ulrich Klocke sei in höchstem Maße transparent und entspreche üblichen wissenschaftlichen Standards. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, das Vorgehen der Wissenschaftler*innen in Zweifel zu ziehen.

Schwul-sein bitte nur heimlich

Die Vermutung, dass es dabei gar nicht um den Datenschutz geht, sondern der Inhalt der Studie der Anlass für die Empörung war, ist nicht von der Hand zu weisen. Harald Martenstein und ein hinreichend großer Teil der Gesellschaft scheinen immer noch ein Problem mit der Thematisierung und Normalisierung von Queerness zu haben. Dies zeigen die Überschriften in den Tageszeitungen, die die Studie, in der es gar nicht um Sexualität geht, stark sexualisieren. Von Betten- und Sex-Schnüffelei war da zu lesen. So als wäre die anonym und freiwillig gegebene Information, ob jemand schwul, lesbisch, bi oder hetero sei, gleichzusetzen mit der direkten Frage nach sexuellen Vorlieben oder Praktiken im Personalgespräch.

Ganz nebenbei sendet der Auslöser der Kampagne ein falsches Signal: Unter dem Vorwand des Schutzes der Privatsphäre wird suggeriert, dass die Information, ob eine Person lesbisch, schwul oder bi ist, eine ganz besonders sensible Information sei und am besten verheimlicht werden sollte. Fazit: Lesbische, schwule und bisexuelle Lehrkräfte, bleibt im Schrank! Eure Arbeitgeber*innen dürfen das nicht wissen. Keine angemessene Botschaft in Zeiten der »Ehe für alle«.

Die laufende Studie ist die erste, die die konkrete Situation von LSBTIQ*-Jugendlichen in der Schule untersucht und Lehrkräfte dazu befragt. Endlich wird es aussagekräftige Daten dazu geben, wie es Jugendlichen vor, im oder nach ihrem Coming-Out an dem Ort ergeht, an dem sie den größten Teil ihrer Zeit verbringen. Seit fast 40 Jahren hat die AG Schwule Lehrer der GEW dafür gekämpft, dass Schule zu einem Ort wird, an dem sich alle Schüler*innen wohl fühlen können und sicher sind vor Diskriminierung, auch lsbtiq*-Schüler*innen.

Seit wenigen Jahren ist die Senatsbildungsverwaltung bereit, dies anzuerkennen und wird aktiv. Die Lehrkräfte, die an der Untersuchung teilnehmen, werden von den Wissenschaftler*innen persönlich mit der Studie vertraut gemacht und es wurde ihnen deutlich kommuniziert, dass alle Daten anonymisiert, personenbezogene Daten nicht weitergegeben werden und die Teilnahme freiwillig ist und jederzeit abgebrochen werden kann. Selbstverständlich ist das Ziel der Studie, Strategien zu erarbeiten, die die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der Schule fördern. Dass dieses Ziel vielen Menschen in dieser Gesellschaft immer noch ein Dorn im Auge ist, ist vielmehr der Grund für die große Empörung.

Noch im Mai hat Klocke in einem Interview im Deutschlandfunk Nova verdeutlicht, dass Homophobie heute oft nicht mehr offen geschieht, sondern viel subtiler ist. Genau das erkennen aufmerksame Beobachter*innen im Vorgehen der Gegner*innen bei dieser Studie. Würde Hildegard Bentele, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, die als einzige Partei seit dieser Legislatur keine*n queerpolitische*n Sprecher*in mehr hat, direkt fordern, dass LSBTIQ*-Themen in der Schule keine Rolle spielen sollen, würde sie selbst bei Teilen ihrer eigenen Partei auf Gegenwind stoßen. Somit wird ein lächerlicher Schein-Anlass genutzt, um ihre homophobe Klientel zu bedienen.

Keinen Fußbreit den Reaktionären

Wie absurd der Vorwurf an die Landesregierung ist, sie würde wissen wollen, welche Lehrkräfte nicht heterosexuell sind, wird deutlich durch die 2010 in Kraft getretene Initiative Sexuelle Vielfalt. Mit dieser war Berlin das erste Bundesland, das LSBTIQ*-Lehrkräften Unterstützung zusichert, wenn diese wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden.

Die Erfolge der letzten Jahre in Bezug auf die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sind fragil, was die Auseinandersetzungen mit dieser Studie wieder einmal zeigen. Nur wenn alle politischen und gesellschaftlichen Akteur*in-nen in diesem Punkt an einem Strang ziehen, kann sichergestellt werden, dass die Akzeptanzschraube nicht zurückgedreht wird.


Dieser zuerst bei Siegessaeule.de erschienene Kommentar wurde für die bbz leicht verändert. Wir danken der Siegessäule-Redaktion für die Genehmigung zum Zweitabdruck.