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bbz 12 / 2019»Ich bin eine von denen«

Eine Zeitzeugin erzählt Schüler*innen der Berliner Robert-Jungk-Oberschule von ihrem Überleben des Holocaust

05.12.2019 - Joachim Zeller

»Ich bin eine von denen«. Mein Kollege und ich schauen verdutzt auf. Die Dame lächelt uns an. Wir kommen ins Gespräch. Sie sagt, sie würde es nicht allzu oft sehen, dass Leute sich über die hier in Wilmersdorf in großer Zahl liegenden Stolpersteine beugen, um die Inschriften zu lesen. Sie stellt sich vor und erzählt, eine Überlebende des Holocaust zu sein. Wir schauen gemeinsam auf einen der gerade erst vor dem Wohnhaus in der Emserstraße 19/20 neu verlegten Stolpersteine. Unter den dort erinnerten Juden und Jüdinnen, die entweder in Lagern wie Theresienstadt, Treblinka und Auschwitz ermordet oder zur »Flucht in den Tod« gezwungen wurden, erscheint auch eine Frau namens Gerda Bergmann. Ihr gelang im Jahr 1939 die Flucht nach Australien.

Und nun steht plötzlich jemand vor uns, der ebenfalls zu den wenigen Juden gehört, die den Nationalsozialisten entkommen konnten. Ich ringe um Fassung und frage die Dame, ihr Name ist Elisabeth Ostrowiecki, ob sie nicht bereit wäre, unsere Schule zu besuchen, an der ich als Geschichtslehrer arbeite. Sie müsse unbedingt in meiner Klasse von ihrem Leben berichten. Zu meiner großen Freude willigt sie ein und so kommt es tatsächlich zu einem Besuch an der Robert--Jungk--Oberschule, die nur einen Steinwurf weit entfernt liegt. Der Namensgeber Robert Jungk ist ebenfalls ein Überlebender des Holocaust gewesen. Als säkularer Jude entging er dem NS-Genozid in der Schweiz. Im Jahr 1942 hatte Jungk von den Deportationen und dem Massenmord erfahren und wollte sich deshalb sogar das Leben nehmen. Als Publizist, Zukunftsforscher, Umwelt- und Friedensaktivist sollte er später Berühmtheit erlangen.

Einige Wochen später und nach einem Vorgespräch kommt Frau Ostrowiecki in meine 10. Klasse, in der wir uns gerade intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigen. Eine Recherche zu den Stolpersteinen in der Emserstraße gehört ebenso dazu, wie etwa ein Besuch in der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg. Die Schüler*innen bilden einen Stuhlkreis und Frau Ostrowiecki nimmt den Ehrenplatz am Kopf der Runde ein. Was sie über ihr Schicksal erzählt, erscheint unfassbar, nach allem was über die Verfolgung der Juden im »Dritten Reich« bekannt ist.

Geboren wurde sie im Jahr 1940 in Warschau, also während der deutschen Besatzung Polens. Ihre gesamte Familie hat den Krieg und die Verfolgungen überlebt, hebt sie eingangs hervor. Während ihr Vater nach Russland flüchtete, hätte ihr Großvater ihnen, also ihrer Mutter, deren Schwester, ihrer zwei Jahre älteren Schwester und ihr, gefälschte Pässe mit dem nicht jüdisch klingenden Namen Adamski besorgt. Damit konnten sich die beiden Frauen und die Kinder zunächst durchschlagen.

Sie fanden Unterschlupf bei einem polnischen Bauern. Doch nach einiger Zeit teilte der Bauer ihnen mit, dass im Dorf Gerüchte umhergingen, er habe jüdische Frauen versteckt. So müsse er sie bitten, seinen Hof zu verlassen, da sie bei ihm nicht mehr sicher seien. Den Kutscher, der sie zum Bahnhof fahren sollte, ermahnte der Bauer noch, der Mutter nicht ihren Pelz abzunehmen.

Am Bahnhof, wo sie auf irgendeinen Zug warteten, kamen dann zwei deutsche Wehrmachtssoldaten, die ihre Pässe überprüften. Sie schrien die Frauen an: »Ihr seid doch Juden!« Sie mussten mitkommen und in einer Baracke Kohlen schaufeln. An einem der nächsten Tage wollte der eine Soldat sie alle erschießen, was jedoch der zweite Soldat verhinderte. Nachdem sie schließlich gehen konnten, entschloss sich ihre Mutter, die beiden Mädchen in ein Kloster zu geben. Sie kamen in ein Nonnenkloster in der Nähe von Warschau, wo sie die Jahre bis Kriegsende unentdeckt überstanden. Ihre Mutter arbeitete in dieser Zeit in einer Lampenfabrik, während deren Schwester in die Höhle des Löwen ging, nämlich ins Deutsche Reich. In Gelsenkirchen fand sie Arbeit in einer Fabrik, in der Gewehre produziert wurden.

Wie sich die Familie nach dem Krieg wiedergefunden hat, kann Frau Ostrowiecki nicht mit Bestimmtheit sagen, vielleicht über den Suchdienst des Roten Kreuzes. Zunächst wohnten sie für vier Jahre in Wałbrzych bei Wrocław, bis sie in das völlig zerstörte und erst langsam wieder auf-gebaute Warschau zurückkehren konnten. Im Jahr 1957 wanderten sie schließlich nach Israel aus, nachdem man ihnen unmissverständlich klargemacht hatte, dass die Juden jetzt einen eigenen Staat haben. Zudem war es in Polen auch noch in den Nachkriegsjahren zu antisemitischen Ausschreitungen und sogar zu Pogromen wie dem 1946 in Kielce gekommen.

Heute lebt sie in Tel Aviv, aber die Sommermonate über hier in Berlin, um bei ihren beiden Kindern zu sein. Auch ihr mittlerweile verstorbener Ehemann war ein Überlebender des Holocaust. In ihrer Familie wurde nicht sehr viel über die Vergangenheit gesprochen, das sei alles zu schlimm gewesen. Aus diesem Grund könne sie viele Dinge ihres Lebensweges in den Jahren vor 1945 leider nicht mehr genau rekonstruieren. So hat ihre Schwester vergeblich versucht, das Kloster bei Warschau ausfindig zu machen. In einem Kloster, in dem sie recherchierte, konnte sie den Namen Adamska, die weibliche Form des Namens Adamski, in den Akten nicht finden.

Nachdem sie den Bericht über ihre unglaubliche Lebensgeschichte beendet hat, sind die Schüler*innen erst einmal so betroffen, dass sie nur sehr zögerlich Fragen stellen. Sie wollen unter anderem wissen, ob die Verfolgung der Juden während der Nazi-Herrschaft in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis in Israel ein Thema sei, da doch der Holocaust ein zentraler Bestandteil der nationalen Identität des Landes sei. Ja, antwortet sie, ab und wann wird schon darüber gesprochen. Aber vor allem in den Schulen ist die Shoa, wie der Holocaust in Israel genannt wird, ein zentrales Thema. Dazu gehören auch Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz.

Warum haben wir überlebt und so viele andere Familien sind ausgelöscht worden, diese Frage treibt Elisabeth Ostrowiecki bis heute um. Eine Schülerin überreicht ihr zum Dank einen Blumenstrauß. Es war bestimmt kein Zufall, dass wir uns bei den Stolpersteinen kennengelernt haben, sage ich zu ihr, als ich mich verabschiede. Sie lächelt.

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