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SenioRitaIch war noch nie in meinem ganzen Leben so unabhängig

Brigitte Reich über ihre berufliche und gewerkschaftliche Karriere und das Leben ohne Zwänge.

05.09.2017 - Das Interview führten Dieter Haase und Klaus Will

Brigitte, du bist Diplom-Pädagogin. Wie bist du dazu gekommen?

Eigentlich wollte ich Lehrkraft in einer Gesamtschule werden. Deswegen habe ich an der Pädagogischen Hochschule Berlin (PH) auch ein entsprechendes Studium gemacht. Dann hieß es, an den Gesamtschulen würden dringend Diplom-Pädagogen als Pädagogische Koordinatoren gebraucht. Deshalb habe ich nach dem Examen als Lehrkraft noch das Diplomstudium drangehangen. Als ich dann fertig war, hatte man allerdings diese Stellen schon wieder gestrichen.

Und was hast du dann gemacht?

Gute Frage! Ich bin dann doch nicht in die Schule gegangen. Zum einen, weil die in den 70er Jahren kaum jemand eingestellt haben, aber auch meine Fächerkombination Politik/Geschichte war nicht gerade günstig. Und erst recht nicht, dass ich auch noch bei Wilfried Gottschalch studiert habe. Dieser Professor, der dann 1971 an die Reformuni Bremen ging, galt als ganz Linker, dessen Studierende manche Bezirke nicht einstellen wollten. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Ich habe zunächst Lehraufträge bekommen und dann schließlich ein Forschungsprojekt, weil ich meine Diplomarbeit über Schulbücher geschrieben habe. Ich bin also immer weiter weggekommen von der Schule. Das Projekt hat drei Jahre gedauert, dann kamen wieder Lehraufträge und schließlich habe ich eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bekommen. Das war 1980, gerade als die PH aufgelöst wurde und wir deshalb auf die drei Berliner Unis verteilt wurden.

Zwischendurch bist du auch noch Mutter geworden!

Genau, deswegen hat meine Doktorarbeit auch ziemlich lange gedauert. Zehn Jahre habe ich gebraucht, aber man kann ja nicht alles gleichzeitig machen. Zwischendurch habe ich mich dann noch mit Hilfe der GEW auf eine feste und unbefristete Stelle geklagt. Denn die Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin war nur befristet. Die GEW hatte damals auf einer Info-Veranstaltung darauf hingewiesen, dass möglicherweise all diese Verträge ungültig seien, da man Daueraufgaben wahrnehme und deshalb unbefristet eingestellt werden müsste. Mit dem GEW--Rechtschutz habe ich dann geklagt und gewonnen. Seitdem bin ich natürlich erst recht ein Fan der GEW!

Wann bist du denn eingetreten, schon als Studierende?

Ja, genau, Schon im ersten Semester. Damals, das war 1968, war das durchaus üblich, alle sind in die Gewerkschaft eingetreten.

Du bist dann ja zur damaligen Hochschule der Künste, heute Universität der Künste, gekommen. Das war doch sicherlich eine etwas andere Situation als an der PH, oder?

Zwar waren viele aus der PH-Gruppe der GEW wie Lothar Kunz oder Renate Steinchen mit an die HdK gekommen, aber an der HdK waren ja nur Kunst- und Musikstudierende. Und das ist schon ein besonderes Klientel, weil die zu großen Teilen aus besonderen Elternhäusern kommen, gerade bei den Musikstudierenden merkt man das sehr stark. Ich hatte beispielsweise Studierende, die noch nie in ihrem Leben im Wedding gewesen waren und auch noch nie einen Döner gegessen hatten. Aber dafür wussten sie schon, dass sie nach dem Studium dahin gehen, wo sie hergekommen sind. Falls sie nicht eine internationale Karriere nach New York oder Mailand bringen würde. Natürlich gab es auch andere, aber dieser Typ Studierende war dort recht häufig vertreten.

Und wie bist du damit zurechtgekommen?

Das war manchmal schon schwierig für mich, an der PH war ja alles sehr viel gemischter. Hier dagegen gab es beispielsweise auch richtig konservative Studierende, die ich bis dahin noch gar nicht kannte. Und die Vorstellungen von Schule hatten, die mindestens von vorgestern waren. An der PH waren die Studierenden ganz anders gepolt. Teilweise habe ich dann deswegen auch Seminare an der FU gemacht, um da ein wenig rauszukommen, wieder normale Verhältnisse zu erleben.

Wie bist du dann in den GEW-Vorstand gekommen?

Richtig in die GEW-Arbeit eingebunden war ich schon früh über die Friedens-AG, die es schon seit den 70er Jahren gibt. Dort hatte auch Sybille Volkholz mitgemacht. Und Anfang 1989 sprach sie mich an: Ich sei doch in der Lehrkräfteausbildung aktiv. Die GEW suche einen Nachfolger für Wolfgang Harnischfeger, der dieses Referat Lehrerbildung leitete und ausscheiden wollte. Ich habe mich nach kurzer Bedenkzeit dazu entschlossen und bin kurze Zeit später eingestiegen – und Sybille ist ja Senatorin geworden! Eine spannende Zeit damals mit Mauerfall, Rot-Grün und deren Scheitern und mit den vielfältigen neuen Kontakten in den Ost-Bezirken. Und mit einem Wichtigtuer im Landesvorstand, der allerlei Internes brühwarm an die Presse weitergab, obwohl wir Vertraulichkeit vereinbart hatten. 1991 bin ich dann stellvertretende Vorsitzende geworden und dies bis zu meinem Ausscheiden 1999 geblieben. Das habe ich sehr gerne gemacht. Das war eine gute Zeit mit Erhard Laube, Sanem Kleff, Safter Cinar und am Anfang auch noch Christel Kottmann-Menz als Vorsitzende. Wirklich eine tolle und spannende Zeit mit dem Zusammenraufen von Ost und West auch in der GEW!

Die Seiten hast du dann auch noch gewechselt: 2001 ins Wissenschaftsressort!

Ja, zu dieser Zeit gab es ein halbes Jahr lang eine rot-grüne Regierung unter Wowereit. Damals im Juni 2001 wurde die Hamburgerin Adrienne Goehler zur Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in der rot-grünen Übergangsregierung des Landes Berlin gewählt. Da ich zu dieser Zeit verstärkt bei den Grünen im Bereich Hochschulpolitik mitgemacht habe, hat Adrienne sich dann bei mir Rat und mich schließlich auch in ihr Ressort geholt. Wir waren beide aber Neulinge und wurden allenfalls durch meinen Mann Romin, der damals Personalrat in der Wissenschaftsverwaltung war, etwas eingeführt in die Struktur und die Bürokratie des Hauses. Gut, dass ich vorher bei der GEW schon vieles gelernt habe über Organisationsabläufe oder Öffentlichkeitsarbeit. Zwar sind im Senat die Abläufe, Kompetenzen und Hierarchien wesentlich komplizierter, aber immerhin bin ich bei der GEW schon vorgewärmt worden. Adrienne schied jedoch bereits im Januar 2002 wieder aus dem Amt, als nach den Neuwahlen vom 21. Oktober 2001 ein SPD-PDS-Senat gebildet wurde. Neuer Wissenschaftssenator wurde dann Thomas Flierl, der mich aber behalten wollte, weil auch er jemanden brauchte, die sich auskennt. Und ich war ja da schon halber Profi! Und dann ab 2006 Jürgen Zöllner.

Wie war die Zeit für dich, das waren ja über zehn Jahre? War das eher befriedigend oder eher frustrierend?

Also ich fand das sehr befriedigend, außer dieser Zeit unter Sarrazin mit seinen ständigen Sparanweisungen. Das war völlig daneben. Aber sonst konnte man doch viel bewegen in dieser Position als Referentin. Man kann durchaus auch die Früchte seiner Arbeit ernten. Bei der GEW ist das sehr viel mühsamer gewesen, da man ja als Gewerkschaft keinen direkten Zugang zur Umsetzung hat. Ich war sehr zufrieden mit mir. Ich hoffe doch, die anderen auch!

In den Ruhestand bist du dann mit 65 Jahren 2012 gegangen. Bist aber weiterhin politisch aktiv, vor allem bei den Grünen und beim Berliner Komitee für UNESCO-Arbeit.

Ich habe mich schon immer in der Friedensbewegung engagiert. Auch an der HdK beziehungsweise UdK hatte ich diese Arbeitsstelle Friedenserziehung. Und in diesem Rahmen bin ich dann auch zur UNESCO gekommen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet und in ihrer Verfassung stehen hat: »Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden«. Dieses hohe Ziel des Friedens will sie vor allem durch Kultur und Erziehung erreichen. Das war auch mein Ziel und deshalb war ich schon während des Studiums und als Hochschullehrerin viel mit der UNESCO-Arbeit beschäftigt, teilweise auch im Rahmen der GEW und des DGB. Und jetzt eben wieder oder immer noch als ehrenamtliche Funktion. Gerade haben wir auch eine Broschüre über die Friedensarbeit für Schüler gemacht.

Was machst du sonst noch im Ruhestand?

Ich habe zwei Enkelkinder, die ich regelmäßig betreue. Bei meinem Enkel muss ich mich jetzt voll ins Fußballspielen reinknien, da der nicht nur ein Fan ist, sondern selbst wie verrückt trainiert und spielt. Ich kenne mich jetzt aus in der Bundesliga!

Und das Haus in der Provence?

Das ist noch eine schöne Verbindung zu Romin, meinem verstorbenen Mann, der ein großer Frankreich-Fan war und dieses Häuschen liebte. Das war unser Traum, den wir uns erfüllt haben. Ich nehme mir dort immer eine Auszeit vom Alltagstrubel. Wobei ich sagen muss, dass der Ruhestand die selbstbestimmteste Zeit ist, die man im Leben haben kann. Ich teile mir meine Zeit selbst ein, ich bestimme selbst, was ich wann mache, wann ich verreise. Ich war noch nie in meinem ganzen Leben so unabhängig, wie ich es jetzt bin. Na klar, meine Enkel können nicht warten, da muss ich natürlich pünktlich in der Kita sein. Aber alles andere empfinde ich als große Freiheit! Du hast immer Beschränkungen, wenn du arbeitest oder auch vorher, mit der Schule und der Ausbildung. Aber jetzt kann man wirklich die Früchte des Lebens genießen, selbstbestimmt die Tage verbringen. Man muss natürlich gesund bleiben und, na klar, auch eine entsprechende Rente haben. Das Ausmaß der Altersarmut finde ich deswegen skandalös und ich finde es gut, dass gerade jetzt der DGB zum wiederholten Male eine Aktion gegen die sinkenden Renten gestartet hat!*

Das war ein gutes Schlusswort. Aber wir wollen doch noch erwähnen, dass du auch noch in der GEW aktiv bist. Auf dem letzten Gewerkschaftstag bist du immerhin in die Schiedskommission gewählt worden. Herzlichen Glückwunsch!

Danke!      

* Die Aktion des DGB »Mit deiner Stimme den Rentensinkflug stoppen!«, die man mit seiner Unterschrift unterstützen konnte, ist vor Erscheinen diese Interviews am 28. August 2017 beendet worden. Weitere Infos unter www.rente-muss-reichen.de