GEW - Berlin
Du bist hier:

bbz 12 / 2019Ich will, was alle wollen

Natürlich will ich, was alle wollen: Ich will lange leben; und natürlich will ich nicht, was alle nicht wollen: Ich will nicht alt werden.

05.12.2019 - Monika Maron

Ohne die Zeugenschaft der anderen ließe sich das Altwerden leichter ertragen. Man könnte sich ihm ehrgeizlos hingeben, neugierig verfolgen, was es anrichtet, ohne Verzweiflung oder gar Schande zu empfinden. Vielleicht würde man sogar den sich unaufhaltsam nähernden Tod als weniger grauenvoll empfinden, dürfte man sich der Altersschwäche wehrlos überlassen, ohne die triumphierende Lebensgier der anderen fürchten zu müssen. Die anderen sind alle anderen, manchmal sogar wir selbst, wenn wir in mitleidlosen Stunden uns betrachten, wie wir sonst die anderen betrachten oder diese uns, und wenn dieser kühle, herzlose Blick den Satz formt: Ich bin alt geworden. Der Herzlosigkeit aller anderen sind wir so sicher, weil wir sie als unsere eigene kennen.

Ich glaube nicht, dass unsere Herzlosigkeit der Bosheit entspringt, nicht einmal der Schadenfreude; welche Freude könnte schon ein Schaden bereiten, den man auch selbst zu ertragen hat. Aber die Gewissheit, dass wir dieses Unglück mit allen anderen teilen, verschafft uns Erleichterung. Zum Beispiel versetzte mich die Beobachtung, dass R., eine gleichaltrige Bekannte von mir, einfach nicht alterte, jedenfalls nicht so wie ich und andere Frauen meines Alters, in eine gereizte Unruhe. Als ich ihr kürzlich wieder begegnete und sah, dass ihr offenbar innerhalb weniger Monate widerfahren war, was ich und die anderen während der letzten zehn Jahre an uns hatten geschehen lassen müssen, war ich nicht schadenfroh, wirklich nicht, eigentlich hatte ich ihr ihre Jugendlichkeit sogar gegönnt, aber erleichtert war ich doch, weil das Altern als Schicksal jedweden Lebens noch zu ertragen ist, als persönliches Versagen aber nicht.

Als ich jung war, zog ich das Altern für mich nicht in Betracht. Ich konnte mir mich als eine ältere Frau einfach nicht vorstellen; noch weniger ahnte ich, was ich als ältere Frau auf der Welt zu tun haben könnte. Natürlich wusste ich nicht, was ich heute weiß, dass nämlich ungefähr die Hälfte aller Zwanzigjährigen meiner Generation an ähnlicher Phantasielosigkeit litt und sich darum nach der Jugend eher den Tod als das Alter denken konnte. Inzwischen habe ich wenigstens hundert Menschen getroffen, die alle geglaubt haben, die Dreißig auf keinen Fall zu überleben. Ich bin nicht gestorben, ich habe mich nicht umgebracht, ich lebe immer noch. Und das Komische ist, dass ich mir mich als ältere Frau immer noch nicht vorstellen kann.

Es kommt vor, dass ich zum Einkauf oder auch nur so durch die Straßen gehe und mich plötzlich frage, wen oder was die Leute eigentlich sehen, wenn sie mich sehen. Sie sehen eine ältere Frau, sage ich mir dann und warte, bis ich eine Frau treffe, von der ich denke, dass sie eine ältere Frau ist, und finde den Gedanken, die anderen sähen in mir, was ich in dieser älteren Frau sehe, einfach absurd.

Oder jemand erzählt mir etwas von einer Bekannten und erwähnt dabei, sie sei achtundfünfzig, dann kann passieren, dass ich denke, o Gott, so alt schon, und eine Frau vor Augen habe, die mit mir nichts, absolut nichts gemein hat. Gegen Gefühle dieser Art haben sich die Menschen den Spruch erfunden: Man ist so alt, wie man sich fühlt, was natürlich nicht stimmt, weil man so alt ist, wie man ist, und eben nicht, wie man sich fühlt. Ich kann mich nicht erinnern, einen Menschen getroffen zu haben, der sich so alt fühlte, wie er war. Höchstens ein paar Stunden lang, wenn man krank ist oder sehr erschöpft. Und dann sagt man es auch: Heute fühle ich mich wirklich so alt, wie ich bin.

Vielleicht ist es sogar umgekehrt und das Lebensgefühl richtet sich am Alter aus. Ich vermeide bestimmte Verhaltensweisen, weil ich so alt bin und nicht, weil mir nicht mehr danach zumute wäre. Ich trage schon lange keine kurzen Röcke mehr, weil ich weiß, dass ich achtundfünfzig bin und nicht, weil mir plötzlich dicke Beine gewachsen wären.

Und ich zögere, langfristig in die Zukunft zu planen, weil die Zeit bis zum Tod schon absehbar ist, und nicht, weil mir nichts mehr einfiele. Und wer zögert, langfristig in die Zukunft zu planen, benimmt sich wie ein alter Mensch, wie meine Tante Marta, die sich zehn Jahre lang weigerte, ihre abgewetzten Sessel zu erneuern, weil es sich, wie sie sagte, nicht mehr lohnte. Am Ende hat sie doch welche gekauft und dann starb sie.

Meine Freundin L., eine Kassandra des Alters, von der ich auch das Wort »Mundbodenschwäche« kenne, sagt, für schöne Frauen sei das Altern am schwersten, was stimmt, aber eigentlich unverständlich ist. Aus einer schönen jungen Frau könnte ja eine schöne ältere und dann eine schöne alte Frau werden. Aber das, glaube ich, gilt eher für Männer, auch wenn Uschi Glas und Iris Berben sich tapfer zu den Fünfzig bekennen, was vor allem Bewunderung auslöst, weil sie nicht aussehen wie fünfzig und somit auch nicht beweisen, dass eine Frau mit fünfzig schön sein kann, sondern dass sie aussehen kann wie fünfunddreißig. Fünfzigjährige Männer, die aussehen wie fünfunddreißig, sind uns eher verdächtig. Ein Mann erscheint uns schön, wenn er so oder so männlich aussieht, also intelligent, kräftig, entschlossen, bedacht, mutig, sinnenfreudig, ernst; alle diese Eigenschaften können die Attraktivität eines Mannes bis an die Grenze der Greisenhaftigkeit ausformen. die Attraktivität einer Frau würden sie vermutlich nur verderben, weil die Attraktivität der Frau – jedenfalls der immer noch landläufige Begriff davon – in ihrer Zartheit, Mädchenhaftigkeit und Lieblichkeit liegt, Eigenschaften, die jenseits der Jugend nicht erworben, sondern nur verloren werden können.

Eine andere Freundin von mir behauptet, sie erlebe das Alter als eine ganz neue Freiheit. Unbehelligt von Trieben, Ehrgeiz und Erfolgsdruck, könne sie sich jetzt an Dingen erfreuen, die ihr früher nichts bedeutet hätten; ein sonniger Herbsttag zum Beispiel oder ein blühender Eibisch könnten nun Glücksgefühle in ihr auslösen. Allerdings ist diese Freundin besonders willensstark, wodurch ihr das tägliche, unabwendbare Älterwerden eine noch grausamere Demütigung bereiten muss als anderen Menschen. Es ist also möglich, dass sie, weil sie in dieser Sache auf keinen Fall recht behalten kann, beschlossen hat, die Niederlage als Gewinn zu verbuchen. Das geht natürlich auch.

Ich hingegen würde, wäre die einzige Alternative zum Alter nicht der frühe Tod, auf das Alter lieber verzichten. Einmal bis fünfundvierzig und ab dann pendeln zwischen Mitte Dreißig, früher ist nicht nötig, und Mitte Vierzig, bis die Jahre abgelaufen sind; so hätte ich die mir zustehende Zeit gern in Anspruch genommen.

Altwerden kann man nicht lernen. Es passiert, ob wir es ertragen oder nicht. Als ich fünfzig geworden bin, habe ich dabei nichts übers Sechzigwerden gelernt. Rückblickend lernen wir alle das gleiche: die Zeit vergeht so schnell. Manchmal, wenn ich diesen herzlosen Hochmut in den Augen eines Fünfunddreißigjährigen finde, denke ich das natürlich, wenn du wüsstest, denke ich dann und eben das, was ältere Frauen und Männer dann schon immer gedacht haben: Ach, wenn du wüsstest …

Am peinlichsten ist mir mein Alter vor meiner Mutter. Sie tut mir leid, weil sie nun so ein altes Kind haben muss. Aber irgendwie wohnt der Natur doch immer auch der Ausgleich inne. Meine Mutter sieht nicht mehr gut, was für sie natürlich sehr unangenehm ist, ihr hoffentlich aber den Anblick ihres alten Kindes gnädig verschönt.    

Zurück