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KolumneIst das praxisrelevant?

26.03.2021 - von Joshua Schultheis

In diesem Semester hat man im Fach Philosophie an der Humboldt Universität die Wahl zwischen Seminaren wie »Ontology of Cognition«, »Soziomorphie des Bewusstseins« oder »Hegels Philosophie des Rechts«. Nicht wenige Lehramtsstudierende werden ob dieser Zusammenstellung die Stirn runzeln und sich, wie schon in den Semestern zuvor, fragen: Was bringt mir das eigentlich für die Berufspraxis? Diese intuitive Abneigung gegen Inhalte, die sich nicht auch eins zu eins in den Lehrplänen für den Schulunterricht wiederfinden, ist aber weniger der Ausdruck des tatsächlichen Eigeninteresses meiner Kommiliton*innen als vielmehr einer fehlgeleiteten Debatte um die Lehrkräftebildung. Lauscht man den öffentlichen Stimmen zu diesem Thema, bekommt man den Eindruck, es wäre eigentlich besser, unsere angehenden Lehrer*innen besuchten nicht eine einzige Veranstaltung an der Uni, deren unmittelbarer Nutzen für den späteren Beruf nicht offenkundig ist. Zumindest müsste man zu diesem Schluss kommen, nähme man die Rufe nach mehr digitaler Lehre ernst, nach mehr Radikalisierungsprävention, mehr Lerndifferenzierung, mehr Lärmmanagement, Achtsamkeitstraining, Sprachförderung, Medienkompetenz und gesunder Ernährung. Scheinbar alles sollen Lehramtsstudierende durch ihre universitäre Ausbildung werden, außer Fachwissenschaftler*innen. Denkt man diesen Fetisch des Praxisbezugs zu Ende, käme eine Lehrkräfteausbildung heraus, die einfach ein ausgedehntes Schulpraktikum wäre, den Umweg über die Uni könnte man sich so gleich sparen. Dass das aber alles andere als wünschenswert ist, ist offensichtlich. Die soeben absolvierte Schlussfolge nennt man übrigens argumentum ad absurdum, zu lernen im Logikseminar. Praxisrelevanz ungewiss.

Joshua ist Lehramtsstudent in Berlin. In seiner Kolumne schreibt er über Widersprüchliches und Kurioses in der Lehrer*innen-Ausbildung