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StandpunktJonglieren zwischen Vertretung und Papierstau

Eine Evaluation zeigt, dass Erzieher*innen an Schulen zu wenig Zeit zur Vorbereitung haben. »Arbeitsverdichtung« nennen das die einen, Überlastung die anderen.

02.12.2020 - von Nadine Wintersieg, Erzieherin und Mitglied der bbz-Redaktion

Die Qualität von Bildung und Erziehung hängt von Ressourcen ab. Personal, Zeit, Räumlichkeiten und technische Ausstattung müssen in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, um die Qualität der pädagogischen Arbeit gewährleisten zu können. So simpel die Erkenntnis, so sehr mangelt es doch nach wie vor an deren Umsetzung.

Mit der »Dienstvereinbarung für mittelbare pädagogische Arbeit« konnte im Februar 2017 ein Etappensieg für die Festschreibung solcher Standards erreicht werden. Kernpunkt der Vereinbarung ist, dass Erzieher*innen und Facherzieher*innen für Integration in Grundschulen und Schulen mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt vier Zeitstunden pro Woche zur Vor- und Nachbereitung der Arbeit mit den Kindern zur Verfügung stehen sollen. In der Praxis werden diese Rahmenbedingungen jedoch immer wieder ausgehöhlt. Zu diesem Ergebnis kommt auch die jüngst veröffentlichte Evaluation der Dienstvereinbarung, mit der das Europa-Institut für Sozial- und Gesundheitsforschung an der Alice Salomon Hochschule beauftragt wurde. Diese basiert auf einer Datenerhebung vom September 2019 und wurde im Februar 2020 bereits mit Fachvertreter*innen diskutiert.   

Allgemeiner Personalmangel, hohe Krankheitsstände und nun auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie führen dazu, dass die im Dienstplan verankerten Vorbereitungsstunden allzu oft nicht genutzt und teilweise auch später nicht nachgeholt werden können. Am eklatantesten zeigt sich das am Beispiel des oft gelangweilt herunter gebeteten Vertretungsprinzips »Lehrer*innen vertreten Lehrer*innen. Erzieher*innen vertreten Erzieher*innen«. In der Praxis erfährt dieses immer wieder kreative Neuauslegungen. Erzieher*innen »vertreten« nicht in der Klasse, in der die Lehrkraft fehlt, sondern sie »betreuen« diese lediglich. Dass sie den von der zu vertretenden Lehrkraft zur Verfügung gestellten Lernstoff dennoch vermitteln, bleibt oft unerwähnt. Faktischer Unterrichtsausfall wird hierdurch kaschiert.

Auf diese Weise kommen Integrationserzieher*innen nicht zu ihrer eigentlichen Arbeit mit Schüler*innen mit Förderbedarf und Erzieher*innen können ihre pädagogische Arbeit nicht so vorbereiten, wie sie sich das eigentlich wünschten. Wenn zusätzlich der Drucker wieder einmal streikt und im Kopierer Papierstau ist, dann verstreicht die wertvolle Vorbereitungszeit mit Tätigkeiten, die nicht ursächlich mit der pädagogischen Arbeit zu tun haben. Von ausreichend vorhandenen Computerarbeitsplätzen, die tatsächlich auch online sind, ganz zu schweigen.

Die Dienstvereinbarung bezieht sich auf öffentliche Schulen, ihre Umsetzung lässt – wie auch die Evaluation zeigt – noch in weiten Teilen zu wünschen übrig. Und dennoch bildet sie einen Rahmen, der auch bei Kindertagesstätten zur Verfügung stehen sollte, um die Qualität der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen wie auch die Zufriedenheit und Gesundheit der Erzieher*innen langfristig zu sichern.