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Der ExzellenzzirkusKein Gewinn für die Wissenschaft

Die Exzellenzstrategie hat zum Ziel, die Forschung an deutschen Unis zu verbessern. Ihre Mittel der Wahl, Wettbewerb und Konkurrenz, bewirken aber das Gegenteil und verschärfen die ohnehin prekäre Situation vieler Wissenschaftler*innen.

10.07.2020 - vom Koordinationskreis des NGAWiss

Die schlechten Arbeitsbedingungen von befristet beschäftigten Wissenschaftler*innen an bundesdeutschen Universitäten sind bekannt, werden viel diskutiert und der Vorsatz der Politik lautet eigentlich, daran etwas zu ändern. Die 2016 von Bund und Ländern beschlossene Exzellenz-Strategie verstärkt – wie auch schon ihre Vorgängerin, die 2006 aufgenommene Exzellenzinitiative – die bestehende Prekarität des akademischen Mittelbaus jedoch noch weiter und trägt somit keinesfalls zur Verbesserung der Situation bei. Die Exzellenzprogramme fördern die marktförmige Konkurrenz der Hochschulen untereinander und belohnen lediglich wenige Standorte, die im internationalen Wettbewerb glänzen sollen. Damit sind einzelne Universitäten finanziell zwar begünstigt, die flächendeckende Grundfinanzierung der Hochschulen, die für Forschung und Lehre notwendig wäre, bleibt aber weiterhin unzureichend. 

Wir sehen aber nicht nur in der ungleichen Verteilung der Mittel unter den Hochschulen ein Problem. Auch der Bewerbungsprozess ist in unseren Augen irrwitzig: In dem aufwendigen Kampf um den Exzellenztitel vergeuden die Einrichtungen Millionen: für Stabsstellen, für nur bedingt wissenschaftlich begründbare Projektverbünde und so weiter – hier wird viel Arbeit in Konzeptionen und Antragsprosa, nicht aber in eigentliche wissenschaftliche Forschung gesteckt. Nur für wenige zahlt sich die Investition am Ende aus. 

Doch wer profitiert letztlich von der Exzellenz? Für den sogenannten Mittelbau, also die überwiegend befristet angestellten Promovierenden und Post-Docs, beobachten wir primär negative Folgen. Zwar können einige wenige im kräftezehrenden Wettbewerb um Ressourcen kurzfristig gewinnen, wenn sie sich dem gesteigerten Erfolgsdruck im Hinblick auf Publikationen, Zitierquoten und Renommée aussetzen – aber eben immer nur auf Zeit. Grundsätzlich verschärft sich die prekäre Situation der sogenannten »Nachwuchswissenschaftler*innen«, da die Exzellenz-Förderprogramme ausschließlich befristete Stellen schaffen, ohne Aussicht auf eine längerfristige Beschäftigung. Diesen Aspekt hat bereits die 2016 veröffentlichte offizielle Evaluation der Exzellenzinitiative (Imboden-Bericht) als Verschärfung der »Flaschenhalsproblematik«, durch die es nur die wenigsten durch den metaphorischen »Hals« der akademischen Auslese in eine feste Stelle schaffen, benannt und kritisiert. 

Die Exzellenzstrategie hat nicht nur negative Auswirkungen auf die Karriere- und Lebenswege von Wissenschaftler*innen, sondern auch ihr Einfluss auf die Qualität der Forschung selbst ist fraglich. Inhaltlich exzellente Forschung braucht nämlich kein Güte-Siegel aus einem derartigen K.O.-Wettbewerb, sondern wissenschaftliche Kritik, Austausch und Kooperation. Bei der Exzellenzstrategie aber geht es um Spaltung: Die Folge des Wettbewerbs ist die Aufwertung der einen zu wenigen ,Spitzenunis’ und das Zurechtstutzen der anderen. Diese institutionellen Kämpfe werden verursacht durch die Anreize und Zwänge der Exzellenzstrategie.

Die Sichtweisen der an diesem Wettbewerb beteiligten und in ihn eingespannten Wissenschaftler*innen auf die Exzellenzstrategie sind hoch ambivalent. Es ist nicht so, dass alle diesen Wettbewerb und seine Ergebnisse schlicht anerkennen (vielleicht am ehesten noch die Gewinner*innen), sondern es gibt durchaus ein weit verbreitetes Unbehagen. Einige Kolleg*innen, die zum Teil später unser Netzwerk mitgegründet haben, haben 2016 eine Kampagne gegen die Neuauflage der Exzellenzinitiative initiiert. Die Reaktionen darauf waren überaus bezeichnend: Sehr viele der unsere Petition gegen die Exzellenzinitiative unterzeichnenden Professor*innen waren schon emeritiert. Bei den noch Aktiven hingegen hörten wir oft: »Ich finde das Anliegen richtig. Aber ich kann nicht unterzeichnen, ich bin selbst an einem Exzellenzantrag beteiligt…«

Das Geld der Exzellenzstrategie, das bisher in die Spaltung der Hochschullandschaft und der wissenschaftlichen Community gesteckt wird, gehört in einen großen Umverteilungstopf! Drittmittel und all die anderen über Wettbewerbe und kurze Laufzeiten vergebenen Mittel gehören radikal gekürzt. Das Geld muss in die Grundfinanzierung fließen, damit Sicherheit, Planbarkeit und Dauerstellen für solide Forschung und gute Lehre ermöglicht werden. Damit würden sich für die wissenschaftlichen Beschäftigten ganz neue Spielräume für Reflexion und für Kritik eröffnen, weil der Verwertungsdruck für wissenschaftliche Ergebnisse geringer wird. Forschung könnte sich unabhängig von vorgefertigten Drittmittel- und Fördertrends entfalten.

Wir sind nicht gegen jeden Wettbewerb! Aber wettbewerblich vergebene Mittel sollten nur zusätzlich, für wenig Planbares und für besondere Ausnahmen bereitgestellt werden. Wir brauchen sie nicht, um eine unzureichende Grundfinanzierung mit schlechten Betreuungsrelationen, mangelnder Ausstattung sowie zunehmenden Anteilen von Lehraufträgen und Hochdeputatsstellen zu kaschieren. Denn es passiert Folgendes: Mit all diesen Wettbewerben hält das deutsche Hochschulsystem diejenigen bei der Stange, die hoffen, irgendwann doch noch eine Dauerstelle (also in der Regel eine Professur) zu ergattern. Und so läuft das System trotz massiver Unterfinanzierung weiter, während die Wettbewerbe allenfalls die Illusion aufrechterhalten, dass es etwas zu gewinnen gäbe.    

Die Autor*innen sind alle Mitglied im Koordinationskreis des Netzwerks für gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss)

MITTELBAU-INITIATIVE NGAWISS

Das Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) ist ein bundesweites Bündnis von Angehörigen und Initiativen des akademischen Mittelbaus. Anlässlich der Prämierung der für die nächsten sieben Jahre geförderten Exzellenz-Cluster hat es im September 2018 eine Stellungnahme verfasst und anstelle eines Geldsegens für wenige »gute Beschäftigungsbedingungen für alle« gefordert. 2016 startete das NGAWiss außerdem eine Kampagne gegen die Neuauflage der Exzellenzinitiative.