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bbz 12 / 2018Kooperieren um gesund zu bleiben

Die Burnout-Rate unter Lehrkräften ist höher als in anderen Berufen. Abhilfe schafft die Teamarbeit

01.12.2018 - Janina Bähre

Die Anzahl der angestellten Lehrkräfte, die Berlin den Rücken kehren, hat sich in den letzten Jahren versiebenfacht. Auch die meisten Vorpensionierungen gibt es unter Lehrkräften. Das ist kein Wunder, denn die Anforderungen und die Arbeitsbelastung sind immens gestiegen, während die Unterstützungssysteme oft nicht greifen. Dass das nicht allein ein Berliner Problem ist, zeigen Forscher*innen des Instituts für interdisziplinäre Schulforschung (ISF) in einer Studie, die in Kooperation mit dem Grundschulverband durchgeführt wurde. Sie sprechen von einer »katastrophalen Entwicklung«, die dazu führt, dass »eine gerade in den Dienst eingestiegene Lehrer*innengeneration innerhalb kürzester Zeit verheizt« werde.

Verwalten statt Unterricht gestalten

Die in der Studie befragten Lehrkräfte nehmen den bürokratischen Aufwand als besonders belastend wahr. Eine Klassenleitungsstunde reicht heute lange nicht mehr aus, um die Umsetzung der behördlichen Vorgaben zu gewährleisten. Mehr als ein Drittel der befragten Lehrkräfte kritisiert zudem die fehlende Anerkennung ihrer Arbeit durch die Behörde. Auch die gestiegene Aggressivität und die familiären Probleme von Schüler*innen wirken sich auf den Schulalltag aus. Die zunehmende Anzahl von Konferenzen, um Ordnungsmaßnahmen einzuleiten, werde als »psychisch hoch belastend empfunden«.

Belastend sei auch die wachsende Kluft von Anspruch und Wirklichkeit, wenn es um das Unterrichten geht. Viele Lehrkräfte würden gerne mehr Zeit in Unterrichtsgestaltung und -entwicklung investieren, doch oft fehlt im Schulalltag die Zeit für Planung und Reflexion, um den Schüler*innen gerecht zu werden. Weitere durch die Studie belegte Stressoren sind Lärm, zu große Klassen und die mangelhafte materielle Ausstattung.

Eine Metastudie des Aktionsrats Bildung zeigt, dass Lehrkräfte aufgrund der spezifischen Belastungen der Berufsgruppe besonders Burnout-gefährdet sind. Aufgrund der hohen Interaktionsdichte mit Schüler*innen und Eltern stehen Lehrkräfte permanent unter Entscheidungsdruck. Forscher*innen fanden heraus, dass viele Lehrkräfte im Kollegium häufig nicht ausreichend kooperieren und mit ihren Problemen alleine bleiben. Hinzu kommt, dass die Trennung von Beruf und Privatleben nur schwer umzusetzen ist. Neben der mangelnden Anerkennung durch die Schulbehörden ergab eine weltweite Umfrage sogar, dass Lehrkräfte in Deutschland im internationalen Vergleich besonders schlecht angesehen sind. Aufgrund des Lehrer*innenmangels müssen viele Lehrkräfte zusätzliche Aufgaben erledigen und fehlende Kolleg*innen ersetzen. Das verschärft die Arbeitsbelastung weiter. Mangelnde Unterstützungssysteme führen dazu, dass Ganztagsunterricht, Inklusion oder Integration als zusätzliche Belastung empfunden werden.

Andreas Hillert, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie ist auf Burn-out-Erkrankungen spezialisiert. Hillert stellte fest, dass bei den wegen psychosomatischer Erkrankungen behandelten Lehrkräften oft ähnliche Erfahrungen vorliegen. Betroffene können sich oft schlecht von ihrer Arbeit distanzieren, das heißt, sie nehmen negativ Erlebtes »mit nach Hause«. Wenn die Arbeit nicht mehr schaffbar ist, der eigene Anspruch allerdings hoch, setzt bei steigender Anzahl von Misserfolgen Resignation ein. Bei Burnout-Patient*innen kommt hinzu, dass sie oft nicht mehr in der Lage sind, soziale Unterstützung einzuholen. Nach einer Potsdamer Studie, für die 16.000 Lehrkräfte befragt wurden, liegt die Burnout-Rate unter Lehrkräften bei 29 Prozent. Zusammen mit den Erzieher*innen handelt es sich um die höchste Rate aller Berufe. Dass Lehrkräfte deutlich häufiger als andere Berufsgruppen von Burnout betroffen sind, bestätigt auch eine repräsentative Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unter mehr als 20.000 Erwerbstätigen. So fühlte sich jede zweite Lehrkraft oft erschöpft, 40 Prozent leiden unter Kopfschmerzen, Nervosität und Reizbarkeit und jede dritte Lehrkraft ist von Schlafstörungen betroffen. Psychosomatische Erkrankungen wie Burnout sind die Hauptursache, wenn Lehrkräfte länger in der Schule ausfallen.

Die Misere spitzt sich zu. Deutschland gehendie Lehrkräfte aus und Senatorin Sandra Scheeres erhöht die Arbeitsbelastung immer weiter. So verkündete sie im Juni 2018, dass wegen des Lehrkräftemangels Schulstunden gestrichen werden sollen. Und zwar die für Sprachförderung, Integration und Inklusion. Man kann sich denken, wie sich die Arbeitsbelastung für die Kolleg*innen erhöhen wird, die an den Schulen arbeiten, die von den Kürzungen besonders betroffen sind.

Doch nicht nur die Lehrkräfte sind Opfer dieser Politik. Gesundheit von Lehrkräften ist eine entscheidende Voraussetzung für guten Unterricht und damit auch für den Lernerfolg von Schüler*innen. Deutliche Qualitätseinbußen des Unterrichts bei hochbelasteten, gesundheitlich gefährdeten Lehrer-*innen sind nachgewiesen.

Gesundheit bedeutet mehr, als nicht krank zu sein

War früher der Fokus der Gesundheitsforschung auf die Erforschung von Krankheit ausgerichtet, hat sich heute der Blick gewandelt. Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Daraus folgt die Frage: Was brauchen wir, um gesund zu sein und uns gut zu fühlen?

Professorin Elke Döring-Seipel vom Institut für Psychologie der Universität Kassel belegte durch die Kasseler Studie zur Lehrer*innengesundheit aus dem Jahr 2013 die Bedeutung von Ressourcen für die Gesundheit von Lehrkräften. Damit meint Döring-Seipel die Kräfte und Möglichkeiten einer Person zur Erhaltung ihres psychischen und physischen Wohlbefindens und zur Erreichung persönlicher Ziele. Je mehr solcher »Ressourcen« eine Lehrkraft besitzt, desto positiver bewertete die Forscherin ihre berufliche Situation und desto geringer die berufliche Belastung. Somit haben Ressourcen eine Doppelfunktion: Sie puffern Stress ab und führen zu mehr Engagement. Dirk Lehr, Professor für Gesundheitspsychologie an der Universität Lüneburg, betont im Hinblick auf die Lehrkräftegesundheit Verhaltensweisen, die der eigenen Erholung dienen. Zu starke negative Gedanken verhindern einen erholsamen Schlaf, was wiederum das Risiko von Depressionen und Herzerkrankungen erhöht. Deshalb sei es wichtig, so Lehr, dass Lehrkräfte im stressigen Alltag auf ihre Bedürfnisse achten und sich, ihre Hobbys und soziale Kontakte nicht vernachlässigen sowie mit ihren persönlichen Stärken arbeiten. Personale Ressourcen sind individuell und hängen davon ab, welche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Interessen jemand besitzt. So unterschiedlich Lehrkräfte sind, so verschieden sind die individuellen Ressourcen, auf die sie zurückgreifen können.

Die Wunderwaffe Interaktion

Die vermutlich wichtigste externe Ressource ist die soziale Unterstützung im Arbeitsumfeld. Es sind die Interaktionen mit Kolleg*innen und Schüler*innen, die unseren Beruf so erfreulich machen. Es sind also die Menschen, mit denen wir arbeiten, die uns stärken und wiederaufbauen, wenn es im Arbeitsalltag zu Problemen kommt. Auch die Professorin Uta Klusmann beschäftigt sich mit Gesundheit und Wohlbefinden von Lehrkräften. Auf dem Kongress »Gute Schulen kooperieren« der Deutschen Schulakademie stellte sie Ansatzpunkte einer gesundheitsgerechten Schulleitung vor. Diese zeichne sich durch Anerkennung und Wertschätzung aus, zeige Interesse und sei erreichbar und ansprechbar. Sie sorge für Transparenz, Offenheit und für ein gutes Klima der Gerechtigkeit, indem sie Kolleg*innen gleichbehandele und ihnen mit Humor und Empathie begegne. Weiterhin beziehe eine gesundheitsgerechte Schulleitung die Kolleg*innen mit ein und erreiche so eine größere Zufriedenheit.

Klusman hat auch an das Kollegium einige Tipps parat: Kollegien, in denen sich die Lehrkräfte intensiv austauschen, miteinander kommunizieren und untereinander Solidarität sowie eine positive Feedbackkultur pflegen, leben tatsächlich gesünder. Wichtig für die Zufriedenheit im Kollegium ist es auch, das Kolleg*innen Transparenz schaffen und den Informationsfluss untereinander immer weiter optimieren, Betriebsausflüge und gemeinsame Aktivitäten außerhalb der Schule organisieren, sowie Feste und Rituale zu Geburtstagen und anderen Anlässen pflegen. Auch die Einarbeitung neuer Kolleg*innen durch feste Ansprechpartner*innen sei wichtig, um gute und gesunde Schulstrukturen zu schaffen. Vor allem soziale Interaktion und Unterstützung im Kollegium führe ihrer Meinung nach zu geringerer Beanspruchung, höherem Engagement und mehr Zufriedenheit. Denn Kolleg*innen, die soziale Unterstützung erleben, fühlen sich respektiert, erwerben neue Fähigkeiten, können weitere Ressourcen mobilisieren und bekommen neue Perspektiven. Kollegiale Interaktion als Wunderwaffe im Kampf für bessere Gesundheit?

Die Deutsche Schulakademie konnte belegen, dass fast neun von zehn Lehrkräften trotz der gestiegenen Anforderungen gerne oder sehr gerne zur Arbeit gehen. Das Arbeitsklima im Kollegium bewertete die große Mehrheit der Lehrkräfte in eben dieser Forsastudie als gut oder sehr gut. Drei von vier Kolleg*innen, die in Teams zusammenarbeiteten, bewerteten dies als nützlich. Teamarbeit besitzt Vorteile vor allem in der Arbeitsteilung, dem Erfahrungsaustausch und der Steigerung der Unterrichtsqualität.

Kooperation zahlt sich aus, denn sie steigert Studien zufolge die Zufriedenheit mit dem eigenen Unterricht. Deshalb sollten Teamarbeitszeiten fest in der Unterrichtsverpflichtung von Lehrkräften integriert werden. 21 Stunden Unterrichtsverpflichtung und Zeit für mehr Beziehungs- und Teamarbeit würden nicht nur unsere Gesundheit stärken, sondern sich auch positiv auf Unterrichtsgestaltung, Lernerfolg und Schulkultur auswirken.

Her mit multiprofessionellen Teams

An Schulen, an denen der Anteil von Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den letzten Jahren zugenommen hat, stiegen Studien zufolge die Kooperationsaktivitäten. Vor allem die Arbeit in Jahrgangsteams wurde an vielen Schulen erfolgreich eingeführt. Dort gibt es auch vermehrt andere Formen des Austauschs, wie intensive Elternarbeit oder Lernentwicklungsgespräche. In diesen Kollegien erarbeiten die Lehrkräfte Bewertungsstandards häufiger gemeinsam. So wird Inklusion von einigen als Katalysator für kooperative Arbeitsbeziehungen verstanden. Andere sehen in der Kooperation eine unabdingbare Notwendigkeit, da Inklusion ohne Kooperation überhaupt nicht erfolgreich umzusetzen sei.

Individuelle Förderung funktioniert eben am besten, wenn alle an der Lernentwicklung des Kindes beteiligten Personen im regelmäßigen Austausch miteinander stehen, um zum Beispiel Förder- oder Wochenpläne gemeinsam abzusprechen und Ziele nicht aus dem Auge zu verlieren.

Multiprofessionelle Teams sollten kein Luxus, sondern fester Bestandteil in der Schulkultur werden, denn nur so kann Inklusion überhaupt erfolgreich umgesetzt werden. Eine eindeutige Definition, was unter multiprofessionellen Teams zu verstehen ist, gibt es zwar nicht. Mitgedacht werden je nach Schulform Lehrkräfte, Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen, Schulpsycholog*innenen und Integrationshelfer*innen sowie Sprach-Expert*innen. Bislang mangelt es bei der Kooperation in den meisten Schulen sicher nicht am Willen, sondern an der zu hohen Arbeitsbelastung, an Stundenengpässen und dem Fachkräftemangel. Teamarbeit ist Arbeitszeit und muss endlich auch als solche begriffen werden. Eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung und mehr Zeit für Beziehungs- und Teamarbeit sind notwendig, wenn uns die Gesundheit der Lehrkräfte ein Anliegen ist.


Dieser Artikel ist Teil des bbz-Themenschwerpunkts „Gesund bleiben“  [zur gesamten Ausgabe]