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bbz 03 / 2017Kopftuchdebatten gehören abgeschafft

Sie führen nur zu Verletzungen und verhindern eine inhaltliche Auseinandersetzung. Stattdessen sollten wir Schüler*innen unterstützen eigene Wege zu gehen

01.03.2017 - Jette Johannson

Das Gebot, das Kopftuch zu tragen, leiten viele Muslim*innen aus dem Koran ab. Denn in einigen Abschnitten des Korans, wird ein nicht definiertes Kleidungsstück erwähnt, welches die Muslima über ihren Oberkörper legen soll, so dass sie »als Gläubige erkannt und nicht belästigt« wird. In einem Hadith, einer islamischen Überlieferung, fordert der Prophet Mohammed die Muslimas dazu auf, ihren Körper, außer Gesicht und Hände zu bedecken. Allerdings wird an einer anderen Stelle des Korans gesagt, dass es keinen Zwang im Glauben geben dürfe, was für Muslimas heißen müsste, selbst entscheiden zu dürfen. Unter den Muslimas selbst gibt es große Unterschiede in der Ausübung religiöser Pflichten. Neben religiösen oder politischen Gründen spielen beim Kopftuch auch traditionelle, kulturelle oder ethnische Motive oft eine Rolle.

Das Kopftuch als Gegenstand feministischer Debatten

Kein Thema spaltet uns Feminist*innen so sehr wie das Kopftuch. Alice Schwarzer deutet das Kopftuch politisch – als Zeichen des Islamismus oder der Unterdrückung der Frau. Sie sieht es als ein von Männern oktroyiertes Kleidungsstück an, das patriarchale Strukturen festigt. Frauen seien demzufolge Sexualobjekte, die sich verhüllen müssten. Andere Feminist*innen sehen hier die Muslima als Opfer der Deutungshoheit westlicher Frauen oder neokolonialistische Ansätze einer Überlegenheitsideologie, die es verhindert, dass Frauen sich miteinander solidarisieren. Der Kopftuchdiskurs diene auch der Legitimierung der eigenen Stellung in der Gesellschaft.

Es gibt allerdings auch viele muslimische Feminist*innen, die nicht-muslimischen Frauen Ignoranz vorwerfen, wenn sie sich gegen das Kopftuchverbot stellen, da es immer noch viele Mädchen gebe, die nicht frei entscheiden können, ob sie das Kopftuch tragen möchten oder nicht.

Für andere Feminist*innen stellt Verschleierung weder ein Zeichen von Unterdrückung noch Entschleierung ein Zeichen für Befreiung dar, da jede Muslima theoretisch selbst entscheiden könne.

Geschlechterdiskriminierung wahrnehmen

Kopftuchtragende Schülerinnen werden oft nicht nur von Lehrkräften, sondern auch von ihren Mitschüler*innen als rückständig wahrgenommen, da das Kopftuch in unserer Gesellschaft oft mit Unterdrückung assoziiert wird. Das spüren Schülerinnen und es verletzt ihre Identität. »Na du mit deinem Schleier kannst da ja wohl kaum eine Meinung zu haben.« oder »Die darf eh nichts, weil sie ein Kopftuch hat.« sind hier nur ein paar der netteren Zuschreibungen. Dass die Erlaubnis, wer etwas darf und wer nicht, oft von traditionellen oder kulturellen Werten geprägt ist, wird außer Acht gelassen. Bei Klassenfahrten gibt es auch oft Mädchen ohne Kopftuch, die nicht mit dürfen. Religion ist hierbei zweitrangig, denn den Familien geht es um kulturelle Traditionen. Serbisch-orthodoxe oder Menschen aus muslimischen Kulturräumen argumentieren hier oft ähnlich. In solchen Fällen lohnt es sich Geschlechter- statt Religionsfragen im Unterricht zu thematisieren.

Schülerinnen gaben mir gegenüber oft an, dass Kleidung prinzipiell auch immer Schutz und Sicherheit böte – sie würden sich viel selbstsicherer fühlen. Auch Jungen hätten dieses Bedürfnis. Wer erinnert sich nicht an Diskussionen mit jungen Männern, die Cap oder die Kapuze aufsetzen zu dürfen? »Tugba darf ihr Kopftuch doch auch aufbehalten!« Meine Antwort, der jeweilige junge Mann könne auch gerne ein Kopftuch tragen, das sei erlaubt, führte zwar immer zu Lachern, aber nie dazu, dass ein Junge sich für diese Möglichkeit entschied. Das zeigt auf, dass das Kopftuch auch die Geschlechterfrage berührt.

Diskriminierungen aufgrund des Kopftuches greifen ausschließlich Frauen und Mädchen an. Oder wurde schon Mal darüber diskutiert, ob Männer sich die Bärte abrasieren sollen? Schließlich ist das im Islam auch ein Zeichen für Religionszugehörigkeit. Deshalb sollte Diskriminierung aufgrund des Kopftuches nicht nur als religionsbezogene, sondern auch als Geschlechterdiskriminierung in den Blick genommen werden.

Für Schülerinnen ist das Kopftuch häufig ein Zugeständnis an die Kultur des Herkunftslandes der Eltern. Oft tragen sie innere Konflikte in sich, da sich das traditionelle Familienleben von dem westlichen Teenagerleben, das sie führen möchten, unterscheidet. In der Regel wollen diese Mädchen beides: die Tradition der Eltern und die Kultur der Aufnahmegesellschaft. Das Stichwort hier ist Pop-Islam. Für diese Mädchen ist das Kopftuch auch ein Mittel, sich andere Freiheiten oder eigene Standpunkte gegenüber ihren Eltern zu erkämpfen, da das Kopftuch zeigt, dass sie sich trotzdem mit den kulturellen Eigenheiten ihrer Familie identifizieren.

Emanzipation fördern

Andere Mädchen berichten, dass sie, nachdem sie zur Erwachsenenwelt der Frauen gehören wollten und das Kopftuch aufsetzten, es nun nicht mehr abnehmen dürften, da es ein Zeichen für moralischen Verfall sei. Diese Erfahrungen ließen mich mit einem Kopftuchverbot für Schülerinnen sympathisieren, denn ich hoffte, dass ein solches Verbot jungen Frauen die Möglichkeit böte, sich erst nach der Schule entscheiden zu müssen und den Einfluss der Eltern auf die Entscheidung zumindest geschmälert werden könne. Andererseits habe ich mich dann daran erinnert, dass auch ich mich als Kind früh von den traditionellen Ansichten meiner Eltern emanzipieren musste.

Das gehört dazu und hier liegt die Aufgabe von Schule: Lehrkräfte müssen Schüler*innen darin unterstützen, sich individuell entwickeln zu können und eigene Werte kompetent vermitteln und diskutieren zu können. Sie müssen ihnen, wenn es notwendig ist, Unterstützung bieten, wenn die Emanzipation von elterlichen Vorstellungen schwierig wird. Eine Freundin berichtete mir erst kürzlich, dass sie einen Austausch von Gastschüler*innen an französischen Schulen organisiert hat – Mädchen mit Kopftuch durften nicht mit, denn dort gilt das Kopftuchverbot bereits für alle Menschen an allgemeinbildenden Schulen. Das Kopftuchverbot kann also nicht nur Frauen, sondern auch schon Mädchen das Gefühl vom Ausgeschlossensein geben.

Schüler*innen wollen wie alle Menschen akzeptiert werden – ob nun mit oder ohne Kopftuch. Das zeigt ein Fall, der mich sehr betroffen hat. Eine fleißige Schülerin, die Polizistin werden wollte, setzte sich das Kopftuch freiwillig auf. Nachdem der Präventionsbeamte der Polizei sie darauf hinwies, dass sie ihren Berufswunsch bei der Polizei mit Kopftuch vergessen könne, legte sie den Kopf auf den Tisch und nahm ihn sprichwörtlich die nächsten Jahre nicht mehr hoch. Wozu lernen, wenn man doch nicht werden kann, was man will?

Mädchen erleben das Kopftuchverbot als institutionelle Diskriminierung ihrer Religionsgemeinschaft und das kann Auswirkungen auf den Integrationswillen haben. Der Streit ums Kopftuch nährt Vorurteile und Diskriminierung, und es verhindert, dass wir Frauen uns miteinander solidarisieren. Die Debatte gehört endlich abgeschafft. Denn sie verletzt, grenzt aus und lenkt uns ab vom Kerngeschäft: Gemeinsam friedlich zusammen leben.

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